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Die Menschheit wird immer verrohter. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Welt steht nicht mehr lang. Doch. Denn sie war nie anders. Erinnerungen an eine Kindheit in Kärnten. 

Das Haus meiner Großmutter steht mitten im Wald. Umgeben von dichten Bäumen, die mit den Jahren ihre Äste über den morschen Holzzaun nach den Bewohner ausgestreckt haben. Und das spärliche Sonnenlicht an Winternachmittagen unbarmherzig schluckten. Erreichbar nur über eine lehmige Straße. Im Sommer zugewachsen mit Unkraut und Farnen. Im Winter verschneit und unpassierbar. Das Haus einer großen Hexe, glaubten die Dorfbewohner früher. Und manche von ihnen glauben es noch heute.

Hoch über dem Haus auf einem Hügel liegt das Anwesen des größten Bauern vor Ort. Das einzige weit und breit. Die Ortschaft besteht aus nur vier Häusern, die sich in einiger Entfernung um den Kirchturm und den Friedhof reihen. Zu Allerheiligen, wenn es Nacht war, konnte er die Kerzen von den Gräbern in der Stube sehen, hat mein Vater manchmal erzählt. Das hat ihn beruhigt, Und er hat gut geschlafen. Weil die Toten in jener Nacht nicht allein waren.

Der Bauer war viele Jahre der einzige Arbeitgeber im Dorf. Die slowenische Urgroßmutter, der russische Urgroßvater, die Großmutter, die Großtanten und Großonkeln, neun an der Zahl, und mein Vater waren seine Hilfsarbeiter. So wie alle anderen. Bis auf den Pfarrer. Knechte und Mägde. Für Geld und später im Krieg für ein paar Würste, ein Stück Schweinebauch und jedes Jahr zu Weihnachten gab es einen Braten. Dafür säuberten sie die Ställe des Bauern, halfen beim Vieh und bei der Holzarbeit. Mein Vater war gerade acht Jahre alt als er mit anderen seinen ersten Baum fällte. Nach der Schule am Nachmittag. Sein Lohn war ein Paar Selchwürste und ein bisschen Sauerkraut. Bis zu seinem Tod sein Lieblingsessen. Jahrzehnte später konnte ihn kein Viergangmenü zu Weihnachten so glücklich machen, wie eine Selchwurst mit Kraut und Senf. Nichts schmeckt wie die Kindheit. Erst recht, wenn sie hart war.

Mein Vater erzählte oft von dem Bauern oben am Hügel, dessen Hof man von unten, von seinem Zimmer aus, gut sehen konnte. Tag und Nacht. Der Bauer bestimmte alles im Ort. Wer etwas werden durfte, wer etwas sagen durfte, wer leben durfte. Und wer nicht. Der Bauer hatte eine Schwäche für junge Mägde. Wenn eine schwanger wurde, dann kam die Engelmacherin ins Dorf. Eine hagere, große Frau, vor der mein Vater sich als Kind sehr fürchtete. Sie hatte einen schwarzen Rucksack, in dem sie ihre Gerätschaften mit sich trug. Nicht alle Frauen überstanden die grausame Prozedur. Eine junge Frau im Dorf starb an den Folgen. Da war mein Vater gerade zehn. Er mochte die junge Frau. Sie hatte große, grünblaue Augen, so wie das Wasser des Flusses, der an dem Ort vorbei glitt und an dem er oft am Heimweg von der Schule Rast machte, um nicht gleich wieder arbeiten zu müssen. Er war nicht beim Begräbnis. Niemand war dort. Nur der Pfarrer und ihre Eltern. Man wollte sich im Dorf keine Schwierigkeiten mit dem Bauern einhandeln. Aber nachts, wenn alles dunkel war, besuchte man die Eltern des Mädchens und brachte ihnen Brot und Kerzen. Und betete gemeinsam.

Die drei Söhne des Bauern hatten Narrenfreiheit im Ort. Sie waren schlecht in der Schule, aber der Lehrer wagte es nicht, sie zu ermahnen. Ein Junge aus dem Dorf war besonders gut in der Schule. Er war das Vorbild meines Vaters. Einmal fesselten ihn die drei Bauernsöhne mit einem Kälberstrick an einen Baum und schlugen ihn so lange, bis er Blut erbrach und ohnmächtig wurde. Niemand half ihm. Er hing noch lange an dem Stamm bis sein Vater ihn losband und nach Hause trug. Es war ein schreckliche Geschichte, die mein Vater nur selten erzählte. Meistens wenn wir über Machttheorien debattierten, über Nietzsche, Kant und Foucault. Es war für ihn ein Beispiel für die Brutalität der menschlichen Natur. Für Gewalt um der Gewalt willen. Ohne Grenzen und ohne Ziel. Nur weil sie möglich war.

