Home

Der Tod riecht. Und er riecht nicht gut. In der römischen Mittagssonne liegt eine tote Taube im Randstein direkt vor Antonios Bar. Hie und da verzieht ein Passant angewidert das Gesicht. Aber niemand bleibt stehen. Alle haben es eilig hier in der Viale di Trastevere, um nicht das nächste  Opfer des donnernden Verkehrs der Hauptstraße zu werden, die durch das Viertel am Ufer des Tibers führt. Ein ewiger Strom aus Rollern, Autos, Bussen und Straßenbahnen, der sich weder von Feiertagen, Tageszeiten noch Ampeln aufhalten lässt. Am allerwenigsten von Fußgängern. Oder Tauben.

Verdammt, seufzt Antonio, das auch noch. Ächzend geht er langsam in sein Lokal, das nicht mehr ist als ein kleines, schummriges Loch in der Fassadenwand. Eine Theke, ein Fernseher, ein Abstellraum mit Toilette. Die Bar liegt abseits der Touristenroute des Viertels, in dem sich eine Trattoria neben die andere reiht und die Vorübergehenden lautstark zum Einkehren aufgefordert werden. „Prego! Pizza, Pasta!“

All das gibt es in Antonios Bar nicht. Keinen Imbiss, keine Weinkarte, erst recht keinen „Spritz“, das Sekt-Aperol-Mischgetränk, das in den Lokalen auf der Piazza Navona, dem Campo Fiori und den Nebengassen der Via del Corso allgegenwärtig orange von den Tischen leuchtet. Antonio, ungefähr 70 Jahre alt, korpulent mit einer großen, vernarbten Nase serviert Hauswein, Bier und Limoncello, der in vergilbten Flaschen auf dem Regal hinter der Theke unter einer dicken Staubschicht steht. Und in Ausnahmefällen Wasser. Das einzige nichtalkoholische Getränk im Sortiment.

Ecco qui, seufzt er während er zwei Gläser davon auf den Tisch stellt. Wo kommt ihr her? Während wir antworten, schlurft er zu der toten Taube und stößt die Überreste des leblosen Körpers mit dem rechten Fuß in Richtung Straße. Ah, Vienna, nickt er, zündet sich eine Zigarette an und winkt einem Vespa-Fahrer, der eine kleine Abkürzung über den Gehsteig direkt durch Antonios Gastgarten nimmt. Nichts Ungewöhnliches hier, aber wenigstens fährt er im Schritttempo.

Schön habt ihr es in Austria, ich war als Junge dort. Vienna, Salzburg und die Stadt bei Tarvisio, wie heißt sie noch? Klagenfurt, sag ich, da bin ich geboren. Antonio nickt versonnen. Sehr schön, sehr sauber und keine Probleme. Und kein Verkehr, antworte ich lächelnd. Doch Antonio ist nicht zum Lachen zumute. Ach in Rom, seufzt er, da haben wir viele Probleme. Sehr viele. Non solo traffico, nicht nur den Verkehr. Der wäre wenigstens immer eine Katastrophe. Der Verkehr und die Mafia, die wären immer gleich schlimm. Darauf könne man sich verlassen. Aber sonst. Er schüttelt den Kopf und zerrt an seinem Hemdkragen. Heiß ist es, sagt er. Und es ist noch nicht mal richtig Sommer. Tatsächlich staut sich tagsüber die Luft in den engen Gassen Trasteveres und selbst durch dieHauptstrasse bläst nur manchmal der Wind. Der ist zwar kräftig, aber warm. Ein wenig fühlt es sich an als würde man unter einem überdimensionalen Haarfön stehen.

Ich deute auf Antonios Anzug. Vielleicht ist er einfach zu warm angezogen? Er trägt ein langärmliges Hemd, das über seinem Bauch ein wenig spannt, eine graue lange Hose und ein dazu passendes Sakko. Empört schüttelt er den Kopf. Im Lokal trägt er immer Anzug. Immer? Immer, nickt er. Wir sind die einzigen Gäste an diesem Nachmittag und das Gespräch ist etwas einseitig, weil ich zwar alles verstehe, aber kaum mehr als das notwendigste Touristenitalienisch spreche. Der Nonno war Italiener, erzähle ich dann immer. Die Mama spricht auch noch fließend. Uns Kindern hat es niemand beigebracht. Was hätte ich denn noch tun sollen, bitte?! pflegt meine Mutter mit der für sie typischen Mischung aus Ungeduld und Temperament zu erwidern, die hier in Rom nicht auffallen würde und von der enge Freunde gerne behaupten, ich hätte sie von ihr geerbt. Was ich natürlich vehement bestreite.

