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Fährt man über ein verlängertes Wochenende nach Rom, kommt man ihnen nicht aus. Am Petersdom. Beim Trevi-Brunnen. Auf der Piazza Navona. Wo immer man Touristengruppen antrifft, ragen sie in den Himmel wie Antennen, mit denen die Menschen Kontakt zu sich selbst herstellen wollen: Selfie-Stangen. Überall.

Wie viel Spiegelbild kann man ertragen? Wie oft will man sich selbst dabei zusehen, wie man in die Linse eines Handys grinst, mit Hut, ohne Hut, im Halbprofil, frontal? Geht es nach einem kleinen Mädchen, vielleicht 5 Jahre alt, höchstens 6, in der Innenstadt von Rom, kennt dieses Spiel kein Ende. Ich treffe es zum ersten Mal an einem Nachmittag in der Ewigen Stadt, an dem mich die schwüle Mittagshitze in eine der Kirchen zwischen Piazza Navona und Trevi-Brunnen zieht.

Gotteshäuser sind ein empfehlenswerter Ort, um dem Trubel der italienischen Hauptstadt zu entfliehen. Denn sie bieten alles, woran es in Rom im Sommer traditionell mangelt: eine angenehme Raumtemperatur, Platz und Ruhe. Endlich Ruhe. Über die wacht, wenn nötig, der Pater selbst, der, wenn ihm das Stimmengemurmel der anwesenden Touristen zu laut wird, schon mal ein mahnendes „Silenzio!“ in sein Mikrofon ruft. Und selbst bei einem mäßig gläubigen Menschen verfehlen das schummrige Licht, die prächtigen Gemälde und das Kerzenmeer davor nicht seine Wirkung. Man wird ruhig und nachdenklich, erst recht, wenn man kurz vor der Abreise ein Familienmitglied begraben hat. Auch wenn er mit 89 Jahren ein stolzes Alter erreicht hat, wird mir der Verlust erst an diesem Nachmittag in der Kirche in Rom richtig bewusst. Ein wunderbarer Mensch, den ich nie wiedersehen werde. Eine liebevolle Vaterfigur, und – das ist das wirklich Schmerzhafte am Erwachsenwerden – so viele davon hat man irgendwann nicht mehr.

In diesem Augenblick der Trauer klickt es plötzlich neben mir. Ein Mädchen mit blondem Lockenkopf in einem rosa Kleid, das mir kaum bis zur Hüfte reicht, steht inmitten des Ganges vor dem Marienaltar, hält eine ebenfalls rosa Selfie-Stange mit anmontierten Handy in ihrer Hand und knipst sich selbst. Ohne Unterlass.

Sie blickt versonnen auf ihr Spiegelbild. Sieht nichts, hört nichts, ist ganz versunken in sich. Sie lächelt professionell wie eines der Models in den Shampoo-Werbungen. Hebt die Stange mit dem Handy ein wenig nach oben, um sich selbst in einem anderen Winkel zu sehen, und drückt ab. Sie geht ein paar Schritte vor den Altar, sie geht rückwärts, denn er liegt hinter ihr. Wendet den Blick keine Sekunde von sich ab, wirft ihren Kopf ein wenig in den Nacken, sodass die vergoldete Marienstatue hinter ihr über ihren blonden Locken schwebt. Klick, klick, klick. Während ich nur einen halben Meter von ihr entfernt eine Kerze anzünde und der Toten gedenke, schießt sie Bilder von sich. Eines nach dem anderen. Im Sekundentakt. Ich blicke mich um. Keine Eltern in Sicht. Ich wende mich ab, falte die Hände, versuche an den Verstorbenen zu denken, aber es gelingt mir nicht. Klick, klick, klick. Ich versuche Augenkontakt zu ihr herzustellen, sinnlos. Sie bemerkt mich nicht.

Da gehe ich einen Schritt zur Seite und stelle mich in ihr Bild. Sofort dreht sie sich zu mir. Sieht mich an. Die Augen blitzen wütend. Ich sehe sie an. Stumm, aber streng. Ein Blick, der bei meinem Neffen immer wirkt. Aber in ihrem Fall abprallt an der unsichtbaren Wand, die sie um sich selbst gezogen hat, bewacht von der rosa Selfie-Stange. Sie blickt mich herausfordernd an, empört, aufgebracht. Darüber, dass ich ihr Bild störe. Dass ich einfach so eindringe in ihren Kosmos, in dem sich alles nur um sie dreht und das nächste Foto und die Umwelt nur Hintergrund ist, Tapete, ein Rahmen für die blonden Locken und das einstudierte Lächeln. Eine ältere Frau in Schwarz mit feuchten Augen wirft mir einen gütigen Blick zu. Be the bigger girl, sagen ihre Augen, und natürlich haben sie recht. Ich mache mich ans Gehen, zurück hinaus ins grelle Sonnenlicht und die nachmittägliche Hitze.

Zwei Tage später vor dem Petersdom. Die Schlangen links und rechts vor dem Eingang sind zu lang, um sich einzureihen. Es ist knapp vor 12 Uhr, und um mich zwei bis drei Stunden in der gleißenden Mittagssonne anzustellen, dafür fehlt mir dann wohl doch der Glaube, die innere Standfestigkeit. Und eine Wasserflasche. Plötzlich höre ich ein vertrautes Geräusch. Hier, inmitten der Menschenmassen, die sich vor den Absperrungen des imposanten Doms drängen. Für einen Augenblick glaube ich an eine Sinnestäuschung, einen Hitzschlag vielleicht. Aber es ist kein Wunder und auch keine Erscheinung, direkt neben mir, zum Anfassen nahe steht es: das Mädchen mit der rosa Selfie-Stange. Diesmal trägt sie die Haare zusammengebunden zu einem Zopf, eine Latzhose und ein T-Shirt. Doch ihr Blick ist unverändert auf sich selbst gerichtet, auf das Bild von sich, das auf ihrem Handydisplay erscheint.

Etwas abseits stehen ihre Eltern. Ein nettes Paar, etwas hilflos in dem Chaos am Platz. Die Mutter hält den kleinen Sohn an der Hand. Sie trägt einen prall gefüllten Rucksack auf ihrem Rücken, klammert sich an ihren Mann, der ihre eine Wasserflasche reicht. Beide tragen praktische Kleidung, sehen freundlich aus und ein wenig ratlos, wenn ihr Blick auf ihre Tochter fällt. Sie rufen nach ihr und gehen ein Stück weiter. Vater, Mutter, Sohn. Alle drei nehmen sich an den Händen. Nur die Tochter bleibt stehen. Weiterhin in ihre Selfies vertieft. Ein paarmal wird sie angerempelt, doch sie bemerkt es nicht. Sie hat nur Augen für ihre Bilder.

Selten war die Einsamkeit eines Menschen so greifbar. Und ich dachte, ich wäre traurig.

(In: NZZ.at, 15.5.2016)

One thought on “Römisches Tagebuch #2: Selfie Girl

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