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(aus: Roh. Von der Sehnsucht nach Echtheit. Radioessay, SWR 2, 2019)

Der größte Feind der offenen Gesellschaft ist die Gleichgültigkeit.

Sie hängt bleiern um ihren Hals, zieht sie nach unten, sie bricht ihr das Genick. Wen kümmert es, wenn Bürgerrechte eingeschränkt werden, wenn sich Staatschefs autoritär gebärden, solange der Akku noch mehr als 10 Prozent hat?

Menschen, die auf Bildschirme starren, Tag und Nacht, auf die kleinen und die großen. Die Teilnahmslosigkeit im öffentlichen Raum, wo man den Blick nicht mehr vom Display nimmt. Auch nicht mehr sehen will, was rundherum geschieht. Die Abgestumpftheit den anderen gegenüber, die um einen sind, die man trifft, denen man aber nicht mehr begegnet. Sie ist gefährlich, weil sie einen nicht mehr sehen lässt, was ist. Nur noch, was sein soll.

Man hat sich in die Passivität verfügt, ganz ohne Zwang. Man hat es sich dort schön eingerichtet. Mit Kuscheldecken und extra weichen Kissen. Nicht aus Verzweiflung, Überforderung, Erschöpfung. Sondern aus Bequemlichkeit. Solange es noch flimmert, so lange es bunte Bilder gibt, kann man ja noch wischen, klicken, anwählen. Und meinen, man würde etwas bewegen.

Man würde herum kommen. Ohne einen Schritt von der Stelle zu machen. Man dreht seine Runden in der virtuellen Welt, und abends ist man erschöpft wie nach einem Tag in der Werkstatt. Der Kopf ist müde, das Denken gelähmt.

Zu viele Bilder, zu viele Möglichkeiten, auszuwählen. Was bleibt, ist die Angst vor der falschen Entscheidung. Sie nagt an vielen. Die Sorge, etwas verpasst zu haben. Also weiterklicken, zur nächsten Seite, zum nächsten Clip, zur nächsten Antwort, die man noch nicht gelesen hat. Nur unterbrochen vom traumlosen Schlaf.

Man igelt sich ein in die selbst gewählte Blase. Wählt seine Social Media Gruppe, den Spartenkanal seines Vertrauens. Da ist alles streng abgezäunt, nach Genre und Inhalten geordnet. Da kommt nichts rein, was nicht ins Schema passt. Da ist die Welt nie anders, als man sie sich denkt. Man begegnet keinen Utopien mehr. Man trifft nur die Bestätigung der eigenen Vorstellung. Wiederholung als Endlosloop. Die Platte ist hängen geblieben, aber das Kratzen stört nicht mehr. Wiederholung gibt Sicherheit. Der Rest ist Showbusiness.

Aufmerksamkeit erregt nurmehr das Laute. Politik ist ein Spartenkanal voll roher Unterhaltung. Schreiduelle, Untergriffe, Beleidigungen. Die Pöbelmeisterschaften sind eröffnet, Helau! Eine Realityshow mit schrillen Figuren. Der Aufmerksamkeitswettbewerb ist härter geworden. Und es fällt nur auf, was Aufregung verspricht. Alles andere fällt durch. Nur wer Tabus bricht, wer Grenzen überschreitet, wer am lautesten grölt, wird wieder reingewählt.

Weil er Quote bringt. Nachrichten und Tagesschau wirken alt und grau. Alles ist Castingshow. Mit Kandidaten, die das Model und den Gladiator geben.

