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Am ersten Tag kommt ein Bagger in den Innenhof gefahren. Der Hof ist groß und geräumig. So wie unsere Wohnanlage. Fünf Stiegen mal vier Stockwerke, 60 Parteien. Pärchen, Großfamilien, Alleinstehende. Bröckelnde Fassaden, lose Pflastersteine, abgewohnter Altbau, typisch für Wien. Im Innenhof parken die Autos der Mieter. Die Kinder spielen im Sommer auf der Grünfläche vor den Stiegeneingängen. Im Herbst sammelt sich das Laub der hohen Bäume auf den Autodächern. Viele der älteren Bewohner fahren nur noch selten aus. Eines Morgens jedoch sind alle Autos verschwunden. Selbst der Opel Kadett der 89-jährigen Frau im Erdgeschoss. An der Stelle, an  der er stand, ist der Asphalt ganz hell.

Ein Kran wird aufgestellt. Mitten im Hof. Und plötzlich wirkt das Wohnhaus winzig. Nur zwei Wochen braucht es, dann sind drei Stiegen eingerüstet. Der Dachgeschossausbau beginnt. Und damit das Ende unseres Privatlebens.

Vor den Bauarbeiten gab es mehrere Mieterversammlungen. Architekten, Bauleiter, Hausbesitzer, alle waren dabei. Alle sprechen betont ruhig, langsam, besonnen. Es gibt Kuchen und Saft in Plastikbechern. Die Treffen erinnern mich an die Gespräche mit den Ärzten meines Großvaters. Die Stimmung im Raum ist freundlich, sachlich, seriös. Jede Frage erlaubt. Die Antwort wird mit Skizzen unterstrichen. Emotionen möglichst ausgeblendet. Und doch ist allen Anwesenden klar: Es wird wehtun.

Man wirft sich gegenseitig ein Lächeln zu. Aufmunternd, aber missglückt. Wird schon schiefgehen. Und das tut es dann auch.

Nach einem halben Jahr geht die Baufirma in Konkurs. Abbau der alten Gerüste. Aufbau der neuen. Alles auf Anfang. Die Lage meiner Wohnung erschwert die Situation zusätzlich. Sie liegt im obersten Stockwerk unserer Stiege. Nur wenige Zentimeter unter der Baustelle.

Die Wohnung ist für mich nicht nur privater Rückzugsort. Sie ist wie bei vielen freien Autoren mein Arbeitsplatz. Anfangs versuche ich, mich selbst auszutricksen. Die Baustelle über meinem Kopf in meine Arbeit einzubauen. Im Winter des ersten Jahres wird das Bohren, Hämmern und Stemmen zur Hintergrundmusik für Recherchen über die Stresssituation von Soldaten an der Front im Ersten Weltkrieg. Ideal, versuche ich mich aufzumuntern, so kannst du dich wenigstens besser in die Menschen hineinversetzen, deren Berichte du liest.

Im Sommer trennt mich nur ein dünner Vorhang von den Arbeitern vor meinem Fenstern. Nachdem ich ihre Dialoge nicht ausblenden kann, beginne ich mitzuschreiben. Eine Szene für mein neues Drehbuch. Ein junger Mann prahlt darin vor Freunden mit seiner Eroberung der vergangenen Nacht. Originell, aber nicht gut gelogen. Sehr authentisch, lobt mein Regisseur.

Manchmal überschneidet sich der Arbeitsauftrag mit dem Alltagsleben. Als ich an einer Geschichte über Frauen-Zimmer im bürgerlichen Haushalt der Jahrhundertwende arbeite, muss ich wegen des Lärms in die Abstellkammer flüchten. Sie liegt im Innersten der Wohnung. Dort lese ich, dass die Boudoirs der Damen einst ebenfalls verborgen vor den Augen unerwarteter Besucher im Innersten der Wohnhäuser untergebracht waren. Und so verstecke ich mich selbst unfreiwillig, während ich lese, wie Frauen vor 100 Jahren gegen ihren Willen versteckt wurden. Method Writing.

Am Balkon

In der Abstellkammer erfahre ich auch vom Tod des Großvaters. Den Blick auf eine Rolle grüner Abfallsäcke gerichtet, das Telefon fest ans Ohr gepresst. Um die Großmutter am anderen Ende wenigstens akustisch verstehen zu können.

