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Wenn Paul die Augen aufschlägt, gilt sein erster Blick dem Himmel. Er richtet sich auf, er beugt sich vorsichtig nach vor, um Klara nicht zu wecken. Das einzige Fenster im Raum befindet sich am Bettende. Paul blinzelt ein paar Mal verschlafen, er blickt angespannt nach draußen. Scheint die Sonne, legt er sich erleichtert wieder hin. Hüllt jedoch der Hochnebel die Stadt in weißes Licht, regnet oder schneit es, eilt er zum Fenster und schließt den Vorhang. Weißes Licht hält Klara nicht aus. Weißes Licht macht alles schlimmer. Bei weißem Licht kann Klara nicht fixieren. Es nimmt den Gegenständen die Konturen. Alles verschwimmt, selbst Pauls Gesicht. Und alles, was sie isst, schmeckt in dem Licht metallisch. Das weiße Licht macht alles grau, da helfen auch die vielen Lampen in beiden Zimmern ihrer Wohnung nicht. Es wird nicht bunter.

Den Vorhang abends vorzuziehen, geht jedoch auch nicht. Klara mag die Straßenlampe direkt vor dem Fenster, die nachts ins Zimmer scheint. Sie gibt ihr das Gefühl, dass draußen jemand ist. Nicht in der Einöde zu leben. Nicht ganz allein zu sein. Dass es Nachbarn gibt und Menschen auf der Straße. Die man zur Not um Hilfe bitten könnte, wenn die Dämonen in ihrem Inneren den Weg nach draußen finden. Und wenn die Angst kommt. Auch wenn sie es noch nie getan hat, die Straßenlampe und die Schritte unterm Fenster in der Nacht sagen ihr, es wäre möglich. Und das ist oftmals wichtiger.

Deshalb gilt Pauls erster Blick am Morgen seit gut zwei Jahren dem Himmel. „Frühdienst“, nennt er es und lacht. Paul lacht noch immer viel, auch wenn es manchmal weh tut. Er weiß, dass Klara ihn gerne lachen sieht.

Begonnen hat es irgendwann im Sommer vor fast drei Jahren. Die beiden sind schon sieben Monate zusammen. Sie arbeiten zusammen, sie haben die gleichen Lieblingsbands, sie tun sich gut. Schon nach ein paar Wochen packen sie die Plattensammlungen und Pauls Kassetteneditionen mit selbstgemalten Covern und allen ihren Lieblingssongs und ziehen in einen Altbau ohne Heizung, Klo und Küche. Und bauen sich gemeinsam ein Zuhause. We built the city with our own hands. Where every stone belongs to us, schreibt Paul mit schwarzem Edding auf die Wand über dem Bett. Ein Naked Lunch-Zitat aus ihrem Lieblingslied der Band. Es steht noch heute dort.

Dann kommt der Abend mit dem kalten Risotto. Pauls Tante Valerie hat die beiden eingeladen. Sie wohnt nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Und beide mögen sie. Valerie ist eigentlich die Großtante. Mitte 60, stark geschminkt, mit vielen schweren Ketten um den Hals und noch mehr Glaskugeln auf dem Kaminsims. Valerie spricht mit den Toten, aber beim Essen ist sie dem Leben sehr zugetan. Wenn Paul und Klara zu Besuch kommen, gibt es Risotto. Denn das gelingt ihr immer. Mit echtem Safran. Klara liebt den ungewöhnlichen Geschmack, sie liebt Risotto, sie liebt die schrullige Tante und ihre Geschichten. Nie würde sie einen Abend bei ihr versäumen.

Und trotzdem steigt sie an diesem Abend nicht in die U-Bahn. Sie macht einen Schritt in Richtung Tür, dann setzt sie ihren Fuß wieder auf den Bahnsteig. Paul versteht sie nicht. Er ist schon im Waggon. Er sieht, wie sie zurückweicht. Er steigt schnell aus, bevor die Türen sich schließen.

