Home

Das Seltsamste am Älterwerden ist, dass man immer noch da ist. Dass man morgens die Augen aufschlägt, der Brustkorb hebt und senkt sich, man atmet ein, man atmet aus ohne es zu wollen. Man lebt noch immer, auch wenn es wehtut. Kurz nach dem Aufwachen kann es passieren und es passiert immer öfter, dass der Körper schmerzt. Kopf, Rücken, Knie. Irgendwo zieht es, sticht und pocht und der Schmerz lacht laut auf, grinst schelmisch und sagt ohne Pardon: das Leben geht weiter, tja, das hättest du dir nicht gedacht.

Hätte ich nicht, nein. In manchen Jahren war der Winter so hart und erbarmungslos, so ohne Trost und Hoffnung, dass ich mir im eisigen Februarwind den sonnigen Julitag, an dem ich geboren wurde, nicht vorstellen konnte. Selbst wenn an diesem Tag traditionell Regenwolken über der Stadt hängen, aber dieser Regen ist warm und liebevoll und freundlich. Nein, hab ich mir in diesen Jahren gedacht, trotz Lichttherapie und guter Medikamente, Vitamin D und verständisvoller Freunde, das nächste Lebensjahr muss ohne mich auskommen. Alles tut weh, das Blei ist überall, ich will nicht mehr. Dann kam der Frühling und das Sonnenlicht, plötzlich war alles besser, ich war verliebt, voller Ideen, in der Straßenbahn standen die Fenster offen und es roch nach Aufbruch und Park. Ich hab mich ans Leben geklammert, die Tage waren zu kurz und die Nächte zu schön, um sie zu beenden. Bitte, hab ich mir kurz vor meinem Geburtstag gedacht, wenn ich über eine Kreuzung gelaufen bin oder von den schrecklichen Krankheiten meiner Verwandten hörte, bitte nicht. Nicht jetzt. Nicht ich. Es gibt noch so viel zu tun und zu erleben. Einem Kind die Welt zu zeigen, meine Flugangst zu überwinden und in New York Hot einen Cosmopolitan zu trinken, mit dem Auto durch Italien zu fahren, vom Norden bis ganz in den Süden und nachts auf der Raststation Panini zu essen mit Schinken und Käse, so dick gefüllt dass man an jedem Bissen minutenlang kaut während die Lichter von Genua, Florenz oder Rom in der Ferne zu sehen sind.

Als Kind war ich zu meinem Geburtstag oft auf Friedhöfen. Die Eltern waren Geographen und jede Urlaubsreise wurde bei den Kirchen und Friedhöfen der Städte und Dörfer unterbrochen, durch die wir kamen. Ein Friedhof, sagte meine Mutter, zeigt die soziogeographische Entwicklung einer Region. Die Toten, sagte mein Vater, erzählen uns Geschichten an ihren Gräbern, wir müssen uns nur die Zeit nehmen, um zuzuhören. Mein Bruder und ich sprangen zwischen den Gräbern umher und hielten abwechselnd das Baby und manchmal fand ich ein Grab, an dem das Geburts- und das Sterbedatum ident waren. Und ich dachte mir, wie bitter. Wie traurig, wenn du an deinem Geburtstag in einem Zimmer liegst, in dem es nach Kampfer riecht und Brustbalsam, in dem Ärzte und deine Verwandten still ein und aus gehen und du merkst, es geht sich nicht mehr aus. Als meine Taufpatin im Sterben lag, in einem Mai, der heißer war als all die Jahre zuvor, nur wenige Tage bevor sie Geburtstag gehabt hätte, da fuhren meine Mutter und ich mit ihrem klapprigen alten Auto nach Hause und hörten Radio, weil uns die Worte fehlten. Sie spielten die Beatles, die größten Idole meiner Mutter und heimlichen Babysitter unserer Kindheit. Let it be! sang Paul McCartney. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, es war schwül in der Stadt und in unserem Wagen. Meine Mutter fuhr an den Straßenrand, wir sahen uns nicht an, wir weinten beide. Weil wir wussten, dass wir es tatsächlich sein lassen mussten. Dass nichts mehr zu machen war, trotz all der Durchhalteparolen, des Eau de Cologne, das wir extra für sie gekauft hatten weil sie es so liebte, trotz der Vitamininfusionen und der hellroten Klatschmohnbluse, die wir ihr an diesem Tag angezogen hatten. Weil der Krankenhauskittel ihr nicht gerecht wurde. Und dem, was sie für uns beide ihr Leben lang gewesen war. Zwei Tage später war sie tot.

Ich weiß nicht, ob sie traurig darüber war, ihren Geburtstag nicht mehr zu erleben. Seit dem Tod ihres Mannes war sie so gebrochen und so voller Sehnsucht nach ihm, ihren Diskussionen, ihren Ausflügen, ihrem Leben zu zweit, dass sie vielleicht gern gegangen ist. Weil sie immer gehofft hat, ihn wiederzusehen. Und vielleicht war das besser als alle Geburtstage zusammen.

