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Die Bilder der Überwachungskamera flirren immer wieder über den Bildschirm. Schwarz-weiß, körnig, unscharf. Eine Frau verlässt ihre Wohnung in Zwickau. Unterm Arm zwei Katzenkörbchen. Sie wird mit ihnen eilig auf die Straße laufen. Sie wird sie abstellen und eine Nachbarin darum bitten, sich der beiden geliebten Tiere anzunehmen. Sie wird flüchten. Während hinter ihr ihre Wohnung in Flammen aufgeht. Ein Feuer, das sie höchstwahrscheinlich selbst gelegt hat. Den Tod einer Pensionistin, die auf die 90 zugeht, in Kauf nehmend. Ebenso wie den von zwei Handwerkern, die regelmäßig im Haus zu tun haben. Ihre Tierliebe ist grenzenlos. Ihre Menschenliebe nicht. Ihr Name ist Beate Zschäpe. Rechtsextremistin und mutmaßliches Mitglied der Terrorvereinigung Nationalsozialistischer Untergrund, kurz NSU. Hauptangeklagte in einem Prozess um den Mord an zehn Menschen, der seit über zwei Jahren in München stattfindet. Die Elektropopband „Susanne Blech“ hat ein Lied über sie geschrieben. „Die Katzen von Beate Zschäpe.“ Es ist knallig, brachial, laut. Lauter als Beate Zschäpe selbst. Sie ist eine blasse Angeklagte. Sie lächelt. Sie versteckt sich. Sie schweigt. Beate Zschäpe taugt nicht zur Popikone.

Seit jeher haben Staatsfeindinnen die Fantasie von Journalisten, Künstlern und linken wie rechten Theoretikern gleichermaßen beflügelt. Frauen, die sich aufbäumen. Gegen eine unbesiegbare Macht. Gegen die gesetzliche Autorität. Gegen die Staatsgewalt. Terroristinnen, die den mächtigen Staat herausfordern. Und das jenseits gängiger Rollenklischees. Eine radikale Form der Emanzipation. Die Terroristin als Mittelpunkt einer mordenden Männerbande, gleichberechtigt beim Planen, beim Ausführen und beim Töten. Respektlos, furchtlos, erbarmungslos. Ein Bild, das der Boulevard in den 1970er Jahren im Deutschen Herbst anlässlich der großen Anzahl an Frauen in der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion ebenso verbreitet hat wie heute, wenn es um Beate Zschäpe geht.

Die promiskuitive Terrorbraut, die Unternehmensberaterin im Hosenanzug, die schweigende Manipulatorin. Leader of the Gang oder das Opfer gewalttätiger Männer. Das fünfte Rad am Wagen einer Männerfreundschaft oder der dominante Mittelpunkt eines mordenden Trios. Medien haben es bei Beate Zschäpe mit vielen Vergleichen versucht in den letzten Jahren. Und sind letztlich gescheitert. Man wird man den Eindruck nicht los, dass es mehr hilflose Umschreibung als treffende Zuschreibung ist.

Also beginnt man noch mal dort, wo man immer beginnen muss, wenn man etwas verstehen möchte. Am Anfang. Jena, 1980er Jahre, Plattenbau. Beate Zschäpe wächst in einfachen Verhältnissen auf. Vaterlos. Die Mutter hat wenig Zeit, die Großmutter ist Elternersatz. Es herrscht kein politisch einschlägiges Klima Zuhause, es gibt keine ideologischen Debatten beim Abendbrot, keine radikalen Ansichten in der Erziehung. Kein völkisches Gebrabbel von der Überlegenheit der weißen Rasse. Sondern nur der Versuch, mit wenig über die Runden zu kommen. Beate Zschäpe packt schon früh mit an. Sie ist ein „Oma-Kind“, wird sie später zu Protokoll geben. Jemand, dessen wichtigste Bezugs- und Erziehungsperson eine Generation älter ist als die der anderen Jugendlichen in der Schule. Der allein schon dieses Alter verbietet jeden Schritt von Beate Zschäpe zu kontrollieren. Jeden pubertären Streich zu ahnden, jeden Leichtsinn zu bestrafen. Sie muss es auch nicht. Beate Zschäpe ist keines der Kinder, die immer in Schwierigkeiten geraten. Nur einmal fällt sie der Polizei auf. Wegen Ruhestörung.