Alles nach vorn, in die erste Reihe, Ellbogen raus und den anderen in die Rippen stoßen. Und wenn jemand fällt, dann ist es geschafft. Die Kandidaten sind nicht dort, um Freundschaften zu schließen. Um die Menschen aus allen Ecken und Stadtteilen zu gewinnen. Um für alle einzutreten, nein. Sie wollen das Ding gewinnen! Die Castingshow ist zur Erziehungsanstalt einer ganzen Generation geworden. Und ihre schwarze Pädagogik gilt mittlerweile überall. Man muss es wirklich wollen, lautet der Stehsatz der Juroren, der zum Gesetz der Eventgesellschaft wurde. Nur der unbedingte Wille zählt. Er ist es, der gewählt wird. Nicht der Inhalt, nicht der Weg zu einem Ziel. Er mag nicht der beste Staatschef sein, aber er hat alles gegeben, dafür gibt es Extrapunkte.

Verluste gehören dazu. Sie sind akzeptiert, niemand stößt sich mehr daran. Sie werden in Kauf genommen. Wenn jemand liegen bleibt, war er nicht stark genug. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Heul doch! Dafür gibt es keine Stimmen.

Das Ideal der Ich-Maschine hat sich durchgesetzt. Man möchte keinen netten Onkel mehr, der das Staatsschiff lenkt. Keine gütigen Eltern, die

das Fleisch aufschneiden und verteilen. Mutti isst allein am Einzeltisch. Onkel Helmut ist auch schon lange tot. Die Karawane weiter gezogen, auch ohne ihn.

Das Kabinett der besten Köpfe, die Auskenner im schlecht sitzenden Anzug, lauter graue Figuren, will man nicht mehr sehen.

Die grauen Männer stehlen die Zeit. Sie liefern kein Spektakel, das vor der Gleichgültigkeit rettet, die ständig alles zu verschlingen droht. Das Gegenteil von Angst ist Hysterie. Schwung in der Bude, Oktoberfeststimmung, und die alte Jukebox läuft auch wieder.

Der Cowboy, der Rambo, das Rauhbein mit Charme. Sie schaffen es, zu begeistern. Der Einzelkämpfer, Außenseiter, Karrierist, der gar nicht verhehlt, dass es ihm nur um sich selbst geht. Der die verbalen Keulen auspackt statt der Argumente. Der zuerst zuschlägt und dann nachfragt. Der alles platt macht auf seinem Weg zum Sieg. Das muss so sein, das haben uns die Castingshows so beigebracht. Der Populist von heute gibt gar nicht vor, für alle zu sprechen. Er spricht nur für seinesgleichen. Und zu denen möchte man dazugehören.

Er akzeptiert keine Regeln, außer er hat sie selbst gemacht. Für eine Handvoll Dollar, der Cowboy reitet wieder und wer nicht mitkann, der hat verloren.  Er ist eine sichere Bank. Denn er liefert. Er hat einfache Antworten auf komplexe Fragen. Er hält sich nicht lange auf mit Erklärungsversuchen. Entweder man ist für ihn oder man ist sein Gegner. Er ist der Cowboy in einer Welt, in der viele die Übersicht verloren haben. Außerhalb der Bildschirme. Er ist der Dorfkaiser, der die kleinen Orte vor der Moderne verteidigt. Deshalb wählt man ihn.

Er benennt die Schuldigen, er kämpft den Kampf der zu kurz Gekommenen, die sich schon immer übergangen fühlten.

Er tut all das, was sie selbst nie wagen würden. Er spuckt auf die Denkmäler von Toten. Er bedroht politische Gegner. Er beschimpft die Medien vor laufender Kamera. Er verspottet Menschen mit Behinderungen. Dabei lacht er so laut, dass man ruhig mitlachen darf. Weil es keiner hört. Alles ist erlaubt, wenn es nur die Lethargie vertreibt. Er prahlt damit, Frauen zu belästigen. Sie zu begrapschen, ihnen nachzustellen. Und sorgt für Schenkelklopfer in den Bierzelten.

Er richtet den Schwachen aus, dass sie sich anstrengen müssen. Dass die Schonzeit vorüber ist. Dass nicht jeder mitkann in die neuen Zeiten. Er gibt vor, wer Freund und Feind ist. Und erklärt die Kritiker für vogelfrei. Da ist er kleinlich und leicht kränkbar. Da versteht er keinen Spaß. Wer sich gegen ihn stellt, wird auch persönlich angegriffen.

