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Wir ziehen jetzt jeder ein Streichholz, sagte P. zu mir und hielt mir die Schachtel mit dem Edelweiß-Aufdruck hin, in der sowohl abgebrannte als auch ungebrauchte mit rotem Kopf waren. Wenn es ein Schwarzes ist, dann springen wir. Wenn es ein Rotes ist, dann bleiben wir noch hier. Wir saßen damals nebeneinander auf dem Geländer einer Brücke über dem Lendkanal in Klagenfurt. Es war November, der Nebel hing wie immer im Herbst über der Stadt und kroch uns in die Nase. Ein schaler Geschmack in unseren Mündern, der keine Lust aufs Küssen machte. Also, sagte P. Was meinst du? Ich nickte und griff in die Schachtel. Schwarz, sagte ich. P. nahm ebenfalls eines. Rot. Unentschieden. Na gut, meinte er gleichgültig und zog seinen dickflüssigen Speichel auf. Dann eben nicht. Nicht heute. Wir schlenderten über die Brücke, gingen durch ein Waldstück, sprangen über einen morschen Holzzaun und brachen in einen Garten ein, in dem es nichts zu sehen gab außer kahler Bäume. Dann trollten wir uns in Richtung Bundesstrasse, verabschiedeten uns mit einem flüchtigen Kuss und gingen unserer Wege. Jeder in sein Elternhaus.

Was, wenn wir beide schwarz gezogen hätten? P. und ich mochten uns gerne. Wir waren verliebt ineinander, wenn auch nicht sehr. Ein halbes Jahr später telefonierten wir nicht mehr miteinander. Ein Jahr danach wussten wir schon nicht mehr wie der andere aussah. Selbst heute muss ich mich anstrengen, um ihn auf den unscharfen Fotos von damals zu erkennen. War er der große Junge mit den abrasierten Haaren gewesen oder doch der Rothaarige mit den Dreadlocks?!

Viele Jahre später glaub ich, dass mehr Mut dazu gehört, weiterzumachen als zu springen. Dabei liest man immer, dass Springen etwas Gutes sei. Spring ins Ungewisse, spring ins kalte Wasser, spring ins Glück! Der Sprung an sich ist aufregend, rebellisch, radikal. Der Moment der Tat birgt ein Versprechen ins sich. Ein neues Leben, eine andere Routine, ein veränderter Tagesablauf. Trotzdem muss man Kaffee kaufen, man muss die verdorbene Milch wegschütten und abends die Wäsche aufhängen. Ganz unmythisch auf einen Wäscheständer wie Tausende andere auch. Nur dass er neben der Heizung steht, die leise durch die kalte Aprilnacht surrt. Und bei anderen vielleicht am Balkon mit Blick auf den Wohnblock gegenüber. Oder auf der Terrasse im Wochenendhaus, wenn es das Wetter zulässt. Der April ist der grausamste aller Monate, hat T.S.Elliot geschrieben.

Was ändert sich also, wenn man springt? Was, wenn man es nicht tut? Wenn man Kinder hat, muss man sie abends ins Bett bringen. Wenn nicht, dann nur sich selbst und das kann schwieriger sein, weil man Zeit hat, sich dabei zuzusehen. Sich zu fragen, ob man müde genug ist. Nachzuhelfen mit einem Glas Rotwein, einem Schlafmittel oder einer Tasse Baldriantee aus dem Reformhaus, in das man in letzter Zeit öfter geht, auch wenn es dort seltsam riecht. Weil man irgendwie meint, dass es gesund ist und dass man länger lebt und das lange Leben vielleicht seltsam riecht.

Auf der Kunsthochschule, auf der ich studiert habe, sollte ich einmal eine Schauspielübung machen, die darin bestand, dass ich eine Tasse Tee vor dem Spiegel trinken musste. Und alle meine Gesten dabei penibel beobachten und nacherzählen. Ich habe nach dem ersten Schluck abgebrochen. Die dicken Lippen, das seltsam verdrehte Handgelenk, die großen dumpfen Augen, die auf die Tasse starrten. Ich war mir so unheimlich wie nie zuvor. Das bin also ich, dachte ich mir mit Schaudern. Und konnte ein paar Wochen nicht einmal ein Glas Wasser trinken ohne daran zu denken. Wenn man sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, wenn sich alles um das Ich dreht, dann ist es wie in der Geschichte von dem Kind, das in der falschen Richtung um den großen Stein  im Hof gelaufen ist. Mit jeder Runde verwandelte sich das Grau des Steins in eine hässliche, böse Fratze. Bis das Kind anhielt, umkehrte und in die entgegengesetzte Richtung lief, gerade noch rechtzeitig bevor das Ungeheuer, zu dem der Stein geworden war, nach ihm griff und es mit sich zog in die Dunkelheit. Ins Unglück.

Das sind nur Märchen, die mir als Kind erzählt wurden, damit ich schneller einschlief und die Urgroßmutter ein wenig Zeit für sich hatte. Ein Glas Wein trinken konnte, den eigenen Gedanken zuhören, eine Runde ums Haus gehen und den Wind im Haar spüren. Sie starb mit 89 an Altersschwäche. Ihr Grab liegt unweit von meinem Taufpaten, der einer Lungenentzündung zum Opfer fiel und nur wenige Reihen entfernt von meinem Vater, der vor zwei Jahren seine Augen für immer schloss. Nach langer schwerer Krankheit. Das sagt man so, wenn man jemandem beim Sterben zusehen muss. Vor allem er sich selbst. Als er tot war, war ich zuerst erleichtert. Dann traurig. Dann ratlos. Ich fühlte mich alt. Erwachsen. Allein.

Ich wusste nichts mit mir anzufangen und ich weiß es oft heute nicht. Überleben, Rechnungen begleichen, die Versicherung bezahlen. Weiterkommen, stehen bleiben, sich umdrehen. In der falschen Richtung um einen Stein laufen. Verständnis haben, nichts verstehen, allein sein wollen. Wäsche waschen, Milch wegschütten, Kaffee kaufen. Links von der Heizung einschlafen, rechts von der Heizung einschlafen, aufstehen. Weitermachen. Ein schwarzes Streichholz aus der Schachtel ziehen, ein rotes. Und trotzdem weitermachen.

Vielleicht gehört dazu mehr Kraft als zu springen. Den Toten ist es letztlich egal, woran sie gestorben sind, denk ich mir, während ich am Friedhof Kerzen anzünde. Vielleicht sollten sich die Lebenden auch nicht so oft fragen, warum sie noch da sind.

Ich gehe am Lendkanal entlang und komm zur Brücke und denk an P. Was, wenn wir damals gesprungen wären? Wie lange es her ist. Wie viel seither passiert ist. Wie wenig ich davon voraus ahnen konnte. Das Weitermachen hat sich doch gelohnt. Für mich sicher. Für ihn wahrscheinlich auch.

 

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