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Es wird Frühling und das Leben schmeckt schal. Links, wo das Herz schlägt, sticht es manchmal. Nur ein wenig. Tief einatmen, durchstrecken, ausatmen. Dann ist es verschwunden. Für kurze Zeit, für immer ist ja nichts. Im Gebüsch neben dem Elternhaus braucht man noch Stiefel. Der Boden ist feucht, das Dickicht aufgeweicht, die Schritte versinken im Morast. Es ist niemand mehr da, der mich herausziehen würde. Rund um das Haus führt nun ein asphaltierter Weg. Er ist kahl, ohne Geheimnis, man sieht sofort, wohin es geht. Die Absätze der Frauen klackern durch die Dämmerung, wenn sie nach Hause eilen. Man kann sie schon von weitem hören. Ich sitze lieber auf der Birke im Gebüsch und blicke auf die Siedlung. Und niemand kann mich hören. Und niemand kann mich sehen.

Am Balkon der Nachbarin wehen die Kleider im kühlen Frühjahrswind. Ein Hochzeitskleid, ein Cocktailkleid, ein Trauerkleid. Alle ungetragen. In ihrem Garten stehen Rhododendronbüsche, dicht nebeneinander, einer neben dem anderen. Wie eine Kompanie, die das Haus bewacht. Die Apfelbäume sind gefällt. Auch der Weichselbaum. Ihr Mann hat alle umgeschlagen. Die Tochter ist gerne auf sie geklettert, hat ins Schlafzimmer gelächelt und die Kirschen gestohlen. Die Tochter war ihr ein und alles. Lilli, Liebes, Herzekind. Rote Locken, grüne Augen, aufgeschlagene Knie. Ich kann mich kaum an sie erinnern, nur an ihr Lachen, hoch oben aus der Baumkrone. Niemand war an jenem Tag zu Hause. Sie steigt nach oben, verliert sich in den Ästen, achtet nicht auf den nächsten Schritt. Am Vortag hat es geregnet, erzählt man sich. Vielleicht war die Rinde noch nass. Vielleicht war ihr Blick von den Kirschen gefangen. Vielleicht hat sie vergessen, wie hoch sie war. Sie stolpert, sie rutscht, sie fällt. Niemand hat sie aufgefangen.

Der Nachbar hat alle Bäume gefällt und ist weggezogen. Die Nachbarin hat Büsche gepflanzt und ist geblieben. Mein Vater hat sie oft besucht. Er war gut im Trösten, im Zuhören, im Nachschenken. Er hat nie gesagt, alles wird gut. Er hat gesagt, es geht vorbei. Du musst weiterleben, haben die anderen gemeint. Du musst vergessen. Vergessen, hat mein Vater dann gefragt, wie soll das gehen? Am Fensterbrett der Nachbarin brennen jetzt zwei Kerzen. Eine für Lilli, eine für ihn.

Im Elternhaus im Kinderzimmer kann ich nicht schlafen. Mir knurrt der Magen von der Stille. Ich will nach unten in die Küche, wo es warm ist. Wo es die Kekslade noch gibt als wär noch jemand da, der nachts nach Süßem sucht. Zwei Stufen auf einmal, ich bin ungeduldig. Hier ist er lang gegangen. Mit den Krücken. Die Ungeduld hab ich von ihm. Ganz unten ist er ausgerutscht, gestrauchelt und gefallen. Es hat ihn niemand aufgefangen. Seit er tot ist, glaub ich ständig sterben zu müssen. Beim Begräbnis ist niemand vor uns gegangen, wir sind die nächsten in der Reihe. Abends bin ich mir sicher, die Nacht nicht überleben zu können. Ich träume schlecht und wundere mich, wenn ich am Morgen noch da bin. Samt all meiner Sorgen.

In der Küche ist es kühl. Die Kekse schmecken alt und bröselig. Draußen bläst der Wind ums Haus. Er zieht durch die Bäume und über Lillis Büsche, die jetzt blühen. Links, wo das Herz schlägt, sticht es. Es ist ein kalter Frühling. Für die, die jemanden vermissen. Du musst nach vorne schauen und vergessen, sagen die Freunden. Vergessen, frag ich mich, wie soll das gehen?!

One thought on “Kalter Frühling

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