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Alt werden, die Kontrolle verlieren, im Heim leben. Ein Schreckensszenario. Aber es kann auch eine Chance sein.  Worüber wir nicht sprechen, wenn wir über Pflege sprechen. 

Es war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Da saß mir mein Vater gegenüber, an einen Rollstuhl gefesselt,  in einer anderen Welt, zu der ich schon lange keinen Zutritt mehr hatte, und blickte in die Ferne. Den Mund weit geöffnet. Den Blick nach innen gerichtet. Die Hände ineinander verschränkt. Es war am späten Nachmittag, draußen dämmerte es bereits. Essenszeit im Heim, in dem er seit seinem schweren Unfall lebte. Auf dem Zettel vor mir stand „weiche Kost“. Auf dem Teller darunter lagen zwei Stück Weißbrot ohne Rinde, Butter und ein paar Scheiben Käse. Ich strich die Butter auf die Brotscheiben, legte den Käse darauf, schnitt alles in mundgerechte Happen und fütterte den Mann, der mir das Gehen beigebracht hatte. Ein Moment der Überwindung. Seltsam. Fremd. Ungewohnt.

Wenn Familienmitglieder über Nacht zu schweren Pflegefällen werden, ändert sich alles. Der Vater, die Großtante, die Großmutter. Allesamt Autoritätspersonen. Plötzlich werden sie selbst zu Kindern, die rund um die Uhr Hilfe benötigen. Die nicht mehr wissen, wo sie sind und wer sie waren. Und selbst wenn man geglaubt hat, darauf vorbereitet zu sein. Wenn man sich gedacht hat, das ist machbar. Es gibt Züge, es gibt die Wochenenden, es geht sich aus. Selbst dann wird man hineingeworfen in eine Wirklichkeit, die man anfangs nicht bewältigen kann. Man sucht verzweifelt nach Anknüpfungspunkten an das Früher, man will anschließen an das Verhältnis, das man 30 Jahre lang zueinander hatte. Und muss doch einsehen, dass von einem Tag auf den anderen alles anders geworden ist. Dass sich alles verschoben hat. Dass man plötzlich für die Älteren verantwortlich ist und nicht länger das Kind ist, dessen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Das macht Angst. Das verunsichert. Das wirft einen auf sich selbst zurück. Plötzlich muss man sich mit Fragen beschäftigen, die man bis dahin erfolgreich verdrängt hat.

Wie wird es sein, wenn ich selbst hilflos bin? Wer wird mich besuchen, wer wird mich füttern? Ein Gedanke, den man schnell zur Seite schiebt. Die Lieblingsplatte auflegt, den Liebsten küsst, die Weinflasche leert. Wer will schon alt werden?

Als Kind ist alles, was später kommt, vage, grau, in weiter Ferne. Wie das Ende eines Märchens, das man so oft erzählt bekommt bis man selbst glaubt, dass es wahr werden könnte. Ich sah meinen Vater vor mir als alten Mann in unserem Garten sitzend. Weißhaarig, aufbrausend, debattierend wie ich ihn nicht anders gekannt hatte. Vielleicht etwas langsamer, vielleicht etwas müder, aber aktiv, lebendig, voller Energie. So wie er immer gewesen war. Es kam ganz anders und so wie es dann war, schmerzte es. Weil die eigene Hilflosigkeit manchmal weh tun kann.

