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Ein junger Mann, vielleicht 17, 18 Jahre alt, schreit in die Kamera: „Wir werden euch töten!“  Neben ihm sitzt ein weiterer Junge. Dasselbe Alter, dieselbe Tarnkleidung, derselbe entschlossene Blick. Wild fuchtelt er mit einer Waffe in der Luft herum. Schnitt. Die beiden Jungen sind im Profil zu sehen. Zwei attraktive junge Männer in kriegerischen Posen. Perfekt gestylt für die Aufnahmen.

Sie könnten auch aus einem Musikvideo stammen, einem Video zu einem Song, in dem es um Gewalt geht, um Todessehnsucht und Zerstörung. Tun sie aber nicht. Sie zählen zu einer Gruppe, die nicht nur mit Drohgebärden kokettiert. Sondern Drohungen umsetzt. Junge Männer, die Krieg spielen. Mit tödlichen Folgen. Die gleichaltrige Konzertbesucher exekutieren. Wahllos. Erbarmungslos. Grundlos.

„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!“, sagen die islamistischen Terroristen der Al-Kaida im Bekennervideo zum Zuganschlag in Madrid 2004. Unsterblichkeitsfantasien treffen auf Größenwahn, Narzissmus, Todeskult. „Furchtbar ist es zu töten“, schreibt Bert Brecht in „Die Maßnahme“.

„Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es Not tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist, wie jeder Lebende weiß.“ Die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof schickt diese Zeilen an Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Morden als Teil der persönlichen Märtyrerfantasie. Schon damals. „Stadtguerillas“ nannten sie sich avantgardistisch-chic. Sie wollten „den Krieg in die Städte tragen“. Als Antwort auf Vietnam. Asymmetrische Kriegsführung nennt man es heute bei den Attentätern des IS.

Und wieder ist von Krieg die Rede. Bei den feigen Aktionen. Bei den wutentbrannten Reaktionen. Ob in der Politik oder in der Publizistik. Wer zur Besonnenheit aufruft, ist schwach. Wer Pazifist sein will, naiv. Wer den Krieg verachtet, ahnungslos.

Wenn ich Krieg höre, denke ich an die Urgroßmutter. Jahrgang 1901. Krankenschwesterschülerin im ersten Weltkrieg, Oberschwester im zweiten. Und an ihre Geschichten. Von den Verwundeten, den Kranken, den Sterbenden. Von den Zeiten, als es kaum noch Betäubungsmittel gab und kaum noch Schmerzmittel, und von jenen, als es schließlich gar nichts mehr gab. Hände halten. Vorlesen. Beten. Für die Sterbenden, mit den Sterbenden. Dafür, dass es bald vorbei ist.

Eindrückliche, ernste Geschichten von einer ruhigen, ernsten Frau. Die selten die Fassung verliert und fast niemals ihre Ruhe. Nur einmal im Spätherbst. Wir spielen draußen. Am abgeernteten Maisfeld. Neben uns die Autobahn, dahinter, ganz hinten am Horizont der Wörthersee. Wir spielen mit den Nachbarskindern. Ein Hof gegen den anderen. Mit Steinen und Stecken und Ästen, wir spielen Krieg. Da steht die Urgroßmutter plötzlich vor uns. Und packt uns am Arm, wie sie uns niemals gepackt hat. Und zieht uns in die Wohnung hinauf. Und setzt uns an den Tisch. Sie macht uns Saft, weil uns heiß ist vom Kämpfen. Und erzählt von den Kindern, die zu Waisen wurden. Den Mädchen, die ihre Väter verloren haben. Den Jungen, die ihr Leben verloren haben. „Seid froh, dass wir uns nicht verlieren“, sagt sie und wir nehmen sie an der Hand und spielen lange nicht mehr Krieg. Erst viele Jahre später wieder, im Kinderzimmer, mit dem Joystick in der Hand.

Als die Urgroßmutter stirbt, räumen wir ihre Kästen aus und ihren Nähkorb und die Laden. Poesiealben, Zeitungsausschnitte, alte Kalenderblätter. Und auf einem steht: „Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.“ Und es war damals schon ganz vergilbt.

(In: NZZ.at, 18.11.2015)

 

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