Als Zschäpe mit 16 Jahren erstmal in einem Jugendclub in Jena auftaucht, hinterlässt sie auch beim damaligen Sozialarbeiter Thomas Grund keinen bleibenden Eindruck. Unauffällig. Apolitisch. Durchschnittlich. Er dreht ein Video über die jungen Menschen, die sich regelmäßig in dem Jugendclub treffen. Auch Beate Zschäpe ist unter ihnen. Kurze Haare, helles weites T-Shirt mit V-Ausschnitt, das sie in die Hose gesteckt hat. Ungeschminkt. Auf die Frage von Grund, ob Alkohol eine große Rolle in der Freizeit für sie spielt, schüttelt die ungelenk rauchende, schüchterne 16-Jährige ernst den Kopf. „Keine große.“ Man glaubt es ihr. Auch die Fotos von damals taugen nicht als Fahndungsbilder für eine gefährliche Terroristin, die für den Tod von zehn Menschen mitverantwortlich sein könnte. Die Aufnahmen zeigen keine gefährliche junge Frau voller fehlgeleiteter Energie, mit aggressiver Körperhaltung, zum Äußersten bereit. Sondern ein ernstes Gesicht. Ein bisschen verdruckst. Unsicher.

„Sie hat der NSU den Anschein von Normalität und Legalität verliehen“, wird der Generalbundesanwalt Harald Range kurz vor dem Prozess gegen sie über Beate Zschäpe sagen. Durchschnittlichkeit als perfekte Tarnung für die dreiköpfige Terrororganisation. Die nette Nachbarin, die täglich im Hof ihre Wäsche aufhängt und ihren beiden Mitbewohnern freundlich entgegen winkt. Was kann daran verboten sein? Vielleicht war es auch eben diese Arglosigkeit, die im Jugendclub in Jena so anziehend auf einen etwas älteren Jungen wirkt, der sich schon damals in der rechtsextremen Szene aufhält. Sein Name: Uwe Mundlos. Beate Zschäpe verliebt sich in ihn. Boy meets Girl. Und das Girl wird zum Neonazi. Ein bisschen Völkermord-Verherrlichung, um der Tristesse des Plattenbaus zu entkommen? Ein bisschen Springerstiefelromantik? Aus Mundlos und Zschäpe wird ein Paar. Bald immer mit dabei: der beste Freund von Mundlos, Uwe Böhnhardt. Ein Trio Infernal?

Ab nun bildet man „Kameradschaften“ statt Cliquen. Man skandiert deutschnationale Parolen, man jagt gemeinsam linke Jugendliche, man organisiert politische Demonstrationen „zur Bewahrung Thüringer Identität.“ Und dabei bleibt die eigene seltsam brüchig. In den Erinnerungen von Weggefährten an die Zeit vor dem Gang in den Untergrund klingt Beate Zschäpe ein wenig persönlichkeitslos. Da ist kein Strahlkraft, kein ideologischer Fanatismus, kein einnehmendes Charisma. Von „freundlich“, „immer hilfsbereit“ bis zu „manchmal etwas grob“ gehen die Beschreibungen. Aber kaum darüber hinaus. Selbst als sie sich von Uwe Mundlos trennt, um fortan mit seinem besten Freund Uwe Böhnhardt ein Paar zu bilden, scheint das niemanden zu erschüttern. Am Auftreten der Drei ändert das nichts. Frauentausch auf rechtsradikal.

Blickt man zurück in die jüngere Geschichte der Bundesrepublik, hielt in den 1970er und 1980er Jahren schon einmal eine Terrorwelle das Land in Atem. Die Rote Armee Fraktion versetzte die Bevölkerung beinahe zwanzig Jahre in Angst und Schrecken. In ihren Reihen befanden sich etliche Terroristinnen, die sich bewusst als Staatsfeindinnen inszenierten. Gudrun Ensslin, Margit Schiller, Ulrike Meinhof, Irmgard Möller, Inge Viett. Die meisten entstammten akademischen Elternhäusern und lebten betont bürgerliche Leben mit Nachmittagstee, Hausbibliothek und Häkeldeckchen. Genau davon, so lauteten die Vorzeichen des mörderischen Projekts, wollten sie sich durch den Terror emanzipieren.

