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„Eigentlich“, schreibt M., „rauche ich gerade mehr, als sonst. Ich huste auch wieder mehr.“ Husten ist nicht gut in diesen Tagen. M. weiß das. Sie weiß auch, dass rauchen nicht gesund ist. Generell nicht und jetzt gerade erst recht nicht. Die Raucher sterben zuerst, hat ihr ein Freund geschrieben, belegt mit einem Text über die Todesrate in China. M. hat ihn schon mehrfach gelesen. Sie weiß, dass ihr Freund oft übertreibt. Sie weiß, dass es keine Belege dafür gibt, dass ausgerechnet Raucher als erstes sterben. Aber sie weiß auch, dass Rauchen ein Risikofaktor für den Verlauf der Krankheit ist. Wie eigentlich immer bei Lungenkrankheiten.

Sie ist gut informiert. Sie kennt fast jede Zeile, die bisher über das Virus geschrieben wurde.  Sie hat versucht, alles zu lesen. Anfangs die schlaflosen Nächte vor dem Laptop verbracht, sich bis frühmorgens durch Statistiken geklickt, die Gesundheitssysteme von Ländern studiert, in denen sie noch nie gewesen ist. Die Zahl der Intensivbetten verglichen, ohne sich etwas darunter vorstellen zu können. Jede Stunde Twitter und Facebook gecheckt, immer in der Hoffnung, etwas Neues zu lesen. Aber auch aus Angst, etwas zu verpassen. Die eine wichtige Information, die jetzt über Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod entscheiden könnte. Aus Sorge um die Menschen, die ihr nahe stehen und gefährdet sind. Aus Sorge um sich. Irgendwann hat sie aus Erschöpfung aufgegeben. Eingesehen, dass das kein Dauerzustand sein kann. Weil es nicht von heute auf morgen vorüber sein wird. Und das niemand so lange durchhalten kann. Erst recht nicht, wenn man ohnehin schon seit jeher mit einem hohen Angstpegel zu kämpfen hat.

M. ist Ende 40 und hat keine jener Vorerkrankungen, die nun als Risikofaktor beim Coronavirus angegeben werden. Und trotzdem ist M. nicht gesund. Sie leidet seit Jahren an einer Erkrankungen, die ihr gerade jetzt das Leben besonders schwer macht. M. hat eine generalisierte Angststörung.

Deshalb haben wir uns auch kennen gelernt vor ein paar Jahren. Ich hatte meine erste Panikattacke mit 16, meine erste depressive Episode mit Anfang 20. Und irgendwann hab ich damit begonnen, darüber zu schreiben. Nicht bewusst, sondern weil ich einfach nicht anders konnte. Ich hatte keine Lust mehr, vorzugeben jemand zu sein, der ich nicht war. Nach einem der Texte hat mich M. angechattet. Seitdem sind wir in losem Kontakt. Mal mehr, mal weniger. Es gibt, habe ich mit den Jahren feststellen dürfen, eine echte Verbundenheit zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Man weiß, was die oder der andere durchmacht. Man muss sich nichts erklären. Man erspart sich die oft mühsamen und kräfteraubenden Versuche, den eigenen Zustand, das Auf und Ab, die innere Spannung in Worte zu fassen. Gegen die Vorurteile anzukämpfen, gegen das Unverständnis anzureden. Man versteht einander. Das schweißt zusammen.

Es ist keine einfache Zeit momentan, für niemanden. Eine ständige unsichtbare Bedrohung liegt in der Luft. Die Schlagzeilen sind voller Horrormeldungen. Kein Hoffnungsschimmer, nirgends. Viele Regierungschefs setzen auf eine drastische Wortwahl, um das Ausmaß der Bedrohung durch das Virus zu verdeutlichen. Vielleicht auch, um das anfängliche Versäumnis wieder gut zu machen, das Virus und seine Folgen verharmlost zu haben. Pädagogisch ist das bedenklich, psychologisch nicht ungefährlich. Wenn man nur noch im Panikmodus ist, schaltet sich der Verstand aus. Da hat die Vernunft ganz schlechte Karten.

Die Coronakrise birgt auch ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die psychische Gesundheit der Menschen. Man darf das bei aller momentanen Konzentration auf das Verhindern von physischen Opfern nicht vergessen. Man darf das Kind nicht vergessen, das die Anspannung der Eltern spürt, das sich um die Großeltern ängstigt. Man darf die Menschen nicht vergessen, die gerade um ihre Existenz bangen. Man darf die Sorgen der älteren Generation nicht wegschieben, die als Hauptrisikogruppe ständig mit Bildern konfrontiert ist, auf denen Menschen in ihrem Alter als Opfer zu sehen sind.

