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Nachrichtensendungen haben ihre Bedeutung verloren, sagen die Medienwissenschaftler. Kaum jemand meiner Generation sitzt noch abends vor dem Fernsehgerät und wartet auf die News. Wir sehen online, was geschieht. Wann immer es geschieht. In Echtzeit. Und doch war es der Meldungsblock einer Zeit im Bild-Ausgabe, der mir im Jänner dieses Jahres, das so viele Abschiede mit sich bringen würde, den traurigsten von allen verkündet hat. Mein Professor, der Mann, der mich einst auf die Filmakademie aufgenommen hatte, der erste Mensch, der jemals an mich geglaubt hatte, war nicht mehr. Ich saß im Wohnzimmer am Laptop, vertieft ins Korrekturlesen eines Textes, da hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme, da sah ich ein mir nur zu gut bekanntes Gesicht. Sie zeigten einen Ausschnitt aus einem seiner Interviews. Er sprach langsam und bedächtig, so wie immer. Ohne Floskeln, aber auch ohne Eile.

Ich glaube, dass Sie etwas zu erzählen haben, hat er damals nach der Aufnahmeprüfung zu mir gesagt. Ich glaube, Sie wissen noch nicht was. Aber wir haben jetzt fünf Jahre, um es herauszufinden. Ich stand vor ihm in einer viel zu weiten Cordhose, die ich mir am Tag zuvor am Flohmarkt gekauft hatte. Die Aufnahmeprüfung bestand aus fünf Runden und ich war nur mit einer einzigen Hose von Klagenfurt angereist. Ich hatte nicht damit gerechnet, am Ende der Woche noch dabei zu sein. Ich verstand nicht, was er meinte. Aber ich spürte, dass da jemand war, der an mich glaubte. Mehr als ich selbst zu diesem Zeitpunkt. Ich war eine sehr unglückliche junge Frau damals, auf der Flucht aus einer Heimatstadt, die niemals Stadt war und mir auch keine Heimat. Ich war nicht verliebt, ich hatte meine Freunde an andere Orte verloren, ich hatte kein Geld und ich hatte keine Vorstellung von einer Zukunft. Aber ich schrieb. Tag und Nacht. Und ich wollte weiterschreiben. Walter gab mir die Möglichkeit dazu. Vaterfiguren haben es leichter als die Väter selbst. Sie müssen keine Verantwortung übernehmen, sie müssen sich nicht sorgen, sie können geben ohne das Risiko dafür tragen zu müssen, was sich aus dem Gegebenem entwickelt. Walter wusste das. Er hat es mir oft gesagt. Er war wie ein Vater zu mir und doch war er alles, was mein wirklicher Vater niemals gewesen war. Wenn ich wochenlang nicht zum Unterricht erschien, schrieb er mir ein Mail. Eigentlich einen Brief. Einen elektronischen Brief. Er drängte mich nicht, er fragte nicht nach, er machte mir keine Vorwürfe. Er schrieb nur: Ich habe dich lange nicht gesehen. Ich würde mich freuen, wenn du dich wieder einmal anschauen lässt. Du schreibst? Es war eine Erinnerung und eine Aufforderung zugleich. Und es war gut, dass sie kam.

Als Walter starb, ging ich nicht zu seinem Begräbnis. Ich schrieb keinen Text für die Rede wie es so viele meiner Kommilitonen taten. Ich konnte nicht. Ich war feig. Ich hatte fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor meinen Vater beerdigt. Ich wollte nicht schon wieder am Grab eines Menschen stehen, der mir so viel bedeutet hatte und dem ich doch nur hilflos nachblicken konnte. In ein großes Erdloch. Ich wollte keine Erde werfen, keine Blume, ich wollte daran denken wie wir zusammen tranken und lachten und rauchten. Und an endlosen Nachmittagen im Gastgarten gemeinsam über zahllosen Bieren die Welt gerettet hatten. Immer und immer wieder aufs Neue. Als wäre da noch etwas, das man retten könnte. Sein Tod hat etwas verändert. Im Februar kündigte ich meinen Job, im März wollte ich nach Hamburg ziehen. Mein Vater hatte mir etwas Geld hinterlassen. Ich wollte es nicht anlegen, ich wollte nicht für schlechte Zeiten sparen oder etwas für die Kinder zur Seite legen, die ich doch nie bekommen würde. Ich wollte reisen. Ich wollte weg aus Wien. Ich wollte neu anfangen und doch zum alten Leben zurückkehren. Geschichten schreiben. Ohne Abgabetermin, ohne Aktualitätsdruck, ohne auf Fakten Rücksicht nehmen zu müssen. Eine neue Welt erfinden. Nicht die existierende beschreiben. Dann fuhr ich nach Triest. Und alles sollte anders werden.

Italien, das war das Land meines Großvaters. Seines lauten, kehligen Lachens. Seines Fingerschnippens, wenn alle anderen die Köpfe in ihren Armbeugen vergruben. Das wird schon, sagte er dann und zwinkerte. Als Kind mochte ich dieses Zwinkern nicht. Es war mir zu wenig ernsthaft, unangebracht, unpassend. Oberflächlich. Aber plötzlich war es genau diese Oberflächlichkeit, die mir das Weitermachen einfacher machte. Du lebst dich so schwer, hatte mein Großvater immer zu mir gesagt. Und er hatte recht behalten. Seit mein Vater gestorben war, lebte ich in ständiger Angst, die Nächste zu sein. Es gab keinen Grund dafür, es gab keinen medizinischen Befund, der diese Sorgen erhärtet hätte. Aber es war trotzdem immer da. Das Gefühl, nicht mehr lange hier zu sein. Die Freunde, die Familie, die Menschen, die ich liebte, nicht mehr wiederzusehen. Alles war schwer und schwermütig schleppte ich mich von einem Tag zum nächsten.

