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Seit der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA sind weite Teile der Publizistik der lustvollen Selbstgeißelung verfallen. Man gehöre zu einer arroganten ignoranten Elite, die den Wähler nicht mehr versteht. Aber was, wenn die WählerInnenmotive sehr viel einfacher sind? Aufzeichnungen eines samstäglichen Friseurbesuchs. 

Wenn man ein unstetes Leben führt so wie ich, fernab jeglicher Sicherheit in existenziellen Belangen, lernt man die wenigen Konstanten des Daseins erst recht zu schätzen. Ich gehe seit mittlerweile zwölf Jahren zum gleichen Zahnarzt. Hauptsächlich weil er wirklich günstig ist und mir bei jeder Kleinigkeit eine Spritze gibt. Ich bin seit bald vierzehn Jahren bei der gleichen Therapeutin. Hauptsächlich weil sie witzig ist und mir bei jeder Kleinigkeit ein Mittel verschreibt, das die Gegenwart erträglich macht. Und ich gehe seit sieben Jahren zur gleichen Friseurin. Hauptsächlich weil man keinen Termin bei ihr vereinbaren muss, sie ausgesprochen sympathisch ist und eine der lustigsten Frauen, die ich kenne.  Humor ist mir wichtig. Wichtiger als schnöde Ideologie. Wenn man gemeinsam lachen kann, pflegte meine Urgroßmutter zu sagen, Jahrgang 1901 und Krankenschwester in zwei Weltkriegen, dann muss man sich über den Sinn des Lebens nicht mehr den Kopf zerbrechen. 

Heute hatte ich wieder meinen monatlichen Termin bei meiner Friseurin. Wir sind im selben Alter, beide Patchwork-Mütter und wir versuchen beide seit Jahren mit dem Rauchen aufzuhören. Beide erfolglos. Und auch sonst ist unser Leben nicht so unterschiedlich. Wir tragen beide immer schwarze Kleidung. Wir kämpfen beide gegen das Älterwerden. Und wir versuchen beide irgendwie über die Runde zu kommen. So gut es geht. Eigentlich sprechen wir sonst nie über Politik. Aber nachdem so viele Kollegen seit dem Sieg von Donald Trump den politischen Blasenkatarrh beklagen und postulieren, dass man doch mehr „raus gehen“ müsste, unter die „wirklichen Menschen“, als wäre das nicht Grundvoraussetzung für unseren Beruf, hab ich mir ein Herz genommen und das Gespräch diesmal auf Innenpolitik gelenkt. Genauer gesagt auf Innenpolitiker. Und so nahm das Unheil seinen Lauf.

Meine Friseurin, ihre Kollegin und eine Kundin, die etwas jünger war als wir, erklärten mir bereitwillig wen sie gut fänden und warum sie einen Politiker wählen würden. Oder eben nicht. Den Sieg von Trump fanden sie alle schrecklich. „Ein Irrer!“, meinte die Kundin. Und ihre Friseurin ergänzte: „Und so grauslich. Die Haare! Und das orange Gsicht! Wer wählt denn so einen?!“ Aber Hillary hätten sie alle drei ihre Stimme trotzdem nicht gegeben. „Ihr Mann war doch schon Präsident. Die waren doch schon im Weißen Haus. Das geht einfach nicht. Sie hätten halt vorher wissen müssen, wer von den beiden Karriere macht.“ Das war die einhellige Meinung der drei. Die Kundin, eine Frau Mitte Zwanzig mit sehr blonden Haaren, brachte ein anschauliches Beispiel. Sie und ihr Freund hätten einen Hund, der recht ungezogen wäre. Eine gemeinsame Bekannte wäre Hundetrainerin und sie würde ihnen für das Training Rabatt geben. Aber wenn sie jetzt mit einem zweiten Hund ankommen würden, der ebenfalls Ausbildung benötigen würde, ginge das nicht. „Ein Gratistraining ist okay. Aber zwei, das wär einfach unverschämt!“

