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Die Luft steht in der Stadt, der Asphalt flimmert, die Handflächen kleben. Beim Begrüßen schämt man sich, weil sie feucht sind und mit der des Gegenübers verschmelzen und so nahe ist man sich doch nicht. Nähe ist selten. Nähe ist kostbar. Nähe ist gefährlich in Zeiten wie diesen. Wenn man als Solitär durch die Welt spaziert, als Einzelgänger allein durch die Straßen geht statt den Bus zu nehmen, andere vermeidet, noch mehr als sonst, was soll einem passieren? Der Einzelne allein im Park, in der engen Gasse, die einen Umweg bedeutet, die übel riecht an Tagen wie diesen, der Spaziergänger, der durch den Durchgang geht, den niemand kennt, ohne Begleitung, wer soll sich schon für ihn interessieren? Allein ist man weniger zu Zweit und niemand stört das Bild, das man sich von der Welt macht und übermalt es.

38 Grad, liest der Koch meines Lieblings-Takeaways vom Thermometer in seiner kleinen Küche und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Wir geben uns nie die Hand. Wir haben uns noch nie berührt. Eine Theke steht zwischen uns wie eine Sicherheitsmauer mit Schokoladekuchen. Und trotzdem weiß er mehr von mir als viele Freunde. Als sie den Knubbel in meiner Speiseröhre gefunden haben und ich tagelang nicht wusste, was da in mir wächst und warum, war er der Erste, dem ich davon erzählt habe. Zwei Minuten haben wir –  höchstens – zwischen der Bestellung und der Essensausgabe. Genügend Zeit für ihn, um von seinem Vater zu erzählen, der nie zuhört und seiner Mutter, die sich einen anderen Beruf für ihn wünscht. Eine Freundin und ein Kind, bevor sie zu alt ist, um mit dem Enkelkind auf Reisen zu gehen. Überall dorthin, wo ihr Mann nicht mehr hinmöchte. Paris, Brügge, Venedig. Ich will Österreich nicht mehr verlassen bis ich sterbe, hat ihr Mann bei seinem Siebziger erklärt. Und ich kann auch nicht mit ihr wegfahren, sagt mein Koch, das ist ja komisch mit der Mama. Und ich verstehe ihn.

38 Grad und dann noch die Schürze, das langärmlige Hemd, die Kopfbedeckung wegen der Hygiene. Brutal, sag ich. Ja, nickt er, ein harter Tag. Aber wenn ich dich seh, gehts mir gut. Und ich nicke, weil es mir auch so geht. Und ich weiß nicht mal seinen Namen.

Am Heimweg ruft mich meine Mutter an. Ich drück sie weg, weil ich so müde bin. Ich komm am Krankenhaus vorbei mit der Suppe in der Tasche. Ein Mann steht am Balkon und raucht. Das rechte Bein eingegipst, die Arme an der Balustrade, die Stirn in Falten gelegt. Einsam, nicht allein, Ich denke an die Zeit im Krankenhaus, als ich nicht wusste, wie es weitergeht. Und dass ich froh war über die Jahreszeit, den Nebel und die Kälte. Weil es natürlich war unter der Decke zu liegen während man wartet. Auf den Befund, auf die Prognose für die nächsten Monate und Wochen, für immer ist ja nichts. Wie sehr ich mich gefreut hab über die Nachrichten von Menschen, die ich kaum kenne, Wie traurig ich über jene war, die nicht gekommen sind.

Vor dem Spital steht ein Mann mit dunklem Teint, zerrissener Kleidung und einem Baby auf dem Arm. Es schaut so komisch in die Welt, dass ich lachen muss und stehen bleibe. You are the first that smiles to me, sagt er und geht einen Schritt auf mich zu. Und das Baby greift nach mir, unsere Handflächen berühren sich, sind klebrig und heiß. Aber das stört nicht. For today? frage ich während sich die kleinen Finger um meinen Zeigefinger schießen. Er schüttelt den Kopf. Forever.

 

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