Klara will nicht einsteigen. Die U-Bahn fährt ohne sie ab. Sie hat schon längere Zeit keine U-Bahn mehr genommen. Sie hat es Paul nur nicht erzählt. Während der Fahrt ist es, als ob sie jemand wegziehen würde. Sehr schnell, ganz ohne Warnung. Und sie verliert das Gleichgewicht. Ihr Herz rast, der Boden schwankt, sie kann nicht sicher stehen. Setzt sie sich hin, wird es noch schlimmer. Der Schwindel kommt. Die Dunkelheit im Tunnel und die Enge geben ihr den Rest. Klara weint, und Paul tröstet sie hilflos. Der nächste Zug fährt ein. Paul gibt ihr seine Hand. Doch Klara kann sich nicht bewegen. An diesem Abend gehen sie zu Fuß zu Tante Valerie. Sie sind zu spät, Valerie ist wütend und das Risotto kalt. Von da an fahren die beiden nie mehr gemeinsam U-Bahn.

Die Angst wird größer, stärker, lauert überall. Auf die U-Bahn folgt der Lift. Vier Stockwerke sind es bis zu ihrer Wohnung. Altbau noch dazu. Klara geht sie irgendwann nur noch zu Fuß. Bei jedem Einkauf müssen sie sich absprechen. Wenn es zu schwer wird, übernimmt Paul. Noch fährt er mit dem Lift.

Klara hat Schuldgefühle. Sie sieht, wie ihre Angst ihr Leben verändert. Und Pauls gleich mit. Doch er beruhigt sie. Ich würde alles für dich tun, das weißt du. Ich würde für dich sterben. 

Am Weihnachtsfeiertag in diesem Jahr kommt Paul spätabends heim und findet Klara im Vorzimmer auf dem Boden liegend. Zusammengekrümmt. Sie atmet flach und kann sich nicht bewegen. Sie kann nicht in ihr Zimmer. Sie fürchtet, jemand könnte die Tür aufreißen und plötzlich im Zimmer stehen. Sie öffnet alle Zimmertüren, kann sie jedoch nicht alle gleichzeitig im Blick behalten. Sie hört Geräusche aus dem Nebenzimmer, dann aus dem Stiegenhaus, und wird fast wahnsinnig vor Angst. Sie ruft die beste Freundin an. Die hebt nicht ab. Und ihre Eltern sind zu Gast bei Verwandten. Und Pauls Handy ist tot. Sie legt sich schließlich auf den Boden vor die Wohnungstür. Und wartet dort, bis Paul sie findet. Er kann sie nicht dazu bewegen, aufzustehen. Er holt die Decken und legt sich neben sie. Am nächsten Tag kauft er ein Sicherheitsschloss. Trotzdem bleiben alle Zimmertüren seit diesem Tag geöffnet.

Der Jänner ist ein besonders kalter Monat. Minus 10 Grad und mehr. Der Himmel immer grau. Klara eilt zum Nebenjob. Sie trägt drei Schichten, Schal und eine dicke Haube. Und trotzdem glaubt sie, die kalte Luft lähmt ihr Gesicht. Legt sich wie eine Zange um die Mundwinkel und klemmt das Blut ab. Sie versucht zu sprechen und bringt kein Wort heraus. Die Straße vor ihr kippt nach rechts, die Häuser an den Straßenseiten scheinen zu fallen. Ihr Herz schlägt schnell, ihr Atem bläst stoßweise kleine Wölkchen in die kalte Luft. Ein Drache, dem die Luft ausgeht, denkt sie sich. Lehnt sich in den nächsten Hauseingang und fällt in sich zusammen. Ein alter Herr, der hinter ihr das Haus verlässt, ruft die Rettung.

Im Krankenhaus wird Klara durchgecheckt. Röntgen, Blutbild, EKG. Unauffällige Befunde. Panikattacke, schreibt der Arzt auf einen Zettel und überweist sie zum Spezialisten. Ein Psychiater, ernst, streng und Mitte 50. Drei Wochen wartet sie auf den Termin. Paul ist bei ihr, muss aber draußen warten. Panikattacken, Phobien, generalisierte Angststörung lautet die Diagnose. Sie bekommt Tropfen und Tabletten. Und probiert in den nächsten Monaten fast alles durch. Psychopax. Xanor. Lexotanil. Nur im Bedarfsfall. Oder täglich. Wenn der Bedarfsfall täglich ist.

