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Rede zur Enquete „Digitale Courage“ im Bundesrat.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Danke für die Einladung zur heutigen Enquete. Das Thema ist wichtig und beschreibt auch ganz gut eine Eigenschaft, die eigentlich jede Journalistin und jeder Journalist haben sollte. Wir alle arbeiten mittlerweile digital. Und wir alle sollten das couragiert tun.

Manchmal ist es aber gar nicht so leicht, Courage zu zeigen. Wenn Hass und Wut so geballt auf einen zukommen, in so einer Masse, dass man sich als Einzelne nicht in der Lage fühlt, etwas dagegen zu tun. Das betrifft viele, es betrifft Journalisten und Journalistinnen, es betrifft aber auch Schüler und Schülerinnen, die im Netz von ihren Mitschülern gemobbt werden.

Wir reden in letzter Zeit endlich mehr über die Betroffenen der Hasspostings, über die Rahmenbedingungen des Hasses im Netz, über Forenmoderation und Soziale Netzwerke, aber wir reden noch immer zu wenig über jene, die den Hass verbreiten. Über die Hassposter und Hassposterinnen selbst. Und noch weniger reden wir mit ihnen. Mein Kollege Florian Klenk hat das letzte Woche in einem Artikel für den Falter getan. Er hat einen Mann besucht, der im Netz vorher angegeben hat, dass er ihn gerne anzünden würde. Beim persönlichen Treffen hat er gesagt, dass er es gar nicht so gemeint hätte. Die deutsche Politikerin Renate Künast hat auch vor einigen Wochen für den Spiegel ein paar ihrer Hassposter besucht. Die Mehrheit dieser Menschen hat ebenfalls gewirkt, als wäre ihnen gar nicht bewusst, was sie da so von sich geben online.

Und die Kollegen vom Deutschlandradio haben etwas sehr Spannendes versucht. Sie haben eine Diskussionsveranstaltung gemacht zum Thema „Hass im Netz“, bei der jeder aus dem Publikum auf der Bühne Platz nehmen konnte. Und da hat sich ein Mann zu Wort gemeldet, anonym für den Hörer, aber sichtbar für die Anwesenden und hat von sich selbst gesagt, sehr stolz, er sei ein Troll. Er würde gerne Menschen im Netz beschimpfen und zwar täglich. Für ihn, hat er gesagt, sei das eine Art Sport, ein Wettkampf mit anderen Trollen, bei dem man sich gegenseitig an Beschimpfungen misst. Und schaut bei wem das Opfer als erstes das Handtuch wirft. Die Moderatorin hat ihn dann gefragt, wie er seine Opfer finden würde. Und er hat geantwortet: sie finden mich. Es würde ganz von seiner Tagesverfassung abhängen, wo. Auf Twitter, auf Facebook, in einem Artikel, unter dem er ein paar Kommentare ablässt. Irgendjemand würde sich schon anbieten Tag für Tag. Die anderen Diskussionsteilnehmer waren doch fassungslos über diesen Mann und die Ruhe, mit der er das erzählt hat. Und haben ihn gefragt, ob ihm denn bewusst wäre, was er damit anrichten würde im Leben der Betroffenen. Welches Leid er damit verursacht. Und da wurde schnell klar, dass er darüber noch nie nachgedacht hat. Dass ihm das letztlich auch egal ist. Er pickt sich seine Opfer aus dem täglichen Angebot heraus und beschimpft sie. Aber nicht aus ideologischen Gründen oder weil er eine Mission verfolgt oder einer politischen Bewegung angehört, sondern nur aus einem einzigen Grund: weil es möglich ist.

Ganz etwas Ähnliches ist mir selbst vor ein paar Wochen passiert. Da gab es auf Facebook eine junge Frau, die mich auf dem Profil eines Kollegen beschimpft hat. Und zwar ziemlich tief unter der Gürtellinie. Und ich hab sie dann gefragt, ob wir nicht chatten könnten. Nur wir zwei. Einfach weil ich wissen wollte, mit wem ich es da zu tun habe. Und sie hat unseren Chat gleich damit begonnen, dass sie betont hat und zwar immer wieder, dass sie eigentlich nicht mit jemanden wie mir sprechen will. Ich sei einer jener „hinterfotzigen Schmierfinken, die von der Regierung bezahlt werden, um politische Gegner in den Dreck zu ziehen.“ Ich antwortete, dass es bei dem was ich als freie Journalistin so verdiene um die Finanzen der Regierung sehr schlecht stehen muss. Und da hat sie dann zurück geschrieben: „Ja, wenn die Regierung euch alle bezahlen muss, bleibt halt nicht viel für den einzelnen. Zwinkersmiley.“ Und damit war das Eis gebrochen. Aber ein gutes Gespräch ist es trotzdem nicht geworden. Dafür war ihr Misstrauen dann doch zu groß und vor allem ihre Aggressionen gegen meinen Berufsstand zu stark. Aber es war ein interessantes Gespräch. Vor allem in einem Aspekt. Auch sie hat als ich sie gefragt habe, warum sie mich beschimpft und noch dazu so beschimpft hat, gemeint, sie sei eben wütend gewesen, ich solle nicht so empfindlich sein. Das sei doch alles nicht so gemeint. Und sie hat nach unserer Unterhaltung das betreffende Posting sogar wieder gelöscht.