„RAF- das war für uns Befreiung“, sagte Irmgard Möller Jahre später über die Frauen innerhalb der Terrororganisation. Die Pfarrerstochter Ensslin und die Journalistin Meinhof galten als die Urheberinnen der theoretischen Schriften der Gruppe, die ihr Morden rechtfertigen sollten. Für manche Zeitzeugen sogar als Köpfe der RAF. Ulrike Meinhofs Bekanntheit als linke Journalistin, die viele Jahre in Funk und Fernsehen präsent war, wurde von der Gruppe zur Rekrutierung neuer Mitglieder geschickt genutzt. Lange Zeit wurde Meinhof nach außen als „Stimme der RAF“ verkauft, der man in den bürgerlichen Salons von Blankenese ebenso Gehör schenkte wie in den Hörsälen der Republik. Gudrun Ensslin war der Kern der Gruppe. Die Lebensgefährtin von Andreas Baader inszenierte sich und ihn äußerlich bewusst als enigmatisches Paar, als eine Art Bonny und Clyde mit antiimperialistischem Auftrag. „Sie konnte gut reden, wie wenige Frauen damals“, sagt das ehemalige RAF-Mitglied Astrid Proll heute über sie, „sie hatte Autorität allein durch ihre Bildung.“

Man versteckte sich nicht wie der NSU. Man suchte die Öffentlichkeit geradezu, ließ das Logo der Gruppe von einem Designer gestalten, wählte die Kleidung vor Gericht vor Prozessbeginn präzise aus und schickte die Angehörigen mit Einkaufslisten in diverse Modegeschäfte. Höhepunkt des Spektakels war der Prozess gegen die Gruppe in Stammheim. Ensslin und Meinhof kommentierten die Anklageschriften vor Gericht, sie störten den Prozess, sie griffen die Richter an, sie verteidigten sich zeitweise selbst. Dabei wurden sie von anwesenden Studenten und Sympathisanten unterstützt, die immer wieder des Saals verwiesen wurden und mit denen die Terroristinnen in einen lebhaften Dialog traten.

Beate Zschäpe sitzt allein auf der Anklagebank. Ihre Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben sich das Leben genommen. Sie haben sich den Konsequenzen ihrer Taten entzogen und Beate Zschäpe sich selbst überlassen. Seit Prozessbeginn am 6. Mai 2013 spricht sie nicht. Nicht mit dem Richter, nicht mit den Journalisten, zeitweise nicht einmal mit ihren Verteidigern. Am ersten Prozesstag blickt sie durch die Anwesenden hindurch. Smart im Hosenanzug, dezent geschminkt, mit breiten Creolen in den Ohren. Die Assoziation mit der toughen Businessfrau haben viele Beobachter. Ein gewolltes Bild, zu dem ihr angeblich ihre Anwälte geraten haben. Eine Frau in eleganter Bürokleidung, was kann die schon anstellen?

Einmal beugt sie sich in die Richtung der Angehörigen der Mordopfer, erzählt die Witwe von Theo Boulgarides in einem Dokumentarfilm der ARD über den Fall Zschäpe. Boulgarides war ein griechischer Einzelhändler, der 2005 in seinem Geschäft mit drei Kopfschüssen hingerichtet wurde. Zschäpe blickt die Witwe offen an. „Sie hat gegrinst,“ erinnert sich die traumatisierte Frau. Frech. Triumphierend. Wie ein ungehöriges Kind ohne Einsicht.

Bis jetzt konnte Zschäpe noch keine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden. Ihre Rolle bei der Planung und Durchführung der Taten ist unklar. Dennoch stufen sie die Ermittler so wichtig ein, dass sie Zschäpe als Mittäterin sehen. Nicht nur als Helferin. Sicher scheint laut Zeugenaussagen, dass sie sich um die Logistik gekümmert hat, Ausweise besorgte, das Geld der Gruppe verwaltete. Die Mutter der Kompanie, die den Mördern die Butterbrote geschmiert hat? Als sie schon im Untergrund leben, kontaktiert Zschäpe die Eltern von Uwe Böhnhardt. Sie bittet die Mutter zu einem Treffen ihre Backrezepte mitzubringen. „Für den Uwe.“ Der würde so gerne wieder mal Mutters Kekse essen. Beate Zschäpe, einmal Oma-Kind, immer Oma-Kind?

Die Großmutter besucht sie regelmäßig in der Haft. Ihre Katzen Heidi und Lilly sind im Tierheim. Eine davon konnte bereits anonym vermittelt werden. Die andere gilt als Problemtier. Sie reagiert aggressiv, wenn sich ihr Fremde nähern. Eine Staatsfeindin als biedere Katzenmutti, die ihre Tiere abgerichtet hat? Zumindest könnte es sein, dass sie viel Zeit mit ihnen allein verbracht hat.