Die Angst verschwindet, stattdessen kommt die Müdigkeit von den Tabletten. Wenn Klara nicht schläft, ist sie lustlos. Sie will keine Nähe. Sie will keine Umarmung. Sie will nicht mehr da sein, weil sie sich nicht mehr spürt. Paul hat seinen Klingelton am Handy immer auf Stufe 10, wenn er das Haus allein verlässt. Er fährt nicht mehr U-Bahn. Auch wenn er allein ist. Er nimmt den Lift nur, wenn es gar nicht anders geht. Er malt die Nullstufe der Drehknöpfe am Herd dunkelrot an. So kann er schon von Weitem sehen, ob alles abgedreht ist. Paul sorgt sich darum, dass es brennen könnte. Er sorgt sich um Klara, wenn er nicht zu Hause ist. Er sorgt sich darum, dass jemand zur Tür hereinkommen könnte. Ein Einbrecher, ein Mörder, ein Monster wie in Kindheitstagen.

Er sagt Klara nichts davon. Er atmet manchmal schwer, wenn er in einem der neuen Busse sitzt. Die, in denen man die Fenster nicht mehr öffnen kann. Er darf nicht auch noch wegbrechen. Manchmal trinkt er abends Wodka zum Bier. Das entspannt ihn. Das bringt ihn zum Lachen. Wenn Klara mittrinkt, lacht sie auch. Sie darf nichts trinken wegen der Medikamente. Sie sollte es auch nicht. Aber sie tut es trotzdem. Sie sieht dann gelöst aus, ihre Wangen röten sich ein wenig, ihr Blick verliert seine Gehetztheit. Der schmerzliche Zug um ihren Mund verschwindet. Ich würde alles für dich tun. Ich würde für dich sterben. 

Eines Nachts gehen sie auf die Straße. Aufgekratzt, übermütig, beschwingt. Sie küssen sich stürmisch. Die Wodkaflasche ist leer. Sie rutscht aus Pauls Hand. Sie rollt auf die Straße. Klara reißt sich los und läuft hinterher. Ein Auto biegt ums Eck. Es dröhnt laut in der stillen Einsamkeit der Nacht. Klara kichert. Paul torkelt. Er sieht das Auto zu spät. Klara kreischt. Es ist ein hohes, schrilles Kreischen. Sie springt auf. Sie packt Paul am Ärmel und reißt ihn mit aller Kraft zur Seite. Der Lenker des Wagens steuert im letzten Moment nach links. Er steigt aus, er brüllt die beiden an. Klara und Paul sehen sich an. Sie atmet schwer. Paul dreht sich geistesgegenwärtig zur Seite und erbricht. Der Lenker schreit noch immer. Klara streicht Paul über den Kopf. Wir brauchen Hilfe.

Die Therapeutin ist eine kleine, zarte Frau mit einer bunten großen Brosche und blauem Lidstrich. Sie lächelt Paul freundlich an. Zehn Sitzungen hat er mit ihr. Gemeinsam kämpfen sie sich durch das Dickicht seiner Kindheit. Sie spricht mit ihm über Symbiose. Co-Abhängigkeit bei psychischen Erkrankungen. Über die Angst, nicht gebraucht zu werden. Selbstüberschätzung und die Sucht zu helfen. Darüber, dem Anderen etwas zuzumuten und zuzutrauen. Ihm die Freiheit zuzugestehen, unglücklich sein zu dürfen. Sterben, sagt sie, kann man nur für sich.

Paul hat noch immer „Frühdienst“. Aber immer öfter verschläft er und Klara schließt den Vorhang selbst. Sein Handy stellt Paul hie und da sogar auf lautlos, wenn er das Haus verlässt. Er sorgt sich immer noch, aber er spricht darüber. Die roten Punkte an den Drehknöpfen am Herd, die hat er weggemacht.

(In:NZZ.at, 19.10.2015)

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