Das ist das Schlimmste in diesen zwei Jahren. Keine Intimität.

Keine Stille, um Luft zu holen, einen Gedanken in Ruhe entwickeln zu können, durchzuatmen. Keine Ruhe, um zu trauern. Stattdessen dröhnt der Lärm von allen Seiten, tost in den Ohren, bahnt sich den Weg in die Träume. Ich wache nicht auf, ich schrecke aus dem Schlaf. Aufgeregt, der ganze Körper angespannt, als drohe Gefahr. Dabei ist es nur das morgendliche Knarren des Lifts vor dem Schlafzimmerfenster, der die Arbeiter nach oben bringt. Spätestens um 6 Uhr 30 übertönt das Sägen, Schleifen und Polieren jeden Wecker.

Zu Beginn des zweiten Jahres der Bauarbeiten ist mein Galgenhumor Nervosität gewichen. Ich bin fahrig, angespannt, gereizt. Und nicht nur ich. Eine an sich unverbindlich freundliche Mietergemeinschaft ist zu einer Gruppe ängstlicher, schlecht gelaunter Nachbarn geworden. Die geringste Änderung im Terminplan führt zu lauten Debatten im Hof. Düstere Prognosen machen die Runde. Das wird nie wieder aufhören, seufzt dann die 89-jährige Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Und manchmal glaub ich ihr.

Zum Lärm kommen Wasserschäden und Schimmel. Eines Samstagabends regnet es durch das offene Dach in die Baustelle. Das Wasser rinnt durch die Zimmerdecke direkt in unser Vorzimmer. Der Boden trocknet schnell. Doch an der Decke bildet sich Schimmel. Der Schaden wird behoben. Ein Entlüfter erledigt den Rest. Alle sind sehr freundlich. Die Arbeiter reumütig, die Hausverwaltung bemüht, die Baufirma kooperativ. Und trotzdem liegen meine Nerven blank. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer. Ein Zitat aus Goethes Faust. Mein Großvater hat es gerne verwendet. Als Jugendlicher war er Statist am Stadttheater. Den Faust konnte er seitdem auswendig. Jetzt ist er schon ein Jahr tot und ich muss noch immer in die Abstellkammer gehen, wenn ich mich in Ruhe unterhalten will. Der Gedanke lässt mich verzweifeln.

Wie schnell man das Gleichgewicht verliert. Wie brüchig die innere Sicherheit ist.

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Als Studentin wohne ich jahrelang in einem Substandard-Haus, in das mehrfach eingebrochen wird. Einmal sogar in die Nachbarwohnung. Es kratzt mich nicht. Als nun während der Bauarbeiten das Schloss unseres Kellerabteils aufgebrochen wird, verliere ich die Fassung. Ich liege nachts wach. Meine Sinne spielen mir einen Streich nach dem anderen. Aus Regentropfen auf dem Baugerüst werden herannahende Schritte. Die Fantasien verselbstständigen sich. Alles wird zur Bedrohung.

Einmal will eine ältere Hausbewohnerin in der Nacht einen Mann mit Rucksack auf dem Gerüst vor den Fesntern gesehen haben. Hab ich in dieser Nacht nicht auch seltsame Geräusche gehört? Ein andermal berichtet eine Mutter von der Nebenstiege, dass der Lärm ihre Kinder krank macht. Bin ich heuer nicht ebenfalls öfter als sonst beim Arzt gewesen? Als mein Zustand zu fragil wird, bleibt nur noch die Flucht. Zwei Wochen auf 1.500 Meter Höhe. Kaum Menschen, keine Autos, nur ein paar verirrte Kühe muhen in der Nacht. Am ersten Tag schlafe ich 14 Stunden durch.

Lärm macht dünnhäutig. Er zermürbt, verunsichert, ist lauter als die innere Stimme. Man ist ihm ausgeliefert, denn selbst mit Ohropax spürt man ihn noch am ganzen Körper. Die Arbeiten an unserer Wohnanlage sollen bis Ende Dezember abgeschlossen sein. Der Kran wurde schon abgebaut. Auch das Gerüst vor unseren Fenstern ist verschwunden. Endlich wieder freie Sicht. Endlich mehr Helligkeit in diesen kurzen Tagen. Nicht nur die Maschinen verstummen langsam. Auch die innere Ruhe kehrt wieder zurück.

(In: NZZ.at, 17.12.2014)

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