Viel ist über das Zusammenleben des NSU-Trios nicht bekannt. Beate Zschäpe und „die beiden Uwes“, wie man Mundlos und Böhnhardt mittlerweile in der Presse flapsig nennt, bewohnten seit 2008 gemeinsam eine Wohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau. Doch Anwohner sahen Zschäpe, die stets freundlich grüßte, meist allein. Ohne die beiden Männer. Falls diese sich doch sehen ließen, blieben sie stumm und vermieden den Blickkontakt. Das Wochenmagazin Der Spiegel hat eine aufwändige Datenanalyse publiziert, in der die Journalisten den Verbrauch von Wasser, Strom, etc. auswerteten und zu dem Schluss kamen, dass in der Frühlingsstraße unmöglich dauerhaft drei Personen gelebt haben können. Das promiskuitive Zusammenleben des Trios laut Spiegel eine Legende. Im Schutt der Wohnung werden Musikplatten gefunden, unter anderem einige der irischen Popband U2. Die rechtsextreme Beate Zschäpe als Fan von Bono Vox, Klimaschützer, Kämpfer gegen die Armut, Weltretter. Die deutsche Hip Hop Band „Antilopen Gang“ macht daraus einen Rap-Song. „Beate Zschäpe hört U2.“ Sie wollte damit auf den von Hannah Arendt geprägten Begriff der Banalität des Bösen hinweisen. U2 sei banale Musik, so die Band in einem Interview mit dem Magazin Focus. Sie zu mögen ebenfalls.

Banal, unauffällig, durchschnittlich. „Dass sie die Drahtzieherin war, trau ich ihr nicht zu,“ sagt der Sozialarbeiter Thomas Grund aus dem Jugendclub in Jena heute. „Ich glaube, dass die Drahtzieher die Männer waren.“ Zschäpes Cousin wiederum kannte das Trio sehr gut und erinnert sich daran, dass seine Cousine durchaus dominant auftreten konnte. „Sie hatte die Jungs im Griff.“ Politisch geäußert, darin sind sich alle Befragten aus ihrem Umfeld bisher einig, hätte sie sich jedoch nie. Keine einzige Situation ist den Bekannten, Verwandten und Nachbarn in Erinnerung, in der Zschäpe jemanden anagitiert hätte. Stattdessen hätte sie hie und da eine Pizza spendiert, eine Flasche Sekt oder ein paar Kekse. Die Erinnerung daran überwiegt. Das Bild der mütterlichen, fürsorglichen, etwas biederen Beate Zschäpe, es wiederholt sich immer wieder und wird bisher durch kein gegensätzliches zerstört.

Am 4. November 2011 nehmen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem missglückten Banküberfall das Leben. Die Rekonstruktion der Tat besagt, dass Mundlos, der erste Freund Zschäpes aus dem Jugendclub in Jena, dem neben ihm sitzenden Böhnhardt eine Waffe an die Schläfe gesetzt und abgedrückt hat. Nachdem er den besten Freund erschossen hat, richtet er sich selbst. Beate Zschäpe wartet in der Frühlingsstraße. Sie googelt Begriffe wie „Unfall“, bevor sie mit den Katzenkörbchen die Wohnung verlässt. Einen Tag später verschickt sie ein Bekennervideo der Gruppe an verschiedene Zeitungen. Es enthält Versatzstücke aus der Paulchen Panther Comicserie, teilweise mit der Original-Erzählerstimme und hineinmontierten völkischen Parolen, immer wieder unterbrochen mit Ausschnitten aus Fernsehberichten über die Morde, zu denen sich der NSU bekennt.

Danach ruft Beate Zschäpe die Eltern von Uwe Böhnhardt an, um ihnen zu erklären was passiert ist. Zunächst schweigt sie am Telefon. Dann sagt sie: „Der Uwe kommt nicht, der ist tot. Der Uwe kommt nicht wieder zurück.“ Am 11. November 2011 will sich Beate Zschäpe telefonisch bei der Polizei stellen. Sie wählt die Notrufnummer und gibt an, dass sie diejenige sei, nach der schon seit Tagen gesucht werde. Sie nennt ihren Namen, doch der Polizist am anderen Ende der Leitung legt auf. Er kann mit dem Namen nichts anfangen.

Zumindest das hat sich jetzt geändert.

(In: Nzz.at Magazin #1, 12/2015)

 

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