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Kurz vor den Feiertagen sind wir auf der Suche nach der schönsten Auszeit. In Katalogen, Prospekten, auf Reiseplattformen im Netz. Überall suchen wir den perfekten Urlaub. Nur nicht in uns selbst.

Urlaub ist ein Kunstprojekt, an dem ich schon seit vielen Jahren arbeite. Wenn man die Hälfte des Lebens selbstständig war, hat man immer Urlaub oder nie. Wenn man liebt, was man macht, erst recht. Wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht ich selbst. Und wenn ich nicht ich selbst bin, kann ich auch keinen Urlaub machen. Urlaub bedeutet deshalb: Ferien von mir. Von der eigenen Besessenheit, immer etwas erzählen zu wollen. Von dem Drang, sich zu informieren. Von der Versuchung, die Gedanken schweifen zu lassen und alles sofort zu notieren, was mir dabei in den Sinn kommt.

Urlaub ist also harte Arbeit für mich. Ich muss mich dazu zwingen, den Laptop nicht einzuschalten. Und wenn, dann nur, um mich auf Netflix durch Serien zu wühlen. Oder durch skurrile Clips auf YouTube zu stöbern. Oder um Mails an alte Freunde und Verwandte zu schreiben, die auf anderen Kontinenten leben, und mit denen die lose Brieffreundschaft schon beinahe zum Erliegen gekommen ist. Leider ist dafür nur im Urlaub Zeit. Der Austausch mit ihnen bringt natürlich wieder neue Geschichten mit sich, die es wert wären, aufgeschrieben zu werden. Die kommen dann in den Geschichtenspeicher und werden erst hervorgeholt, wenn er voll ist.

Urlaub ist der Luxus, Zeit für Entdeckungsreisen zu finden. Durch die Plattensammlung des Geliebten, des besten Freundes oder die des verstorbenen Vaters. Billie-Holiday-Alben, die schon ganz zerkratzt sind. Birthday-Party-Singles, deren Cover abgegriffen und zerfleddert aussehen. Clara Luzia live im Radiokulturhaus. Urlaub heißt, eine Vinyl-Platte aufzulegen. Sich auf die Couch zu legen, zu warten, bis das Rauschen der Nadel den Schluss der letzten Nummer verkündet, und nichts zu tun. Außer zuhören.

Urlaub bedeutet, am Strand spazieren zu gehen und an die Menschen zu denken, die man liebt. Jene, die man zu Hause zurückgelassen hat. Und jene, die nicht mehr da sind und auch nicht wiederkommen. Zeit zum Trauern haben. Um all das, was man verloren hat. Weil man in dem Moment, in dem es geht, meist nicht dazukommt. Urlaub heißt, sich zu erinnern. Und Menschen zu vermissen, die nicht da sind. Urlaub ist auch dafür gut, zu spüren, nach wem man sich noch sehnt. Und nach wem nicht mehr.

Wenn ich mich selbst vermisse und die Sehnsucht zu groß wird nach dem Aufschreiben, Erzählen, Weitersuchen, dann fahr ich zurück zu meinem Schreibtisch. Klappe den Laptop auf und breche sie ab. Die Ferien von mir.

One thought on “Ferien von mir

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