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Zuhause ist ein Sehnsuchtsort, den man ohne Kompass findet. Zuhause ist es warm, man ist geborgen, man ist sicher. Zuhause brennen im Winter Kerzen, es riecht nach Suppe und nach frischer Wäsche. Zuhause gibt es eine Decke, unter die man die kalten Füße stecken kann. Und manchmal schlüpft man gemeinsam darunter. Zuhause ist man satt, träge, zufrieden. Niemand bedroht dich, niemand setzt dich unter Druck, niemand will dir Böses. Zuhause ist alles gut.

Aber manchmal ist es das nicht.

Als Sebastian und ich uns zum ersten Mal begegnen, haben wir keine Jobs, wir haben keine Idee von der Zukunft, wir haben kein Zuhause. In dem Haus, in dem Sebastian die meisten Jahre seines Lebens verbracht hat, riecht es verbrannt. Es ist hektisch und laut. Es fliegen die Tassen und Teller und zerbrechen am Steinboden. Und manchmal zerbricht auch ein Mensch. Der Vater, die Mutter, ein Kind. Vor dem Haus, in dem Sebastian aufgewachsen ist, liegen Felder und ein Wald. Ein großer, tiefer, dunkler Wald, der das Haus umschließt, der nach seinen Bewohnern greift, weil er ebenso wie die Äcker und Felder vererbt worden ist, seit über 400 Jahren. Vergrößert, verbreitert und nun, größer und weiter als je zuvor, wieder die Last des Erbes in sich trägt.

Die Großeltern, im Haus nebenan, haben sie bisher getragen und wollen sie weitergeben. Der Vater hat sie angenommen, weil er nichts anderes kennt, weil seine Schultern zu breit sind, um auszuscheren aus dem Geschirr, das ihm seine Ahnen übergestülpt haben. Er hat es sich nicht ausgesucht, er ist langsam hinein gewachsen. Und hat nie gesehen, dass es außerhalb des Weges, der für ihn vorgezeichnet war, eine ganze Welt zu entdecken gibt. Vielleicht wollte er es auch nicht sehen. Vielleicht war er zu ängstlich, um nach rechts und links des Pfades zu blicken, der für ihn ausgetreten war. Die Mutter stand außerhalb. Sie wollte das Erbe nicht. Den Hof, die Felder, den Wald. Die Mutter hatte Angst allein im Dunklen. Die Stimmen der Ahnen waren ihr zu laut. Ein Geschrei, das sie zu übertönen versuchte. Dem sie mit Brüllen, mit Weinen und Klagen über die Jahre versuchte Herrin zu werden. Bei jedem Streit mit dem Vater, bei jeder Auseinandersetzung mit den Schwiegereltern. Sebastian stand in dem Eck unter der Treppe und hielt sich die Ohren zu.

Sebastian wollte keinen Wald, er wollte keine Bäume, in denen er sich immer versteckt hatte, er wollte keinen Hof und keine Auffahrt mit Hund. Er wollte nur Ruhe. Er wollte eigene Wege finden. Im Dickicht, abseits der alten Pfade der Verstorbenen. Mit 18 schultert er den Wanderrucksack mit den abgewetzten Riemen, fährt mit dem Rad zum Bahnhof des nächsten Ortes und steigt in den Zug. Hinter ihm verschwindet der Rauch des ersten Herbstfeuers am Hof am Horizont. Es ist ein kalter Herbst. Der Nebel hängt im Tal und legt sich über die gelben Außenmauern, über die er so oft geklettert ist. Er wird den Hof nie wiedersehen.

In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, war Widerspruch der größte gemeinsame Nenner. Der Protestantismus alten ungarischen Adels traf auf den Katholizismus der Norditaliener. Die brüchige Identität Kärntner Slowenen auf die Selbstgerechtigkeit von Deutschkärntnern. Arme jüdische Russen auf verarmte Großgrundbesitzer. Der Hunger von vergessenen Keuschlern in einer Baracke im Wald auf hungrige junge Soldaten, die für den Krieg bereit waren zu vergessen, woher sie kamen. Sozialdemokratische Urgesteine auf bürgerliche Konservative. Im Wohnzimmer wurden Protest-Flugblätter gedruckt, in der Küche regierte der Wirtschaftsliberalismus.

All das verkörperten Vater und Mutter und der Spagat, den sie dabei schlugen, zerriss ihnen beinahe die Sehnen, die Muskeln und die Venen, die das Blut zum Herz pumpen. Und weil Widerspruch nicht Identität bedeutet, man im Konflikt nicht Sicherheit findet und 24 Stunden Heimatlosigkeit ein Zuhause nicht ersetzen, packe ich mit 18 meine Kindheit in ein paar Plastiksäcke, steige zum Vater in den Wagen und spreche die ganze Fahrt über kein einziges Wort. Am Parkplatz vor dem Heim in Wien lädt er mich aus. Er drückt meine Hand, er klopft mir auf die Schulter, er wünscht mir viel Glück. Da bin ich, allein, ohne Spur. Ohne zu wissen, wo ich suchen soll.

