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Als ich Herrn D. zum ersten Mal sehe, deutet er auf mich, grinst schelmisch und fragt:„Was machst du da jeden Tag?“ Und sein Tonfall und die Art, wie er mich duzt, machen ihn mir sofort sympathisch.

Ich sitze auf der Parkbank vor dem Haus. Von dort aus hat man einen guten Blick auf die kleine Wiese zwischen den Stiegen der Anlage. Niemand hat sie je betreten. Kein Kind, kein Hund – sie ist nutzlos, aber schön. Wahrscheinlich deshalb. Die Bank ist auch meistens verwaist. Nur ich sitze gerne dort. Im Winter, um die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Im Sommer, wenn die letzten am Horizont verschwinden. Hie und da streitet sich eine Familie auf dem Parkplatz vor dem Haus, auf der Straße wanken Jugendliche aus der Disco ums Eck nach Hause. Und seit unserem ersten Treffen vor einem halben Jahr kommt manchmal Herr D. vorbei. Er wohnt im Haus schräg gegenüber. Ein alter Herr mit wachen, fröhlichen Augen. Ein orthodoxer Jude, der sich um seine Familie kümmert und sonst seine Ruhe haben möchte.

„Was machst du?“, setzt Herr D. noch einmal nach. „Ich denke nach, was ich schreiben könnte“, sage ich zu meiner Verteidigung. „Und wie weit bist du?“, fragt er und setzt sich kurz neben mich. „Am Anfang“, sage ich. In den kommenden Monaten wird dieser Dialog zu unserem Ritual. Wann immer wir uns sehen, nickt er mir zu und fragt: „Und, wie weit?“ Und ich zucke mit den Achseln und antworte: „Am Anfang.“

Vor eineinhalb Wochen, als die Flüchtlingskrise am Budapester Bahnhof Keleti zu eskalieren droht, als sich Menschen in Bicske gegen den Transport in das dortige Flüchtlingslager zur Wehr setzen, als das erste Mal auf sozialen Netzwerken Vergleiche mit der NS-Zeit gezogen werden, setzt sich Herr D. neben mich auf die Bank. Und wir führen unser erstes wirkliches Gespräch. Ich frage ihn, ob er die Bilder gesehen hat: von den Menschen in Budapest am Bahnhof, die auf dem Boden schlafen müssen. Und von jenen auf der Autobahn, die einfach losmarschiert sind. Ins Ungewisse. „Schlimm ist das“, sagt er betroffen, „wenn man nicht weiß, wohin.“ Er schüttelt den Kopf. „So viele Kinder. Aber gut, dass sie gehen. Warten ist tödlich. Wenn meine Mutter gewartet hätte, wäre ich nicht da.“

Ich möchte so vieles von ihm wissen. Wie er überlebt hat. Was er empfindet angesichts der Vergleiche der Flüchtlingskrise mit der NS-Zeit. Am Tag zuvor haben Flüchtlinge aus dem überfüllten Zug ins Flüchtlingslager Bicske verzweifelt „no camp, no camp!“ gerufen. Man hatte ihnen vorgemacht, der Zug würde nach Deutschland fahren. Zumindest hatte man es nicht klargestellt. Der eigentliche Zielbahnhof wäre Sopron gewesen. Doch dann wurde der Zug einfach umgeleitet, direkt in Richtung Flüchtlingslager. Ein Journalist schreibt daraufhin auf Twitter: „Zug nach Sopron gestoppt. Flüchtlinge dürfen nicht raus. Klopfen an Scheiben. „No camp, no camp …“ Welches Jahr? 2015 oder 1942.“

Ich erzähle Herrn D. die Geschichte. Er weiß nicht, was Twitter ist. Es kümmert ihn auch wenig. Er sitzt in Gedanken versunken da und schweigt. „Und was glaubt dieser Mann“, fragt er leise, „dieser Journalist? Dass sie beim Transport nach Auschwitz auch ,no camp!‘ gerufen haben?!“

Ich versuche es ihm zu erklären. Dass es mit Sicherheit ein integrer Kollege ist. Dass er nur das auf den Punkt gebracht hat, was viele mit diesen Szenen assoziiert haben. Herr D. steht auf. Langsam und bedächtig. Plötzlich sehe ich zum ersten Mal, wie gebrechlich er ist. „Die haben Lampenschirme aus uns gemacht“, sagt er kaum hörbar. „Du kannst es nicht vergleichen.“

Herr D. geht. Langsam und mit schweren Schritten. Er sieht müde aus. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. In der vergangenen Woche hat Matthias Dusini im Falter geschrieben, dass ihn das Bild von den 71 Toten aus dem LKW, die übereinander lagen, an die Leichenberge in Auschwitz erinnert haben.

Michaela Spritzendorfer-Ehrenhauser, Ehefrau des Grünen-Politikers Alexander Spritzendorfer, drehte im Flüchtlingslager Röszke ein Video von der dortigen Essensausgabe, das sich rasant verbreitete. Darauf ist zu sehen, wie Polizisten hinter einer Absperrung Semmeln in die Menge der hungernden Flüchtlinge werfen, als wäre es eine Fütterung im Zoo. Betitelt war das Video bei seiner Verbreitung mit: „Bilder aus dem Stammlager Röszke.“ Mittlerweile wurde der Text geändert. Selbst der Bundeskanzler sagt in einem Interview, dass ihn die Flüchtlingspolitik Ungarns, zu der es gehört „Flüchtlinge in Züge zu stecken in dem Glauben, sie würden ganz woandershin fahren“, an die dunkelste Zeit des Kontinents erinnert.

„Stammlager“, zusammengepferchte Menschen in Zügen, Flüchtlinge, die hinter Lagerzäunen hungern. Die Bilder wecken in vielen von uns Assoziationen mit Begriffen und mit Fotografien aus den Geschichtsbüchern. Man hat diese Vergleiche unwillkürlich im Kopf. Auch wenn man weiß, dass sie unzulässig sind, unangebracht, unverhältnismäßig.

Die deutsche Stadt Schwerte hat indessen beschlossen, in einem ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald Flüchtlinge unterzubringen. Mindestens 56.000 Menschen fanden hier während des NS-Regimes den Tod. Nun sollen sich hier Vertriebene und Flüchtende sicher fühlen. Auf der Asche von über 56.000 Menschen. Die Toten haben keine Grabsteine, die man versetzen müsste. Für die Stadt ergibt sich kein logistischer Mehraufwand. Die Einwände der Opferverbände sind für die Verantwortlichen ausschließlich ethischer Natur und daher moralische Makulatur.

Herr D. ist in den letzten Tagen nicht mehr im Hof erschienen. Sein Sohn sagt, es geht ihm nicht gut. Er sieht mich dabei vorwurfsvoll an. Nur ein paar Meter von ihm entfernt glänzen im Kopfsteinpflaster die goldfarbenen Stolpersteine im Regen, die an die Opfer der NS-Zeit in unserem Haus erinnern. Sie sind Teil einer aktiven Erinnerungskultur, für die hierzulande viele Jahre und gegen etliche Widerstände gekämpft wurde und manchmal noch immer gestritten werden muss. Wahrscheinlich stehen wir beim Begreifen eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte trotzdem noch immer dort, wo man sich stets wiederfindet, wenn man versucht, Unvorstellbares zu verstehen. Am Anfang.

(In: Nzz.at, 15.9.2015)

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