Ich lernte viel über Pflegeheime und die Menschen, die darin arbeiten. Tag und Nacht. Dass sie schlecht bezahlt werden, dass sie viel geben und geben wollen, dass sie dabei oftmals ausbrennen. Auch so ein Heim hat ein Geschäftsmodell. Es ist nicht darauf ausgerichtet, großzügig mit dem eigenen Personal umzugehen. Weil es sonst keinen Gewinn macht. Die Anzahl der Pflegekräfte ist knapp kalkuliert. Viele Einrichtungen haben höchstens zwei, maximal drei Krankenschwestern angestellt. Da heißt es für die Angehörigen von schwer Kranken selbst anpacken. Mithelfen, unterstützen, wo es nur geht. Die Pflegerinnen und Pfleger sind durchwegs wunderbare Menschen. Ich habe in den zwei Jahren in den beiden Heimen, in denen mein Vater lebte, nicht einen Menschen getroffen, der Dienst nach Vorschrift gemacht hätte. Der nicht mitfühlend gewesen wäre und liebevoll. Aber ich habe viele getroffen, die über ihre Grenzen gegangen sind. Die nicht mehr konnten, obwohl sie wollten. Weil es einfach zu viel ist. Weil einige Bewohner viel fordern, zu viel für den einzelnen.

Im Zimmer neben meines Vaters lag eine Frau Mitte 80, die kaum Besuch bekam. Sie galt als schwierig und betreuungsintensiv. Gesundheitlich war sie stabil, soweit man das nach zwei Schlaganfällen sein kann. Aber sie konnte sich nicht damit abfinden, nie wieder nach Hause gehen zu können. Jeden Nachmittag gegen fünf, kurz vor dem Abendessen, zog sie sich ihren Mantel an, setzte ihre Haube auf die grauen Haare, nahm ihre Handtasche und wollte gehen. Heim auf den Hof, auf dem sie 80 Jahre lang gelebt hatte. Die Pflegerinnen versuchten sie abwechselnd abzulenken und manchmal gelang es ihnen auch. Aber meistens endete ihr Ausbruchsversuch am Lift mit lautem Geschrei. Das machte die anderen Heimbewohner nervös. Weil viele von ihnen ohnehin sensibel auf Geräusche reagierten. Erst recht weil ihr Alltag in der Anlage am Stadtrand zwischen Äckern und Wiesen sehr still war. Die Szene endete immer gleich. Die Pflegerinnen brachten die Frau auf ihr Zimmer. Sie verweigerte das Abendessen und schrie bis die Schwester kam, um ihr ein Beruhigungsmittel zu geben. Manchmal ging meine Mutter einen Sprung nach nebenan. Redete beruhigend auf die Frau ein und blieb bis zum Abendessen. Weil die Schreie auch meinen Vater verunsicherten. Wenn sie wiederkam, war sie erschöpft und traurig. Sie ist nicht schwierig, sagte sie dann, sie will nur nach Hause. Wer will das nicht?!

Manchmal ist ein Pflegeheim auch wie ein Schulschikurs, 70 Jahre später. Skurril, bizarr und lustig. Meine Großmutter zog nach dem Tod ihres Mannes in dieselbe Einrichtung, in der mein Vater war. Sie war alt und zerbrechlich, aber nicht todkrank. Sie zog in den Stock, den die Pflegerinnen „Prinzessinnentrakt“ nannten. Dort waren hauptsächlich betagte Damen untergebracht, die beim Essen und beim Nachmittagstee miteinander um die besten Handarbeitsskills wetteiferten oder mit einer neuen Strickjacke vor den anderen auftrumpfen wollten. Es bildeten sich kleine Cliquen unter den Seniorinnen, die sich gegenseitig subtil bekriegten. Oper versus Volksmusik, Enkelkinder mit Uniabschlüssen gegen Jungbauern und erfolgreiche Unternehmer. Es war ein bisschen wie West Side Story in der Pensionistinnenversion.

Für mich waren die zwei Jahre im Heim mit meinem Vater trotz aller Verzweiflung und all der Trauer ein Geschenk. Wenn ich daran zurück denke, erinnere ich mich an unser Lachen, wenn wir gemeinsam mit seinem Rollstuhl durch den Rosengarten gedüst sind. An die Momenten, in denen er seinen Kopf an meine Schulter gelegt hat und wir einfach nichts gesagt haben, lange Zeit. Wie er mir davon erzählt hat, was er in seinem Friseurgeschäft  erlebt hat, das er niemals besessen hat, das aber in seiner damaligen Welt plötzlich ganz real war. Und ich mit ihm über Trendfrisuren geplaudert habe. Oder wie er mich gebeten hat, seinen Schianzug aus dem Kasten zu holen, weil wir am nächsten Tag ganz früh am Morgen gemeinsam auf die Piste fahren würden. Und wir uns ausgemalt haben wie schön die Abfahrt sein würde in der Wintersonne, wie der kalte Fahrtwind auf unseren Wangen brennen würde und wir auf der Hütte Erbsensuppe essen würden. Hoffentlich mit einer großen Wurst.