Und so treffen wir uns. Sebastian, der Bauernsohn, der über die Mauer geklettert ist und ich, die alles in Säcke sortiert hat. Ohne Beschriftung. Wir mögen uns und finden uns in der Einsamkeit und sagen uns, wenn uns keiner haben will, dann haben wir ab jetzt eben uns. Wir zwei. Ohne Zuhause. Ohne Job. Ohne Idee einer Zukunft. Anfangs treffen wir uns immer im Café Kurt. Das ist eng und klein und lauschig und so verraucht, dass man den anderen nicht zu genau sehen kann. Und erzählen kann, was einen bedrückt und traurig macht ohne dass grelles Licht jeden Winkel des Schmerzes ausleuchtet. Dann treffen wir uns in Sebastians Wohnung, dann ziehen wir zusammen und vergessen das Café Kurt. Und den Besitzer, der dem Café seinen Namen gab. Der wie ein Vater für uns ist, weil er uns nur fragt, was wir brauchen und nicht sagt, was wir brauchen sollten.

Und wir finden uns und haben uns und irgendwann haben wir uns nicht mehr. Dann kommt der Dezember und es wird kalt in unserer Wohnung, die nicht mehr unsere ist und kein Zuhause, sondern zwei Zimmer. Eines für Sebastian und eines für mich. Nebeneinander, aber ohne Zwischentür. Es wird früher dunkel und die Tage kürzer und irgendwann ist es kurz vor Weihnachten. Wir sehen uns gemeinsam Serien an und hören Musik, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass wir Angst haben, dass wir innerlich die Tage zählen, dass uns bang ist vor dem ersten Familienfest ohne Familie. Selbst wenn es kein Zuhause war, war es doch ein Heim. Finally I am the orphan, I’ve been my whole life. Jetzt bin ich endlich das Waisenkind, das ich schon immer gewesen bin, sagt Gabriel Byrne als Psychiater Paul Weston in In Treatment als sein Vater stirbt.

Wir kaufen keinen Baum, wir hängen keine Tannenzweige auf die Türen, wir zünden nicht mal Kerzen an. Als der Weihnachtsabend kommt, bestellen wir Sushi und essen still. Kein Streit, denkt sich Sebastian und atmet durch. Kein Widerspruch, denk ich und schließe die Augen. Und doch fehlt uns etwas. Kurz vor Mitternacht steht Sebastian auf, zieht sich seine Parka an und sagt, gehen wir zu Kurt. Und wir stapfen durch die Nacht und durch den Nebel in der Stadt, vorbei an den Häusern, in denen Christbäume leuchten und die so aussehen als wären sie ein Zuhause. Als wir ums Eck biegen, um das wir früher so häufig Arm in Arm, Hand in Hand gebogen sind, sehen wir es schon von Weitem. Kein Licht brennt. Keine Tür steht offen. Der Eingang ist verriegelt, die Fenster vernagelt. Ein Friseur ist nebenan eingezogen. Das Café Kurt ist nicht mehr.

Wir sehen uns an, die Zeit steht still, ein Auto fährt einsam durch die Nacht. An uns vorbei mit nur einem Scheinwerfer, der andere ist vielleicht defekt, vielleicht hat er aufgegeben. Und plötzlich liegen wir uns in den Armen wie schon seit Wochen nicht und haben all die Tränen in den Augen, die wir so lange wegdrücken mussten. Weil wir nicht wahrhaben wollten, dass sie da sind. Wir haben geglaubt, dass die Menschen dort auf uns warten, wo wir sie verlassen haben. Aber das tun sie nicht. Wir haben gehofft, dass am Ende alles gut wird. Aber das wird es nicht.

Sebastian und ich nehmen uns an der Hand und spazieren schweigend durch die Weihnachtsnacht. Ein paar Ecken weiter ist ein Lokal, aus dem laute Musik dringt, in dem Menschen singen, in dem Lichter brennen. Wir gehen hinein. Es riecht nach Gulaschsuppe, es ist warm und hell und an der Bar sind noch zwei Plätze frei. Wir essen einen Teller Suppe, wir trinken ein Bier, der Kellner ist herzlich. Eine betrunkene Fremde legt ihren Kopf auf Sebastians Schultern und er lacht und ich lache auch, weil er so gut dorthin passt als wäre er dafür gemacht. Als träfen sich zwei Waisenkinder und würden spüren, dass sie dieselben Eltern hatten, um sich danach wieder für immer aus den Augen zu verlieren. Aus der Anlage dröhnt „Last Christmas“ und alle singen und am Schluss singen wir beide mit.

Vielleicht ist Zuhause auch nur ein Moment, der einfach passiert und wenn man ihn spürt, ist er schon wieder vorbei. Vielleicht ist es sinnlos, ihn erzwingen zu wollen mit Bräuchen, herausgeputzten Wohnungen und Festessen. Vielleicht ist es falsch, ihn zu suchen. Weil er dich findet. Auch und gerade an Weihnachten.

(In: NZZ.at, 24.12.2015)

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2 Kommentare zu “Die Weihnachts-Waisen

  1. Danke!
    Wie gerne lese ich diese Beiträge 😘
    Liebe Barbara, ich wünsche dir von Herzen ein gesegnetes Weihnachtsfest.
    Bitte mach weiter so!!
    Liebe Grüsse, Berthold

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