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Morgen ist er vier Jahre tot. Und die Erinnerung verändert sich so wie sich die Zeiten ändern, auch wenn man es nicht möchte. Wir haben oft gestritten. Ich träume jetzt manchmal davon. Wie wir mit Türen schlugen, wie wir uns anbrüllten, so laut und inbrünstig, dass die anderen im Haus in ihre Zimmer flüchteten. Sich die Ohren zuhielten. Kopfschüttelnd das Haus verließen. Bis da nur noch wir zwei waren, er und ich. Ich träume davon, wie wir uns gegenüber stehen und keiner auch nur einen Schritt auf den anderen zugehen kann. Einlenken, sich die Hände geben, sich in die Arme fallen. Undenkbar. Zwei große Egos, die sich aneinander messen. Auch, wenn eines davon noch ein Teenager ist. „Kein Pardon“, das stand lange Jahre über meinem Schreibtisch. Und ich glaube, es hätte ihm gefallen.

Ich träume von unserem letzten Telefonat im Zorn. Davon, wie ich aufgelegt habe, überzeugt davon, das richtige zu tun. Von den elf Jahren Schweigen, die folgen sollten. Von den Briefen, die er mir geschrieben hat. Und ich die ungelesen retour geschickt habe. Da hat der Stolz über die Neugier gesiegt.

„Einen Vater zu haben“, hat er einmal zu mir gesagt, „ist ein Bürde. Und fast muss ich froh sein, dass ich keinen hatte, oder?!“ Ich habe ihm nicht widersprochen, aber das hat er auch nicht erwartet. Manchmal saßen wir bis drei Uhr früh zusammen im Wintergarten, ganz harmonisch mit einem Glas Cognac in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Er war kein Heiliger. „Du musst selbst entscheiden, woran du sterben willst“, hat er gesagt. Und es musste schon viel passieren, sehr viel, bevor er einschritt.

Das fehlt mir heute. Nicht seine Wärme, die Großzügigkeit, mit der er alle umarmte, die es nötig hatten, das Mitgefühl, das er für andere empfinden konnte, wenn er es zuließ. Sondern die Rücksichtslosigkeit, mit der er auf sich und die Welt sah. Die Grobheit, die brutale Ehrlichkeit, mit der er Dinge ansprach, die in seinen Augen falsch liefen. Ungeachtet dessen, ob es sich schickte oder nicht.

Mir fehlt die Schonungslosigkeit, mit der er Missstände angeprangert hat und jene, die sie zu verantworten hatten. Heute denke ich gerne an die Momente, in denen er gegen das Diktat der Harmonie verstoßen hat. Und andere zur Rechenschaft zog. Auf Festen, auf Veranstaltungen, auf Familientreffen, auf denen alle so bemüht waren, den Schein aufrecht zu erhalten. Als ob es keine Gräben gab, die sie voneinander trennten. Die jenen den Weg zu ihnen abschnitten, deren Start ins Leben nicht so einfach gewesen war.

Ich mochte seine Brutalität, mit der er niemanden entkommen ließ, der es sich gerichtet hatte. Ich mochte seine Anklagen, die niemals weinerlich waren. sondern laut und direkt. Auch, wenn es die Stimmung mehr als einmal zerstörte. Auch, wenn es manchmal um vieles einfacher gewesen wäre, alles so zu belassen, wie es war. Und vielleicht auch klüger.

Er glaubte nicht an Gott, nicht an „den da oben“, aber er war überzeugt davon, dass es ein Gewissen gab, vor dem wir uns zu verantworten hatten. Dass jeder die Konsequenzen seines Tuns in jedem Moment bedenken musste. Dass es keine Ausflüchte gab, keine guten Gründe, warum man so handelte, dass es andere verletzte, ihnen schadete, sie zerstörte. Dass man immer ist, was man tut. In jedem Augenblick des Lebens, auch wenn er noch so schnell vorüber geht.

Und auch, wenn die Erinnerung langsam verblasst, auch wenn die Tage mehr werden, an denen ich nicht an ihn denke, bleibt er doch die Stimme in mir, die mir zuruft, keine Angst zu haben. Selbst wenn die Dunkelheit mich zu verschlingen droht, wenn ich mich sorge, wenn ich mich fürchte davor, was kommen mag. Dann es ist er jener Teil in mir, der trotzdem aufsteht und weitergeht und stur daran festhält, woran er glaubt.

Ich kann dir kein Geld vererben, hat er gesagt, keinen Besitz, keine Bilder, die im Wert steigen. Nur meinen Glauben daran, dass man tun muss, wovon man überzeugt ist. Auch, wenn man allein damit ist und es bleibt.

Und während die Jahre mehr werden, in denen er nicht da ist und die Besuche am Grab weniger, ist das nicht nichts und bleibt einem, auch wenn man es manchmal erst im Nachhinein sieht.

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