Was also wenn die überwiegende Mehrheit jener, die Hass im Netz absondert, erstens: kein Bewusstsein dafür hat wie öffentlich sie das tut? Dass ihnen nicht klar ist, dass sie das in einem öffentlichen Raum tut, den jeder betreten kann?

Und zweitens und das ist noch viel schlimmer: was wenn sie das Gefühl haben, etwas völlig Normals zu tun, weil es eben in ihrem Umfeld absolut akzeptiert ist andere online zu beschimpfen? Weil sie jeden Tag zum Beispiel  auf Facebook sehen, dass die schrillen Stimmen voller Hass, die provokanten, die aggressiven um einiges mehr an Aufmerksamkeit bekommen als die ruhigen, die konstruktiven, die zweifelnden. Weil sie aber auch sehen und das seit vielen Jahren, dass Hass gegen den anderen zum politischen Alltag gehört. Auch in Österreich. Dass es völlig normal geworden ist, den politischen Gegner untergriffig und persönlich zu diffamieren, falsch widerzugeben, ihn schlecht zu machen wo man nur kann.

Dass Pöbeln, dass Wüten und dass Toben in der Politik salonfähig geworden sind. Und das nicht nur hier im Hohen Haus, sondern auch auf den Social Media Profilen einiger Spitzenpolitiker. Wir Journalisten müssen dabei achtgeben, nicht die Rolle der Brandverstärker einzunehmen. Ein Politiker, der verbal Grenzen überschreitet, ist immer eine „Gschicht“. Jemand, der pöbelt, hasst und wütet, bekommt oftmals in der Tagesberichterstattung mehr Platz eingeräumt als Sachpolitiker. Denn Hass zieht immer. Hass bringt Quote. Hass bringt online Klicks. Politische Hassprediger werden in Talk Shows eingeladen, obwohl ihre Bewegungen politische Randerscheinungen sind. Ihre Thesen werden in Sonntagsgeschichten ausgewälzt. Sie werden fast auf perverse Art hofiert. Wir Journalisten werden so zu PR Agenten des Hasses. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn es für viele Menschen absolut in Ordnung ist, online Andersdenke zu hassen.

Es ist schon legitim, dass Politiker um Wähler werben und jeder versteht das. Aber die Art und Weise wie sie das tun, die sagt etwas darüber aus, welche Verantwortung sie für die Gesellschaft empfinden und welche Art des Zusammenlebens ihnen vorschwebt. Es ist ebenso legitim für Medienvertreter, wirtschaftlich überleben zu wollen. Aber die Art und Weise wie sie es tun, was sie als relevante Meldung präsentieren, sagt etwas darüber aus wie sie ihr Berufsbild definieren. Und wie sie zu Anstand, Ehtik, Verantwortung stehen. Und damit letztlich dazu beitragen eine Kultur des Hasses zu legitimieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob strengere Strafen oder stärkere Forenmoderation etwas gegen diesen Hass ausrichten könnten. Oder ob wir es nicht längst mit einem viel weitreichenderen, gesellschaftlichen Problem zu tun haben, das wir nur gemeinsam bekämpfen können. Indem wir uns dieser Hasskultur bewusst werden und sie durch eine Gegenkultur bekämpfen. Indem wir gerade im Social Media Zeitalter sagen: Auch wenn ich die Meinung des anderen nicht teile, halte ich sie aus. Indem wir klarmachen: Hass ist kein Kavaliersdelikt. Er ist schwach, er ist primitiv und er vergiftet unser Zusammenleben. Indem wir uns unserer Stimme und unserer Stärle bewusst werden, auch als Einzelne. Indem wir uns einmischen. Indem wir eingreifen, wenn andere angegriffen werden. Indem wir aufeinander achtgeben und gegenseitig besser auf uns aufpassen.

Es wird sonst keiner tun.

 

 

 

 

4 thoughts on “Gegen die Hasskultur

  1. In welcher Welt leben wir, wo Hasskultur zum Sport wird? Das Leistungsprizip „Wer ist der Beste“ hat auch in der Hasskultur Einzug gefunden, mit fatalen Folgen!

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