Mein Vater hasste Geburtstage. Aber immer wenn sich meiner näherte, waren wir zu Besuch bei Onkel Heinz. Er hieß gar nicht Heinz und war auch nicht mein Onkel, aber die beste Familie ist die, die man sich aussucht. Er lebte mit Tante Nini in einer Altbauwohnung mit Milchglasscheiben, vergilbten Vorhängen und einem Plattenspieler, auf dem meistens eine Billie Holiday Nummer lief. Oder eine von Louis Armstrong oder Elvis, dem King. Der wirklich der König gewesen war für ihn und meinen Vater.

Tante Nini kochte Rindfleisch mit Majoran und Röstkartoffeln und backte eine Biskuitroulade für mich. Onkel Heinz spielte mit meinem Vater Schach während sie in der Küche Zigaretten rauchte und von ihren vielen Ehen erzählte. Niemand war so oft verheiratet gewesen wie sie außer Liz Taylor und viele Jahre wünschte ich mir so zu sein wie sie, mit meinen Perlen zu spielen, große dunkle, geheimnisvoll geschminkte Augen zu haben und nach schwerem, teurem Parfüm zu riechen, während ich auf eine Heerschar Männer zurückblicken konnte, die für mich durch den Staub gekrochen wären, nur um letztlich die einzig wahre Liebe zu finden. So wie sie. Vor zwei Jahren starb Tante Nini und vor einem Jahr mein Vater. Und weil ich kein Rindfleisch kochen kann und nur sehr schlecht Schach spiele, essen Onkel Heinz und ich nun immer Marmorkuchen von Ölz, wenn ich ihn kurz vor meinem Geburtstag besuche. Und hören Elvis und reden von den alten Zeiten als Tante Nini noch mit toupiertem Haar ihre Biskuitroulade wie eine Königin im Wohnzimmer servierte und mein Vater mit mir zu „You are always on my mind“ tanzte. Bis es spät wurde und ich beschwipst von dem Kirschlikör in meinem Zimmer abgesetzt wurde. In diesem Jahr ist sich ein Besuch nicht ausgegangen. Also haben wir telefoniert.

Jetzt bist du bald 38, sagt Onkel Heinz. Und ist dein Leben bis jetzt so wie du es dir erwartet hast? Hm, antworte ich. Ich weiß es nicht. Ich hab gedacht, wenn ich fast 40 bin, hab ich drei Kinder, mit denen ich durch Italien fahre und abends lese ich ihnen aus meinem Buch vor, kurz bevor sie schlafen gehen. Jetzt habe ich weder einen Führerschein noch Kinder und Buch hab ich auch keines geschrieben, noch immer nicht. Aber, sagt Onkel Heinz und er hustet sehr laut, weil er jahrzehntelang geraucht hat und viel noch dazu, du hast jemanden, mit dem du dich unterhalten kannst? Du hast Menschen, mit denen du richtig reden kannst? Ja, sag ich und muss lachen, ich hab jemanden, mit dem ich mit durch Italien fahren kann, auch wenn ihm im Nachtzug schlecht wird, weil die Klimaanlage nicht geht und weil er klaustrophobisch wird in dem engen Abteil. Und ich habe die beste Schwester und den besten Bruder, den man haben kann, eine Neffen, an den ich viel denke, auch wenn ich eine schlechte Tante bin. Eine Mutter, die ein Hippie geblieben ist und daran glaubt, dass man die Welt retten kann, auch wenn es wirklich verrückt ist. Und Freunde, die ich liebe und die mich lieben, was auch immer ich anstelle.

Na dann, sagt Onkel Heinz und er klingt schon etwas müde, weil es nach 20 Uhr ist, dann hast du alles. Alles Gute, Kind. Ich trink auf dich.

Es sind noch drei Stunden bis Mitternacht und ich bin sentimental. Ich muss an das Rindfleisch mit Majoran denken, das schwere Parfüm von Tante Nini und an Elvis. Und weil es gerade so gut passt, niemand im Zimmer ist und ich den Onkel Heinz noch im Ohr hab und plötzlich meinen Vater vor mir wie er meine Füße auf seine gestellt hat und mit mir durch das Zimmer getanzt ist, hör ich „If I can dream“ vom King, eine Nummer, die ich noch immer auswendig kann. Und singend tanz ich allein in mein 39. Lebensjahr hinein und denk mir, Elvis ist 42 geworden, das schaffst du auch. Hoffentlich.

 

One thought on “Geburtstage, Friedhöfe und Elvis

  1. Musst du mich immer wieder zum Heulen bringen???🙂
    Vielen Dank, ich les dich wirklich sehr gern, und alles Gute fürs kommende Lebensjahr!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s