Nach der Hauptschule wollte mein Vater keine Lehre machen. Er wollte zur Schule gehen, wollte lesen und studieren. Der Bauer war dagegen. Der wissbegierige kleine Junge vom Haus aus dem Wald war ihm suspekt. Aber der Pfarrer setzte sich für ihn ein. Er versicherte dem Bauern, dass der Junge keine Gefahr für ihn war. Dass er dürr und mager wie er war keine Bedrohung für seinen Status darstellte. Mein Vater durfte die Aufnahmeprüfung für die HAK machen. Weit weg in der Stadt, in die er fast eineinhalb Stunden brauchte, fünf Kilometer Fußweg und zwei Busse entfernt. Er lernte wie verrückt, er war Klassenbester, er arbeitete nur noch selten für den Bauern. Nach der Matura ging er nach Hause, packte seine Zweithose und sein bestes Hemd in eine Tasche. Und zog in die Stadt. Er hat den alten Bauern nie wieder gesehen.

Vor zwölf Jahren starb meine Großmutter. Einsam und allein im Haus im Wald. Ohne Telefon und ohne Strom. Sie starb, wie sie gelebt hatte. Das Begräbnis war seltsam für uns Kinder. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass wir alle anwesend waren. Er hatte davor und danach nie auf etwas bestanden. Er glaubte zu stark an den freien Willen. Die Leute aus dem Dorf waren alle anwesend. Sie waren mir fremd und ich fand sie etwas seltsam. Mit ihren dunkelschwarzen Kleidern und Kopftüchern und den Gebeten, die sie unablässig vor sich hin sagten. Ich war wie meine Geschwister von meiner Mutter protestantisch erzogen worden. Es war meine erste Begegnung mit dem Katholizismus. Mitten in der Zeremonie tauchte ein Mann auf, der mir sofort unsympathisch war. Mittelgroß, sehr beleibt, in einer grünen Parka und mit Schlamm bespritzten grünen Gummistiefeln. Er grüßte meinen Vater seltsam vertraut. Es war einer der Söhne des Bauern. Er bekreuzigte sich vor dem Sarg meiner Großmutter, nickte in die Runde und gab uns nicht die Hand. Stattdessen musterte er meine Geschwister und mich, als gelte es unseren Wert zu bestimmen. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Parte. Mein Vater hatte all unsere Namen samt unserer akademischen Titeln darunter gesetzt. Wir fanden das ein wenig affig und haben es auch nicht verstanden. Aber in diesem Augenblick wusste ich, warum.

Der Sohn des Bauern las unsere Namen und nickte anerkennend. „Dann hast also recht gehabt, dass du gegangen bist“, sagte er zu meinem Vater. Und der nickte nur stolz. Die Enkel der Tagelöhner hatten erreicht, was man ihnen vom Hügel aus niemals zugetraut hatte.

Bald nähert sich der zweite Todestag meines Vaters. In diesem Sommer, an einem regnerischen Augusttag, fuhr ich spontan mit meinem Mann zu dem Haus im Wald, in dem noch die Tante wohnt. Sie möchte ihre Ruhe haben. Sie hat kein Telefon und noch immer keinen Strom. Sie ist etwas wunderlich, erzählt man sich und ich wollte sie nicht überfallen. Zu viel Zeit ist vergangen. Zu viel Distanz zwischen damals und heute entstanden. Wir fuhren durch den Ort an dem Haus des Bauern vorbei. Die Familie saß auf der Veranda und beäugte uns kritisch. Ich lebe nun schon seit 19 Jahren in Wien. Länger als ich in Kärnten gewohnt hatte. Meine Augen sind Häuserschluchten gewohnt und mehrspurige Straßen. Wir fuhren ein Stück aus dem Ort hinaus, hielten an und stiegen aus.

Seltsam, sagte ich zu meinem Mann, wie klein dieser Hof eigentlich ist. Ein Stall, ein Acker, ein paar Kühe und das Hauptgebäude. Und daneben ein rostiger Traktor. Alles passte auf ein Foto. Ein Bauer von vielen, der versuchte über die Runden zu kommen, schoss es mir durch den Kopf. Ohne Missgunst und ohne Häme. Und es war ein wenig so, als würde man ein Märchen aus seiner Kindheit wieder lesen und sich fragen, wovor man sich gefürchtet hatte. Als hätten die alten Wünsche und Flüche ihre Macht verloren. Und ich hätte es gerne meinem Vater erzählt. Aber ich fürchte, er hätte es mir nicht geglaubt.