„Wie komme ich dazu“, fragt mich die Großtante unlängst außer sich, „dass ich mein Beatmungsgerät einem jüngeren geben muss? Dass ich sterben soll, nur weil ich 86 bin? Ich weiß nicht, wie ihr jüngeren euch das manchmal vorstellt. Aber es ist nicht leicht, so alt zu werden.“

Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet, sie weiß, was es heißt, zu kämpfen. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie im Heim und genießt es, weil sie sich zum ersten Mal um niemand anderen kümmern muss. „Das schönste“, sagt sie immer, „ist, dass ich nicht kochen muss.“ Sie ist körperlich nicht schwer beeinträchtigt und noch einigermaßen mobil. Und, was sich viele nicht vorstellen können, weil das Bild von alten Menschen in Heimen oftmals ein sehr tristes ist, sie hat ein ausgefülltes Leben. Sie hat ihren Fernseher am Zimmer. Sie sieht sich gerne alte Filme an und die Shopping Kanäle, vor allem die Sendungen, in denen es um Schmuck geht. Früher hat sie da oft bestellt, heute wird sie nur noch manchmal schwach. „So ein schönes Armband“, sagt sie oft am Telefon“, und nur 29,90. Aus echtem Gold. Das musst du dir anschauen.“

Am Nachmittag trifft sie ihre Freundinnen aus dem Stockwerk zu Kaffee und Kuchen im Gemeinschaftsraum. Sie lästern, plaudern, lachen miteinander und wenn man sie so davon erzählen hört, klingt es nicht anders, als ein Treffen mit meinen Freundinnen. Vielleicht mit dem Unterschied, dass unsere Vorliebe für Kölnischwasser nicht ganz so groß ist. Was soll man ihr also sagen, wenn sie davon hört, dass im Elsass und in Spanien Menschen in ihrem Alter nicht mehr gerettet werden können, weil man ihnen gesündere, jüngere vorzieht?

Was soll man der Ruftante sagen, die im Sommer 93 geworden ist, die den Krieg noch erlebt hat und nun im Fernsehen hört, dass am Ende der Krise jeder jemanden kennen wird, der an dem Virus gestorben sein wird? In der in diesem Augenblick ganz andere Bilder plötzlich wieder hochkommen. Die Leichen am Rennweg in den letzten Kriegstagen, der Junge, mit dem sie verschüttet worden ist, der nur noch tot geborgen werden konnte. Was soll man ihr raten? Bei einer Hotline anzurufen, wo sie psychologische Beratung bekommt? Sie, die zu einer Generation gehört, in der man sich gegen jegliche psychische Krisen einen starken Kaffee gekocht hat, vielleicht mit einem Schuss Hochprozentigem und dann weitergemacht hat? Das mag uns heute, zurecht, alles andere, als gesund erscheinen. Aber soll man einen Menschen, der für sich einen gangbaren Weg gefunden hat, mit Trauma, Verlust und Gewalterfahrung umzugehen, nun plötzlich bitten, ihn zu verlassen? Kann man es ihr verdenken, wenn sie nichts davon wissen will? Muss man sie, die sich ohnehin ängstigt, die sich nicht mehr nach draußen wagt, nun auch noch mit besonders schrecklichen Bildern quälen?

„Wir verhalten uns momentan“, schreibt mir eine Freundin auf Twitter, „als wären wir nur Körper. Ohne Psyche.“

Angst und Panik können ernste Folgen haben. Das hat nichts mit Befindlichkeiten zu tun oder mit Empfindsamkeit. Das geht an die Substanz. Wer schon einmal einen psychischen Ausnahmezustand erleben musste, eine Panikattacke durchgestanden hat oder mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen hatte, die durch psychische Überlastung entstanden sind, weiß, wovon die Rede ist.
Es wird nicht genügen, ständig darauf zu verweisen, dass wir uns „danach“ darum kümmern können. Dann, wenn alles überstanden ist. Der Mensch lebt jetzt.

Ce la faremo, kann man in den Nachrichten der Menschen aus Italien immer wieder  auf Social Media lesen. Wir schaffen das. Und es wirkt fast wie eine paradoxe Intervention angesichts der Katastrophe, die sich in ihrem Land abspielt. Auch die Mails meiner Vermieterin aus Rom enden immer mit Andrà tutto bene. Alles wird gut. Ein Satz, der mehr ist, als nur drei Worte. Es ist eine Formel, die uns schon als Kinder beruhigt hat. Es ist ein Aufruf, nicht aufzugeben. Weiterzumachen. Ein gegenseitiges Mutmachen. Denn inmitten all der Schreckensnachrichten, all den Geschichten von den Toten und Schwerkranken, all den Analysen von politischen Versäumnissen, fehlenden Schutzmasken und Beatmungsgeräten, muss man den Menschen auch Pausen lassen. Man muss ihnen auch Hoffnung geben. Etwas Positives in all der Düsternis. Eine Perspektive. Man muss ihren Sorgen Raum geben. Ihnen Mut zusprechen. Nicht Horrorszenario auf Horrorszenario folgen lassen. Denn niemand kann 24 Stunden Angst haben. Sonst geht man kaputt. Und zwar jetzt und nicht erst, wenn alles vorbei ist.

Auf Twitter macht aktuell das Video einer Krankenschwester aus New York die Runde. Es zeigt die erschöpfte Frau nach einer 16 Stunden Schicht in einem der völlig überfüllten Krankenhäuser der Stadt, die momentan die größte Opferzahl in den USA zu beklagen hat. „16 Stunden haben wir gearbeitet“, sagt sie und lächelt müde, aber triumphal, „und wir haben nicht einen Patienten verloren. Nicht einen. Und morgen versuchen wir das wieder.“

„Danke“, schreibt mir M. „Das hat mir jetzt gut getan.“

Mir auch.

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