Home

Herr K. lebt allein. Herr K. hilft gerne. Der Witwe im Nachbarhaus und den Flüchtlingen. Das finden viele im Ort nicht so gut. Herr K. versteht nicht, warum. 

„Die Zeiten sind schlecht“, sagt Herr K., der Nachbar, und entfernt vorsichtig ein paar Blätter vom Körper eines toten Vogels neben dem Komposthaufen. Der Schlamm und das Laub haben den Vogel konserviert. Er sieht nicht aus, als würde er schon lange dort liegen. Herr K. streicht vorsichtig ein paar Erdbrocken aus seinem braunen Gefieder. Der Vogel ist nicht viel größer als seine schwielige Handfläche. Es ist der dritte tote Vogel in diesem Winter, den Herr K. in seinem Garten findet. Niemand weiß, warum. Herr K. gibt die Körper in Papierschachteln, in denen seine Müsliriegel waren, und vergräbt sie unter dem Apfelbaum. Er kauft die Riegel immer in der Großpackung, da sind sie billiger. Er mag Müsliriegel, weil sie süß sind und weich. In zwei Monaten wird er 86.

Die Mutter im Nebenhaus darf nichts von den toten Vögeln wissen. Seit ihr Vater gestorben ist und kurz darauf ihr Mann, hat die Mutter genug vom Tod. „Nimm einen Schal, du holst dir den Tod!“, sagt sie noch immer, wenn der Wind ums Haus bläst. Sie sagt es nebenbei, sie sagt es, wie sie die Taufkerzen der Kinder anzündet zu ihren Geburtstagen und in der Weihnachtszeit die Mistelzweige über die Türen hängt, auch wenn sich schon lange niemand mehr unter ihnen küsst. Seit der Tod sich alles geholt hat, was ihr lieb war, trotz Schal, Kappe und Mantel, sagt sie es und schluckt. Wenn der Wind ums Haus bläst, bekommt sie feuchte Augen und dreht sich weg.

Herr K. hat keine Angst vor dem Tod. „Der Tod ist etwas, auf das man sich verlassen kann“, sagt er und schlurft mit dem toten Vogel in der Hand zur Bank vor seinem Haus, auf der schon die Papierschachtel bereit liegt. Sanft bettet er den kleinen Körper hinein und schließt die Schachtel. Er bekreuzigt sich nicht. Er spricht kein Gebet. Seine Mutter stammte aus einer jüdischen Familie, „eine Taufschein-Katholikin“, sein Vater war ein italienischer Soldat, „ein Filou“, grinst er. Seine kleine Schwester stirbt an Scharlach, als sie drei ist. „Da haben wir aufgehört mit dem Beten und dem Kirchengehen.“ Herr K. mag Kirchen. Er sieht sie sich gerne von innen an. Die Fresken und Gemälde und Marienstatuen. Aber er geht in keinen Gottesdienst. Religion ist nichts für ihn. Religion ist ihm suspekt.

Herr K. lebt in einer kleinen Ortschaft außerhalb von Klagenfurt. Er liest keine Zeitung, er schaut sich die Nachrichten im Fernsehen an. Jeden Abend mit einem Glas Wein. Aber auch das nicht immer. Heute lässt er sie aus, weil er den Vogel begraben muss. Danach setzt er sich auf seine Bank vor dem Haus, dreht sich eine Zigarette und pafft vor sich hin. Früher hat er die Kronen Zeitung gelesen. Aber dann hat er sie abbestellt wegen der halbnackten jungen Mädchen auf Seite drei. „Das könnten meine Enkerln sein“, sagt Herr K. Die Frau von Herrn K. ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben. Er hat sie bis zum Schluss gepflegt. Die Mutter hat ihm dabei geholfen, deshalb hilft er jetzt ihr, so gut er kann. „Wir müssen aufeinander schauen“, sagt er, „es tut sonst niemand.“