Dank ihm wird alles sagbar. Kein Tabu ist zu groß, keine Beleidigung zu brutal, keine Drohung zu primitiv. Er macht Schluss mit dem Ausgleich, mit dem Verhandeln, mit Kompromissen, die doch nur frustrieren. Er will hart durchgreifen, und die Masse johlt.

Die Rowdys sind ganz oben angekommen. Sie haben die Macht übernommen. Sie wollen sich das Land aufteilen wie einst den Schulhof. Blaue Ecke, rote Ecke, dazwischen regiert die Angst. Die neuen Rowdys schämen sich nicht. Sie haben die wichtigste Lektion der Castingshows gelernt. Nur wer sich entblößt, kommt in die letzte Runde und gewinnt. Also den Narrenhut aufgesetzt und auf zur Faschingsitzung! Warum nicht ein paar Altherrenwitze machen? Warum nicht Minderheiten verspotten, bis der Saal brüllt? Warum nicht Schmähreden halten gegen die Sterbenden an den Grenzen?

Das Staatstragende ist aus der Mode gekommen. Es hängt ganz hinten im Kasten neben den alten Anzügen und den biederen Blusen und wartet darauf, dass Marie Kondo es entsorgt. Does it give you joy? Wirklich nicht!

Poltern und Pöbeln ist der Soundtrack unserer Zeit. Auch, wenn die Achtung verloren geht, die Zahlen stimmen. Die Zustimmung zum harten Kurs wird immer größer. Grenzen werden unter Jubel geschlossen. Man wartet wieder im Konvoi, aber man wartet gerne. Sicherheit geht vor, die Freiheit bleibt auf der Strecke. Man wusste ohnehin nichts mehr mit ihr anzufangen. Der neue Weg ist autoritär. Das Brutale hat die Oberhand gewonnen, weil es Halt gibt. Da ist kein Raum für Zweifel. Da kommt endlich Ordnung in eine unordentliche Zeit. Da ist Ausmisten der neue Volkssport. Was keine Freude macht, kommt weg. Die neuen starken Männer kümmern sich darum. Die Gleichgültigkeit lässt sie gewähren. Was soll schon passieren?

Man wähnt sich in Sicherheit. Denn alles ist ein Spiel und die Pöbler als Staatschefs nur Unterhaltung. Wie die Figuren aus den Shows, deren Geschichten man am Mittagstisch bespricht. Auch, wenn sie nicht wahr sein sollten, sind sie zumindest gut erfunden. Wutanfälle  auf dem politischen Parkett als Folklore. Ein Gratis-Channel, ein harmloses Unterhaltungsprogramm. Ein Toben, das die eigene Wut ersetzt. Das andere spielen lässt, was man selbst empfindet. Aber schon lange nicht mehr zeigen kann.

Vielleicht wird dem einen oder anderen doch manchmal mulmig. Wenn er liest, wie das Land umgebaut wird. Wenn er hört, was plötzlich alles möglich ist. Mit Oligarchen-Nichten. Oder wenn er jene sieht, für die der neue Weg zur Sackgasse geworden ist. Und er wacht kurz auf aus seiner Lethargie, er schreibt ein mahnendes Mail, das in den Spamordnern verschwindet. Er startet eine Petition.

Dann fällt er wieder in die extraweichen Kissen. Halb ziehen sie ihn, halb sinkt er hin. Und er ward nicht mehr gesehen. Solang es flimmert, ist es nicht so schlimm.

(Roh. Von der Sehnsucht nach Echtheit. Radioessay zum Nachhören auf SWR2: https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/essay/roh-von-der-sehnsucht-nach-echtheit/-/id=659852/did=24180094/nid=659852/8h2fd6/index.html

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