21 thoughts on “Oben und unten

  1. Zum einen freut mich der Text, weil er realistisch ist und einem gewissen Fatalismus pflegt. Auf der anderen Seite ärgert es mich, dass die Veränderung, die wir seit der Zeit erlebt haben, so gering geschätzt wird. Ökonomisch geht es uns allen (in D und Ö) besser als diesen Armen, und auch was die Freiheit angeht, ist es viel besser.
    Der Pfarrer hatte keine anderen Mittel, den Bauern zu beeinflussen als seine Überzeugungskraft. Wer Macht hat, lässt sich nicht von fernen Appellen beeinflussen, etwas von seiner Macht abzugeben. Das muss man sich mal merken, wenn es darum geht, Grundrechte durchzusetzen. Dazu muss man sich mit den Leuten zusammensetzen.
    Heutzutage ist klar, dass niemand aus Spaß oder zum Machtausüben verprügelt werden darf. Das verstößt gegen unsere Regeln. Aber wie sieht es mit der Durchsetzung aus? Wer Schwache schützen will, muss sich vor sie stellen und die Starken beeindrucken, auch durch Stärke. Ich stelle mir vor, wie die Söhne des Bauern heutzutage vor einem Jugendgericht stünden. Was würde alles an strafmildernden Umständen für sie sprechen? Wären die von einem Appell des Richters, sich in Zukunft zu bessern beeindruckt gewesen?
    In D sehe ich, dass dem Staat die Schwachen oft total egal sind, zB alleinstehende Frauen und Minderheiten in Flüchtlingsheimen. Werden die gegen die rohen Männer verteidigt, die sich zB in Köln gezeigt haben? Beeindruckt man diese Männer? Ist das überhaupt möglich in unserem System?
    Wandel in den Einstellungen der Menschen geht wesentlich langsamer vor sich als sich progressive Menschen dies wünschen. Aber es gibt ihn. Man muss ihm Zeit geben und ihn mit geeigneten Mitteln herbeiführen.
    In Deutschland hat die AfD noch eine recht kleine Anhängerschaft. Aber wenn ich mir Österreich und jetzt die Wahl in den USA anschaue, dann möchte ich, dass genau hingeschaut wird, wieviel Wandel die Menschen bereit sind mitzutragen, und ihn gegebenenfalls auch zu verlangsamen. Das geht nicht überall, aber da, wo der Staat Gesetze verabschiedet, schon.

  2. klingt wie etwas woran ich mich nicht erinnern wollte, klingt vertraut – wie die Idylle in der die heutige Wählerschaft geprägt wurde. Voller Werte die unsere Zukunft gestalten…
    Starke Bilder die das „sich wissen“ anregen.
    sehr berührend… danke.

  3. Danke,
    Es erinnert mich an die Geschichten meines Großvaters, aufgewachsen in den 10er Jahren des letzten Jahrhunderts. Wesentlich besser erzählt, als er es je gekonnt hätte. Es gibt mir ein Gefühl wie es in Südkärnten vor sich ging, wie die örtlichen Verhältnisse waren, wie die Menschen dachten.
    Danke

  4. Danke! Ich erkenne viel von den Erzählungen meiner Großeltern und meiner Mutter, war in Wien Nähe am Land vor 80 Jahren auch nicht viel anders – ich fand es auch eine Zeit lang seltsam, dass Sie in Gegenwart mancher meinen Titel so betonten und sich so sehr die akademische Feier wünschten, bis ich all ihre Geschichten hörte. Danke nochmals!

  5. hm, ja.

    einerseits sehr berührend, das stimmt. auch ich kenne dieses milieu nur zu gut und habe meine schwierigkeiten damit.

    was der beitrag hervorragend leistet, ist, die denkweise, die welt dieser einfachen leute zu beschreiben. ich denke, es ist gut, davon zu wissen und dem auch mit respekt zu begegnen.

    aber ich finde auch, dass der artikel romantisiert. und mehr als romantik sieht ja auch die autorin selbst nicht darinnen. sie selbst kann ja auch nichts anfangen damit.

    die frage ist wirklich, wie man hier kommuniziert. was man sich zu sagen hat. wie man mit der doch immer wieder durchbrechenden agressivität umgeht (ich teile hier nicht die meinung der autorin, dass es um gewalt ging, einfach nur weil sie möglich war.), mit dem umstand, dass in diesem milieu die menschen schwanken vor überrespekt und überschätzung den „geibildeten“ gegenüber, und andererseits neid, missgunst und auch wut.

    danke aber für den doch sehr feinfühligen und vor allem deutlichen text!