Der Alltag im Heim, das Füttern, das Waschen, das Umziehen, hat jedoch auch seine Spuren hinterlassen. Zwei Jahre Dauerbetreuung, Tag für Tag, haben den Rücken meiner Mutter ruiniert. Sie kann kaum noch schmerzfrei gehen, sie musste sich operieren lassen und ist ständig in ärztlicher Behandlung. Die täglichen Besuche bei bis zu drei Familienmitgliedern haben ihren Tribut gefordert. Es tut weh, das mitansehen zu müssen. Es tut weh, zu wissen dass es den Angehörigen der Bewohner in den Nebenzimmern nicht anders geht.

Vor zwei Jahren zu Weihnachten hab ich meinen Vater das letzte Mal besucht. Er war sehr still. Er war weit weg. Versunken in seiner Welt, zu der ich keinen Zutritt hatte. Beim Abschied nahm ich seine Hand und er drückte sie kurz und fest. Er müsse jetzt fahren, sagte er plötzlich mit fester Stimme. Es sei an der Zeit. Ich wünschte ihm gute Reise. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

 

Wenn ich heute in der Stadt meiner Kindheit bin, fahr ich automatisch ins Heim und besuche meine Großmutter. Sie ist bald 90, sie hat schweres Rheuma und laboriert noch immer an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs. Sie kann sich kaum rühren, sie hört sehr schlecht, aber ihre hellblauen Augen leuchten voller Lebensfreude und Energie und das wirkt ansteckend. Ich mag die Stunden im Heim. Die Pause vom Alltag, in der nur das Jetzt zählt. Die Spaziergänge im Garten, die Augenblicke, in denen man zusammen aus dem Fenster blickt, den Kopf auf der Schulter des anderen und einfach nur in die Ferne schaut. Und dabei die Zeit vergisst.

Wenn ich gehe, fährt sie mit dem Rollstuhl in den großen, hellen Aufenthaltsraum ans Fenster und winkt mir. Und mit ihr all die anderen Bewohner, die sich dort versammelt haben. Und ich winke zurück bis ich am Parkplatz bin und das Fenster nicht mehr sehen kann. Durch die Besuche hab ich meine Angst vor dem Altwerden ein wenig verloren. Wenn ich dann auch ein großes Fenster hab, an dem ich sitzen kann, durch das die Sonne scheint und mir Menschen winken, kann es nicht so schlimm sein. Solange der Abschied ein Versprechen auf ein Wiedersehen in sich trägt, ist er schließlich kein Abschied für immer. Das gilt für das Heute, warum sollte es in 30 Jahren anders sein?

 

3 thoughts on “Wer will schon alt werden?

  1. „Pipi“ in den Augen – die vielen Parallelen zu den 2 Jahren meiner Eltern im Altersheim, mit einer Ausnahme: ICH konnte mich niemals damit abfinden, sie dort zu wissen.
    Damals habe ich einen Spruch geboren, der MICH trösten sollte:
    „Erinnerungen sind Sternschnuppen gleich, die guten erhellen die Dunkelheit, die schlechten verglühen mit der Zeit“.
    Und es stimmt!
    Danke für diesen berührenden Beitrag!

  2. Danke für diesen so treffend und wunderbar geschriebenen Beitrag! Er hat mich sehr an die kostbaren letzten Jahre mit meinem zunehmend dementen und mittlerweile verstorbenen Vater erinnert.

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