Die Sachen seiner Frau hat Herr K. in schwarze Müllsäcke gepackt und in den Keller getragen. Dort hat er sie jahrelang gelagert. Neben den Einmachgläsern mit ihren Marmeladen, die schon Schimmel angesetzt haben. Und der alten Waschmaschine und dem Tiefkühlschrank, der nicht mehr funktioniert. Vor ein paar Wochen hat er sie aus dem Keller geholt. Und hat sie gespendet. Für die Flüchtlinge. Die Mutter hat sie vorher gewaschen und dafür Weichspüler verwendet und sie danach fein säuberlich zusammengelegt. Weil die Menschen sich nach so langer Zeit auf der Flucht über gut riechende Wäsche freuen würden, da war sie sich ganz sicher. Herr K. hat auch ein bisschen Geld gespendet. „Weil die das dringender brauchen als ich“, sagt er und dämpft seine Zigarette aus. „Hast du die ganzen Kinder gesehen? Das sind doch arme Hascherln.“

Sein Sohn hat das nicht so gut gefunden. Er ist dagegen, dass Österreich Flüchtlinge aufnimmt. Er hat zwei Töchter und fürchtet sich vor den vielen Fremden, die ins Land kommen. Auch die Schachpartie von Herrn K. hat ihn nicht verstanden. Einmal pro Woche trifft er sie in Klagenfurt im Park, und sie spielen dort gemeinsam auf der Freiluft-Anlage gegeneinander. Sommer wie Winter. Seit fast 30 Jahren. Seine Freunde haben ihm erzählt, wie gefährlich die Flüchtlinge sind. Dass sie Frauen vergewaltigen und stehlen und immer mehr werden, weil die Regierung alle ins Land lässt. Und dass es viele schlimme Geschichten über sie gibt, die nicht in den Zeitungen stehen, weil sie vertuscht werden sollen. Herr K. hat kein Internet. Er hat auch kein Handy. Wenn er einmal pro Woche durch die Stadt geht, findet er die jungen Menschen seltsam, die auf ihr Handy starren. „Früher haben wir immer nach oben geschaut. Wegen den Bombern. Aber jetzt, wo der Himmel frei ist, schauen alle nach unten.“

Herr K. bemerkt auch in der Ortschaft, dass etwas nicht stimmt. Dass die Stimmung gekippt ist. Beim Dorfwirt isst Herr K. manchmal ein Essigfleisch, weil die Wurst so schön weich ist. Die Zwiebeln lässt er stehen. Der Wirt ist mit seinem Sohn in die Schule gegangen. Er war immer ein netter Bub, aber jetzt sagt er, dass es reicht mit den Flüchtlingen. Dass Österreich genug aufgenommen hat. Dass sie überlaufen werden, wenn es weiter so geht. „Es ist wie kurz nach dem Krieg“, sagt Herr K. „Da hat man dem anderen das Brot aus der Hand geschlagen vor lauter Hunger und ist damit weggelaufen.“ Aber wir haben keinen Krieg, oder? „Nein“, sagt Herr K. „Wir haben nur Angst. Das ist manchmal genauso schlimm.“

Es ist kalt geworden auf der Bank vor dem Haus. Herr K. ist müde. Er tätschelt einem die Wange, als würde man nicht bald 40 werden, sondern immer noch 14 sein. Und ein paar Äpfel aus seinem Garten gestohlen haben. Und er hätte einen dabei lachend erwischt. Wie früher. „Pass auf dich auf“, sagt er. „Es tut sonst niemand.“ Dann geht er ins Haus. Unterm Apfelbaum ist ein frischer Haufen Erde aufgeschüttet. Darunter liegt der tote Vogel in der Müslischachtel. Hoffentlich der letzte für dieses Jahr.

(In NZZ.at, 7.2.2016)

2 thoughts on “Herr K., die toten Vögel und die Flüchtlinge

  1. Weil es beim ersten Mal nicht geklappt hat, nochmals, ein wenig anders formuliert.
    [Computer vergessen jeden Text, wenn man ihn nicht auf der Stelle ausdruckt!]

    Liebe Barbara Kaufmann,
    Ihre Texte rühren mich jedes Mal.
    Ohne dass sie rührselig sind.

    Das findet ich selten in der westlichen Kultur.

    Danke und Schöne Grüße
    Ihr
    Erich Ledersberger

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s