In Rom, in Mailand, an der toskanischen Küste lebte es sich plötzlich ganz einfach. Ich reiste und reiste und mit jeder neuen Stadt, mit jedem neuen Auspacken und Spazieren inmitten der Menschen, deren Sprache ich zwar verstand, aber nicht wirklich sprechen konnte, verschwanden die düsteren Gedanken. Ich hatte ein neues Zuhause, um das ich nicht gebeten hatte. Um das ich mich nicht bemüht hatte. Es war einfach plötzlich da. Und es machte nicht den Eindruck, zu verschwinden. Bei jedem neuen Besuch suchte ich nach Fremdheit. Nach Distanz. Nach Irritation. Aber Rom empfing mich mit offenen Armen. Es war chaotisch, ein bisschen zerstört und nicht ganz auf der Höhe, so wie ich. Aber es war auch alarmiert. Vor jeder Kirche, an jeder Sehenswürdigkeit, vor jedem Bahnhof standen die Soldaten in ihrer Uniform mit dem Gewehr im Anschlag und erinnerten daran, dass der Terror im Jahr 2016  zu uns gehört. Dass er Wirklichkeit geworden war. Ein Teil des Alltags.

Die Kontrollen vor den Kirchen waren Teil jedes Besuchs. Im Frühjahr 2000 hatten wir auf der Filmakademie Brazil gesehen, das Meisterwerk von Terry Gilliam, in dem der Terror zum britischen Nachmittagstee gehörte. 2004 schrieb ich meine Diplomarbeit über die RAF Terroristinnen im Film. Meine Betreuerin lachte damals, weil ich so viele Bücher über den Terror wälzte. Das wirst du nie wieder brauchen können, sagte sie zu mir. Sie sollte sich irren. Leider. Alles wiederholt sich. Die Angst der Menschen, die Suche nach Sündenböcken, die Panik, die von manchen Medien geschürt wird, der Ruf nach Law and Order. In Italien schien immer die Sonne. Auch als die Diskokugeln für immer erloschen. Zu Purple Rain habe ich das erste Mal geschmust. Es war am Schikurs, am Abschlussabend und ich war einen Kopf größer als er. Everybody knows hab ich am Balkon meines Zimmers gehört, mit 15, depressiv, immer in schwarz, mit einer verbotenen Zigarette im Mund und mit dem Blick über das Maisfeld vor unserem Haus, auf dem heute Mietshäuser stehen, pastellfarben. Wenn mein Bruder genug hatte von der Eintönigkeit der Kleinstadt, dann stieg er ins Auto meiner Mutter, spätnachts. Und ich durfte mit. Wir fuhren durch schlecht beleuchtete Straßen an den Stadtrand, zu einem Autohaus. Wir kauften uns Cola Bourbon an der Tankstelle und wir hörten Bowie. Ashes to ashes. Bis der Tank leer war.

Prince, Leonard Cohen, Bowie. Und am Ende auch noch George Michael. Die schönste Erinnerung eines Lebens ist immer ein Kennenlernen, sagte Billy Wilder einmal. Die traurigste ein Abschied für immer. 2016 war ein Jahr voller Abschiede. Die Menschen, zu deren Liedern ich einst am Schikurs zum ersten Mal geschmust habe, sind nicht mehr da. Der zweite Vater, den ich haben durfte, dem ich so viel verdanke bis heute, auch nicht mehr. Der Mann, der den Soundtrack zu den nächtlichen Fluchtversuchen meines Bruders und mir geliefert hat, er ist nicht mehr. Die innere Sicherheit ist verschwunden und ich suche meine Diplomarbeit und finde nur Abschiedsbriefe von Menschen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

Vielleicht war 2016 das Jahr, in dem wir erwachsen geworden sind. Ohne darum gebeten zu haben. Ich glaube noch immer, jeden Tag sterben zu müssen. Unlängst bin ich nachts durch die Wohnung geirrt, weil ich nicht schlafen wollte. Weil ich Angst davor hatte, die Augen zu schließen. Ich hab mich durch alte Tagebücher gewühlt, das Licht war schlecht, aber irgendjemand im Haus gegenüber hatte seine Weihnachstbeleuchtung angelassen. Die kitschigen Sterne und der Weihnachtsmann leuchteten in mein Zimmer. Die Diskokugel mag dunkler sein, nichts mag sich entschieden haben in diesem Jahre, nichts ist fertig geworden. Forget your perfect offering, singt Leonard Cohen. There is a crack in everything, that’s how the light gets in. Wir sind vielleicht nicht gut, hat Christoph Schlingensief gesagt, aber wir sind da. Es sind noch fünf Tage bis 2017. Wir werden sie überstehen, Und wenn wir sie überlebt haben, haben wir schon gewonnen. Happy new year, Tod. Wir sehen uns dann im nächsten Jahr.

 

2 thoughts on “Time to say goodbye

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