Vino? fragt Antonio. Ich schüttle den Kopf. Es ist noch nicht mal 15 Uhr und ich bin keine geübte Nachmittagstrinkerin. Dann ein Limoncello, sagt er, steht ohne eine Antwort abzuwarten auf und holt die Flasche samt Gläser. Der Zitronenlikör schmeckt süß, klebrig und stark. Und nach dem ersten Glas ahne ich bereits, das wird nicht gut ausgehen. Der Wind bläst ein paar Plastikschraubverschlüsse und die Reste der Doppelseite einer Zeitung über den Gehsteig. Antonio schüttelt den Kopf, während er eine zweite Runde einschenkt. Der Mist ist auch eine Katastrophe, stöhnt er. Aber so schlimm wie in Napoli ist es noch nicht bei uns. Waren Sie schon mal dort? Ich muss verneinen und daraufhin alle italienischen Städte aufzählen, die ich schon besucht habe. Als ich Treviso wiederholt mit Triest verwechsle, deutet mir mein Mann, dass es vielleicht doch Zeit wäre zu gehen. Wir bedanken uns überschwänglich bei Antonio, der uns ebenso überschwänglich zum Abschied küsst und gehen mit etwas unsicherem Schritt weiter. Schließlich haben wir noch einen Termin.

Ich bin in Rom, um eine Radiosendung über Suppli zu machen. Die frittierten Reiskroketten mit Mozzarella, in die mich ebenso schnell wie in die Stadt selbst verliebt habe. Und dafür will ich den weltbesten Suppli-Koch interviewen. Wenn man davon ausgeht, dass Rom die Welt ist, wovon die Römer ohnehin überzeugt sind. Zumindest der Nabel der Welt – L’ombelico del mondo. Die Hymne von Jovanotti spielt man schon lange nicht mehr in den angesagten Nachtclubs in Testaccio und Ostiense, aber in den Eisgeschäften der Innenstadt ist sie immer noch ein Hit. Der Suppli- Koch, eine jüngere Version von Flavio Briatore, immer im Ganzkörper-Leinenanzug mit offenem Hemd, hat mich schon einmal versetzt. Oggi?! Hat er beim letzten Mal entsetzt gefragt, als er rund zwei Stunden zu spät in seinem Lokal aufgetaucht ist. Ja, hab ich müde genickt und sicherheitshalber einen Blick auf meinen Kalender geworfen. Heute. Heute gehe es auf keinen Fall. Aber, hat er gelächelt, morgen, domani. Da sei es kein Problem. Wieder um 4? Ja, ja, hat er gemeint und uns noch einen Teller Suppli angeboten. Aufs Haus.

Als wir das Lokal heute heute erneut betreten, kann ich schon an den verlegenen Blicken der Kellner ablesen, dass wir wieder kein Glück haben. Der Chef sei noch nicht da. Ob wir etwas trinken wollen? Oder essen? Suppli? Freundlich aber bestimmt lehne ich ab und warte. Der Limoncello scheint schon zu wirken. Denn irgendwie bereitet es mir Probleme, mein Aufnahmegerät einzuschalten. Ich wechsle die Batterie und versuche es von neuem. Das Lokal ist nicht klimatisiert und meine Hände feucht. Mein Mann ist eingenickt als der Chef endlich aufkreuzt. Heute ganz in rosa. Ein schöner Kontrast zu seinen grauen Brusthaaren. Oggi? Wieder reißt er verwundert die Augen auf. Ja, erwidere ich automatisch. Oggi. Es muss wirklich an meinem schauderhaften Italienisch liegen oder „oggi“ und „domani“ haben noch eine andere, geheimnisvolle Bedeutung, die mir bisher verborgen geblieben ist. Ah, lacht er, heute sei es schwer. Er erwarte Gäste, viele Gäste. Aber vielleicht morgen? Okay, sag ich. Unfähig mich zu bewegen. Meine schweißnasse Hose ist am Sessel festgeklebt. Dann morgen, ruft er fröhlich und deutet seinen Kellnern uns etwas zu bringen. Stumm essen wir die Suppli, die in meinem Magen auf den Limoncello treffen. Keine sehr empfehlenswerte Mischung.

Im Bus Nachhause in die Mietwohnung in Monteverde auf dem Gianicolo wird mir schlecht. Richtig schlecht. Vor mir sitzen ein paar Teenager, die sich lautstark unterhalten oder streiten. So genau weiß man das nie in Rom. Beim Aussteigen deutet eines der Mädchen auf meine Wange und kichert. Baci, Baci. Ich blicke in den Spiegel einer Boutique, an der wir vorbeikommen. Auf meiner Wange ist ein roter Fleck. Der Rest von der Tomatensauce der Supplis. Was solls, denke ich mir. Du bist in Rom. Da küssen selbst die Supplis gerne.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s