Home

Seit einiger Zeit geistert die Sorge als Dauerzustand durch Sonntagsreden, Kommentare und Onlineforen. Besorgte Bürger versammeln sich zu Protestzügen, Spitzenpolitiker blicken sorgenvoll in die Zukunft und bloß aus Sorge werden Menschen ausgeschlossen. Über die Schattenseiten eines Gefühls. 

Es ist ungefähr zehn Jahren her, da wurde ich beinahe das erste und einzige Mal die Auslöserin einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen. Mein damaliger Lebensgefährte führte mich von einer an sich harmlosen, aber trotzdem unangenehmen Bauchspiegelung nach Hause. Ein kleiner Eingriff, der bei gutem Verlauf keinen Krankenhausaufenthalt erfordert. Ich war müde und nach der Narkose etwas tapsig auf den Beinen und so kam es dass ein eben ausparkender Wagen neben uns mich beinahe anfuhr. Auch weil ich zu langsam war, um noch zur Seite zu gehen. Das Auto berührte meinen Rock, nicht mehr. Aber es genügte, um den  Mann neben mir, sonst eigentlich von einer beinahe komatösen Gutmütigkeit, ungewohnt aggressiv werden zu lassen.

Mit voller Kraft trat er fluchend gegen den Hinterreifen des so nahe vorbeifahrenden Wagens und schickte ihm noch ein paar bis dahin ungehörte Flüche hinterher. Der Fahrer hielt an – mitten auf der Straße – sprang aus dem Auto, lief auf meinen Freund zu und warf ihm sehr laut ebenfalls sehr unhöfliche Dinge an den Kopf, weil er sich an seinem Auto vergriffen hatte. Ein Passant mischte sich ein, eine ältere Frau befeuerte das Ganze noch vom Gehsteig aus, ein Fahrzeuglenker auf der Straße hupte wie verrückt. Währenddessen kamen sich die beiden schreienden Männer immer näher, der Passant hatte die Seiten gewechselt und ging jetzt ebenfalls auf meinen Freund los. Bis dieser sagte bzw. schrie, dass ich frisch von einer OP kommen würde und er sich um mich gesorgt hätte als das Auto so nahe an mir vorbeigefahren wäre – da war der ganze Spuk plötzlich vorbei. Der Passant attackierte nun wieder den Fahrer und entschuldigte sich bei meinem Freund. Das Hupen auf der Straße hörte auf. Sogar die alte Frau am Gehsteig murmelte so etwas wie „gute Besserung“ bevor sie enttäuscht davon stapfte. Die Sorge war das Zauberwort, das alles rechtfertigte und die Fronten zwischen Gut und Böse klärte.

Den Hass lehnen wir ab, wir verachten und verdammen ihn als zerstörerischen Affekt. Die Sorge ist jedoch ein allseits akzeptierter Zustand. Auch wenn sie manchmal der Vorläufer von Aggression und Gewalt sein kann. Die Sorge als kleine Schwester des Hasses?

Wer sich um andere sorgt, nimmt oftmals eine machtvolle Position ein. Die Sorge kann andere in emotionale Geiselhaft nehmen. „Ich bin vor Sorge um dich ganz krank.“ Das erzeugt Schuldgefühle, Abhängigkeit, Verbindung durch Verpflichtung. Aus Sorgen können Haustyrannen wachsen. Denn wer sich sorgt, der macht sich vordergründig klein, um die Monstrosität seiner Gefühle zu kaschieren.

„Mit großer Sorge“ kann man als Politiker Reden einleiten, deren Inhalte dadurch gemildert werden. Der politische Befund wird zum emotionalen, das Eigeninteresse verschwindet scheinbar, man ist ganz Landesvater. Der Hirt jener Schafe, um deren Wohlergehen man sich vorgeblich kümmert.

„Muss ich mir Sorgen machen?“ kann in Beziehungen auch wie eine Drohung klingen. Denn es bedeutet, dass man die Augenhöhe verlässt, um dann von oben mit mütterlicher oder väterlicher Großzügigkeit auf den Partner zu blicken. Besser als sorgen ist sich kümmern, Anteil nehmen.

Sorgen machen sauer. Den Magen und die Gedanken. Die Angst macht eng, die Albtraumszenarien schlaflos, die Furcht nagt an einem bis sie Löcher hinterlässt. Die Sorge schmälert Empathie. Wenn alles um die eigenen Ängste kreist, sieht man den anderen nicht, spürt und hört ihn kaum. Die Sorge hat einen fest im Griff und bestimmt das Leben.

Wer sich ständig sorgt, hat Angst vor dem was kommt wenn die Sorgen verschwinden. Vor den Fragen, die sich dahinter verbergen. Vor den Rätseln, die darauf warten gelöst zu werden.

Die, die am meisten Grund zur Sorge hätten, sind oft die Sorglosesten von allen. Und von den anderen genervt, die sich mit großer Sorge bei ihnen melden. Vielleicht aus Stärke, vielleicht aus Rücksicht, vielleicht auch weil sie die Lebenszeit nicht damit verbringen wollen, sich ständig auszumalen wie das Ende sein wird.

 

 

One thought on “Mit großer Sorge

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s