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Ein Mann geht zum Arzt. Er hat Schmerzen. Er hat sie schon lange. Er ist in seinen 70ern. In seinen späten. Wir schreiben die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die frühen. Der Mann wird untersucht. Gründlich. Die Diagnose lautet Darmkrebs. Die Ärzte geben ihm noch 6 Monate. Höchstens. Das werden wir ja sehen, sagt seine Frau. Eine rüstige Endsiebzigerin. Krankenschwester. Ausgebildet nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Frontdienst im Zweiten. Sie nimmt ihn an der Hand und entwickelt ein Pflegeprogramm. Parallel zu den Operationen und Therapien. Es greift. Wider Erwarten. Nach 6 Monaten lebt der Mann noch immer. Und nach einem Jahr. Und einem zweiten. Und einem dritten. Die Ärzte staunen. Und geben zu: dass eine erfahrene Krankenschwester den Mann pflegt, könnte die Prognose beeinflussen. Sechs Jahre später als vorausgesagt stirbt der Mann. Damit hat niemand gerechnet.

Der Mann war mein Urgroßvater. Die Frau meine Urgroßmutter. Sein Begräbnis das erste meines Lebens. Sein Leben ein Wunder. Kartenspielen, Kuscheln auf der beigen Couch, Vorlesen aus meinem Lieblingsbuch bis ich einschlafe. Über allem der Geruch nach Franzbranntwein und Hühnerfrikassee, das die Urgroßmutter immer für ihn gekocht hat. Schonkost. Mit Erbsen und ohne Butter. So riecht also ein Wunder, hab ich mir damals gedacht. Und denke es mir noch heute. Wunder gibt es nicht, hat der Vater dann gesagt. Aber Fehler. In medizinischen Prognosen, in dem Versuch das Leben berechenbar zu machen, das Ende und den Anfang von etwas Unkalkulierbaren kühl zu kalkulieren. Der Zweifel an Voraussagen gehört seitdem zu meinem Leben.

Was wissen wir? Was können wir wissen? Was ist berechenbar? Diese Frage steht auch über dem Theaterstück „Terror“ des deutschen Schriftstellers Ferdinand von Schirach, das für den deutschen und österreichischen öffentlich rechtlichen Rundfunk verfilmt wurde. Ein TV-Schauprozess? Ein digitales Femegericht? Abbild unserer erbarmungslosen Like-Gesellschaft? Oder doch nur eine hervorragend besetzte, stellenweise etwas langatmige Literaturverfilmung? Ein Pilot schießt ein von einem Terroristen entführtes Flugzeug mit 164 Insassen vom Himmel, um eventuell 70.000 Besucher eines Stadions zu retten über dem es zu Fall gebracht werden soll. Eventuell. Ist er schuldig? Nein, meinten die Zuseher. Und man kann sie verstehen. Das Leben von 70.000 scheint mehr zu wiegen als das der 164. Wenn da bloß nicht das „eventuell“ wäre. Der Zweifel, die Unsicherheit dass alles hätte anders kommen können.

Wenn ich jetzt auf die Straße laufe und mich einem Linienbus entgegenstelle, wird das nicht gut ausgehen. Wahrscheinlich. Ziemlich sicher. Aber die Möglichkeit besteht, dass er bremsen kann. Dass plötzlich von der Seite ein Auto zwischen uns fährt. Dass er zum Stehen kommt, dass er ausweichen kann, dass sich etwas zwischen ihn und mich stellt. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch, wirklich nicht. Aber sie existiert. Ich werde es trotzdem nicht ausprobieren.

Vom Unwahrscheinlichsten auszugehen nennen viele naiv. Unrealistisch. Träumerisch. Aber ist es nicht auch das Wesen der Hoffnung? Dass man es schaffen kann. Dass alles gut wird. Against all odds. Und ist Hoffnung nicht auch Antrieb vieler Geschichten, die wir uns wieder und immer wieder erzählen? Zwei Männer schaffen es aus den brennenden Türmen des World Trade Centers. Unversehrt. Eine Frau bekommt ihr Baby auf einem Flüchtlingsboot. Und sie überleben. Ein Mann geht zum Arzt und erhält eine niederschmetternde Krebsdiagnose. Und lebt zwölfmal länger als prognostiziert.

Die digitale Welt ist schnell und unbarmherzig. Like oder don’t like. Favorisieren oder nicht. Verkürzte Kommunikation. Was falsch und was richtig ist, das scheinen immer mehr immer schneller zu wissen. Täglich, stündlich, minütlich. Daumen hoch oder Daumen runter. Wenn man banal ist, hat ein befreundeter Regisseur unlängst zu mir gesagt, dann kann man alles wissen. Dann weiß man, was Erfolg haben wird. Was funktioniert. Wie etwas enden wird. Wenn man es nicht ist, dann zweifelt man. Und wartet darauf was geschieht. Auch wenn man das Ende ahnt. Und freut sich, wenn es trotzdem ganz anders kommt. Die absolute Sicherheit, die gibt es nicht. Und das ist eigentlich ganz gut so. Sonst wäre das Leben berechenbar, vorhersehbar, banal. Und wer will schon so leben?

3 thoughts on “Was man wissen kann

  1. Interessanter beitrag Danke!
    ich denke der ARD- Film „Terror ihr Urteil“ will im Grunde gar keine Option für schuldig, michtschuldig kommunizieren, sondern verklausuliert die Tasache aufdecken, dass sich Deutschland,neben anderen seit Nine Eleven 2001 im Krieg gegen den Internationalen Terrorismus befindet, der seine Kampfzonen hier erweitert, dort vorübergehend zurücknimmt.

    Das zeigt sich u. a, an der Aussage des Bw Piloten mMyor Lars Koch im Film als Angeklagter im Zeugenstand, wenn er sagt, die 164 Passagiere seien mitschuldig, ihnen sei die Terrorgefahr bekannt, ständig werden sie vor Antritt von Flügen einem Sicherheitscheck unterworfen, will er im Grunde sagen, Bundeswehrspöldaten käpfen an vielen Fronten, in Afghanistan, in Mali, Nordirak, Türkei, kapiert endlich, wir befinden uns im Krieg dem latent übergesetzlichen Notstand

  2. Für mich ist das Entscheidende in der Passage: „Die digitale Welt ist schnell und unbarmherzig. Like oder don’t like. Favorisieren oder nicht. Verkürzte Kommunikation. Was falsch und was richtig ist, das scheinen immer mehr immer schneller zu wissen. Täglich, stündlich, minütlich. Daumen hoch oder Daumen runter. Wenn man banal ist, hat ein befreundeter Regisseur unlängst zu mir gesagt, dann kann man alles wissen. Dann weiß man, was Erfolg haben wird. Was funktioniert.“
    Danke für das glasklare Formulieren hier!

  3. Pingback: Ferdinand von Schirachs Film „Terror“ kündet vom angemaßten Volksgerichtshofhauch Roland Freislers – Titel der Website

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