  6. Es ist keine 100 Jahre her, dass manche Eltern im Winter ihre Kinder nicht zur Schule schicken konnten Weiland keine Schuhe hatten und Heute gehört Flat TV und Smartphone zu den Grundrechten.
    Diese berührende Geschichte zeigt, ein wenig Demut würde uns nicht schaden

  7. Meine Mutter – 95 Jahre alt – hat Ähnliches zu erzählen. Sie musste zum Bauern in den „Dienst“ weil der ihren Eltern (armen Keuschlern) als „Entgegenkommen“einen kleinen Acker umpflügte. Das Essen war grausam, die Arbeit extrem schwer und es gab als „Bezahlung“ ein Kleidungsstück – im Jahr (!) Sie war 13 Jahre alt und wurde regelmäßig vom Schulunterricht „befreit“, weil die Arbeit vorging. Die Schule schaffte sie trotzdem mühelos, leider war nach der Schulpflicht Schluss damit – das Geld für einen weiterführenden Schulbesuch fehlte. Wir – ihre Kinder – haben akademische Abschlüsse geschafft, sie hat in der Fabrik geschuftet um uns eine Ausbildung zu ermöglichen. Die Bildungsreform Kreiskys in den Siebzigern – gratis Schulbuch und Schülerfreifahrt – war mit ein Grund dafür, dass für uns eine Schulbildung möglich war!

  8. Es müsste viel mehr solcher Geschichten, die im eigentlichen Sinn gar keine Geschichten sondern wahre Begebenheiten sind, geben. Vielen Dank fürs Teilhabenlassen.

  9. Ja, es gäbe da noch viele negative Beispiele zu erzählen. Aus der „Guten Alten Zeit“. Soviel hat sich zum Positiven geändert.
    Der Nazi-Lehrer hat uns in der Schule geschlagen. Der schwule Pfarrer hat die Burschen und Ministranten in der Schule auf seinen Schoß gesetzt. Der Bürgermeister hat alleine geherrscht.
    Die Männer saßen nach der Kirche im Wirtshaus und die Frauen gingen mit ihren Kopftüchern vorbei.
    Nach Hause um ihre Hausarbeit zu erledigen, um dann von ihren besoffenen Männern angepöbelt und sogar geschlagen zu werden.
    Es gab bei jeder größeren Veranstaltung Schlägereien. Es herrschte die Macht des körperlich stärkeren. Auf Ämter ging man gebückt hinein um etwas erreichen. Das war ja die „Obrigkeit“.
    Der Lehrherr hat uns ausgenützt. 13 Stunden dauerte ein Arbeitstag, und Samstag bis um 14:00h
    bei einem Hungerlohn von 150,- Schilling die Woche. Schulbildung war nicht möglich weil die Eltern kein Geld hatten. Meine Zähn waren kaputt, der Zahnarzt war zu teuer. Die Straßen zu unserem Dorf waren aus Schotter. Und mein Vater bestellte seine Felder mit Pferden. Unsere Spielzeugautos waren Nuri-Dosen. Telefon und Fernseher gab es nicht.
    Nun bin ich ein 1955er Baujahr, und das ist alles noch nicht so lange her. Trotzdem hab ich das alles erlebt.
    Oh wie glücklich können wir sein, hier und jetzt zu leben!
    Diese neue rechtspopulistische Bewegung, die Unzufriedenheit und Hass predigt finde ich zum kotzen!
    Aber diese Leute lesen ja gar nicht bis hier her. Kann mir jemand sagen wie man solche Wähler-Menschen aufklären kann?

  10. Eine wunderbare Erinnerung und ein nachdenkliches Vorüberziehen einer Zeit, die die „gute alte“ genannt wird.
    Und plötzlich merkt man: Ja, sie war die gute alte Zeit. Denn Menschen hatten sich durchzukämpfen, um ein menschenwürdiges Dasein schaffen zu können. Sie wussten, wofür sie sich einsetzen mussten. Wie viele wissen und tun das heute noch, in einer Zeit, in der wir fast alles an profanen Gütern haben, was uns das Dasein zu bieten hat. Vielleicht fehlt uns gerade deshalb die innere Freude und Ausgewogenheit, weil wir uns nur mehr an diese Äußerlichkeiten und populistischen Slogans hängen?

  11. Ich habe den Text wieder und wieder gelesen, er ist mir seltsam vertraut. Irgendwie macht sich ein flaues Gefühl in meinem Magen breit und da gäbe es noch eine Menge zu berichten, von dem niemand glauben kann, dass solche Begebenheiten tatsächlich geschehen sind.

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