Nach diesem Beispiel, das Genderfragen mit Hundetrainings gleichsetzte, wandten wir uns der Innenpolitik zu. Und ich wollte wissen, wer von den aktuellen Politikern ihre Sympathie genießen würde. Wen sie letztendlich wählen würden. Bei der Bundespräsidentenwahl waren alle drei unentschlossen. „Der Hofer ist so fad!“, sagte meine Friseurin und die beiden anderen nickten zustimmend. Aber Alexander Van der Bellen schien auch keine Alternative für sie. „Zu alt.“ „Noch fader.“ „Meine Oma mag den.“ So lauteten die Urteile. Außerdem würde die Wahlwiederholung nerven. „Ich war schon beim ersten Mal nicht wählen und jetzt erst recht nicht. Weil wie deppert kann man sein? Ich kann auch keine Kundin verschneiden und dann sagen: na, machen wirs halt beim nächsten Mal gescheit!“

Aber gibt es überhaupt einen Politiker oder eine Politikerin, der sie ihre Stimme geben würden? Wer begeistert sie aktuell, wen halten sie für eine echte Zukunftshoffnung? Christian Kern? Einmütiges Kopfschütteln. „Der ist so steif. Ich mag den nicht.“ „Und immer schwarz angezogen. Und dann redet er wie einstudiert.“ Heinz Christian Strache? „Der war einmal cool, aber jetzt wird er auch langsam alt.“ „Und dann hat er jetzt so eine Junge geheiratet. Naja, ich weiß nicht. Das ist die Torschlusspanik bei den Typen. Das hat mein Papa auch.“ Außerdem könne man die Politiker ohnehin nicht mehr ernst nehmen. „Die streiten nur und wollen alle nur das gleiche: unsere Kohle und an der Macht bleiben. Denen kann man nix mehr glauben.“

Überraschenderweise konnten sich die drei dann doch auf einen einigen, den sie alle gut finden. Sebastian Kurz. „Der ist so ein Junger, der will noch was.“ „Und schirch ist er auch nicht. Mit dem tät ich mitgehen!“ „Stimmt. Den tät ich auch wählen. Der ist irgendwie witzig. Die Kundschaften erzählen mir das auch. Die alten und die jungen.“

Austria’s next Top-Politiker scheint einen Sieger zu haben. Zumindest wenn es nach den beiden Friseurinnen und der Kundin geht. Wir haben dann noch kurz über Eliten gesprochen und was für sie die Elite repräsentieren würde. „Banker, Politiker und die, die sichs richten.“ Ich jedoch nicht. „Na geh, du verdienst ja so viel wie unsere Lehrlinge!“ sagte meine Friseurin lachend. Die beiden anderen wollten dann noch wissen, was ich beruflich machen würde. Journalistin? Freundlich bedauerten sie, alle aufgezählten Medien für die ich gearbeitet hatte nicht zu kennen. „Ich nehme mir immer das Heute mit beim Bäcker in der Früh. Das ist gratis.“, sagte die Kundin. „Ich schau auf Facebook“, meinte ihre Friseurin. „Da steht eh alles, was man wissen muss.“

Irgendwie hatte ich beim Verlassen des Geschäfts kurz den schrecklichen Verdacht, dass meine Kollegen mit all dem Elitengerede doch daneben liegen könnten. Und dass Wahlentscheidungen vielleicht viel mehr aus dem Bauch getroffen werden als wir das wahrhaben wollen. Aber wahrscheinlich war ich nur kurz Gast gewesen in der Friseurinnenblase. Und auch die Erkenntnisse dieses Besuches sind natürlich nicht repräsentativ für die Allgemeinheit.

 

2 thoughts on “It’s the Sex, Stupid!

  1. “Ich nehme mir immer das Heute mit beim Bäcker in der Früh. Das ist gratis.”, sagte die Kundin.

    “Ich schau auf Facebook”, meinte ihre Friseurin. “Da steht eh alles, was man wissen muss.” –

    diese Aussagen finde ich erschreckend, bei ersteren wird der gehypt, der am meisten zahlt bei den Inseraten und bei Zweiteren befindet sie sich in der Blase – und ihrer Meinung nach oft maßgeschneidert. Man liest,hört was man lesen und hören will. Etwas was bei den klassischen Medien nicht ist.
    und all das verstärkt, das Gefühl wer ZIB, ein Großformatblatt liest ist Elite. Erschreckend. Es gibt einige, die sagen sie kennen sich zuwenig aus. Wenn ich sage ZIB schauen, Nachrichten hören – das ist mir zu hoch.

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