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Der Birkenkreis vor dem Haus der toten Großmutter. Ein alter Schriftzug in einem Stamm. Die große Jugendliebe und ihr Verschwinden.

Das Haus der Großmutter, der Mutter des Vaters, liegt mitten im dichten Wald. Versteckt, verwunschen, verflucht, wie die alten Dorfbewohner sich früher hinter vorgehaltener Hand zugeraunt haben. Umgeben von hohen Nadelbäumen und Büschen, die wild wachsen und ihre dünnen Äste über den morschen Holzzaun nach den Bewohnern strecken, kann man es nur über einen schmalen Feldweg erreichen. Im Winter ist er verschneit, im Sommer zugewachsen mit Unkraut und Sonnenblumen, deren Samen der Wind von den umliegenden Feldern hierher getragen hat.

Ein kleines Hexenhaus einer großen Hexe. Dachte ich als Kind. Und manchmal denke ich das noch heute.

Im Dickicht vor dem Zaun stehen drei Birken im Kreis. In der Rinde jener Birke mit dem dicksten Stamm steht in krakeligen Buchstaben eingeritzt und heute kaum noch erkennbar „Nur für dich“. Das Werk eines heißen Sommernachmittags im Juli vor so vielen Jahren, dass man sie leicht vergessen kann. Dass man sich nicht mehr genau daran erinnert, wovor man sich hinter den Birken versteckt hat. Vor der harten Arbeit am Hof, den toten Hühnern im Schoß der Großmutter, dem Schweigen zwischen ihr und dem Rest der Welt. So lange ist es her, dass ich mich mit dem Taschenmesser des Vaters davongestohlen hab, durch das Loch im Zaun, durch die hüfthohen Farne gewatet bin bis zu den Birken. So lange, dass es fast gar nicht mehr wahr ist.

Als ich S. im Schulhof das erste Mal sehe, trägt er einen schwarzen Kapuzenpulli, in dem er fast ertrinkt. Die Ärmel zu lang, der Körper schlaksig, die Beine ungelenk als wären sie im Weg. Er raucht nicht, er trinkt nichts, er unterhält sich nicht. Er sieht mich nur an. Er wendet sich nicht ab, er blickt nicht zu Boden, er schaut nur. Unerschrocken, suchend, fragend. Man kann keine Fragen stellen, auf die es keine Antwort gibt, wird er später zu mir sagen. Er wird es ganz ruhig sagen, ohne Pathos, ohne Seufzen, ohne Zittern in seiner Stimme. Und in seinen seltsam hellblauen Augen mit den kleinen weißen Flecken wird sich dabei die Sonne spiegeln, die auf den See scheint und vom dunklen, tiefen Wasser verschluckt wird wie die Menschen, die sich in ihn verirrt haben.

S. hat keine Fragen an mich. Am dritten Tag am Schulhof kommt er auf mich zu, nimmt mich an der Hand, zieht mich von den Freunden weg. Wir gehen jetzt, sagt er. Und seine Finger, die lang, dünn und knöchern sind, legen sich um meine und drücken fest zu. Mein Schulweg führt durch eine pastellfarbene Wohnsiedlung, über die Kreuzung an der Hauptstrasse, an der es immer Unfälle gibt, durch eine unbeleuchtete Allee, an deren Ende S. oft auf mich wartet. Eine dunkle, große Gestalt, ganz in schwarz, die mit den Hecken am Wegrand verschmilzt. Und ich weiß nie, ob ich mich fürchten soll oder mich freuen. Wahrscheinlich beides.

S. lebt in einer kleinen Wohnung gleich neben der Schule mit dem Stiefvater, der Mutter und den zwei Brüdern. Er teilt sein Zimmer mit einem von ihnen, der Jüngste hat Asthma und schläft bei der Mutter. Alle drei sind groß und schlaksig wie er und liegen Abends gemeinsam unter einer Decke, unter der noch Platz ist für mich. Die Brüder Löwenherz und Katla, die Drachenfrau.

Einmal zieht S. den Ärmel des Kapuzenpullis hoch und zeigt mir seinen Unterarm und die Brüder lächeln stolz. B steht da, eingeritzt und an den Rändern blutverkrustet. Nur für dich, sagt S. Und es macht mir Angst und es macht mich glücklich, weil es keine Fragen stellt, weil es den Schmerz überwindet, weil es für immer ist.

Eines Morgens steht S. im Morgengrauen nicht an der Hecke am Ende der Allee. Ich warte am Schultor. Es ist kurz vor acht. Die Glocke läutet. Es ist acht. Die Klassensprecherin holt mich ins Gebäude. Der Professor kann mich von der Tafel aus sehen. Noch ein Klassenbucheintrag wäre einer zuviel. In der Pause durchsuche ich den Hof, den Radkeller, die Toiletten. Keine Spur von S. Ich läute an seiner Wohnungstür. Die Mutter öffnet, den jüngsten Bruder an der Hand, hustend, keuchend, rot im Gesicht. S. ist nicht da. Verschwunden seit gestern Abend. Der Stiefvater sucht ihn, die Nachbarn sind ausgeschwärmt, der Bruder hustet. Die Mutter schlägt die Tür zu.

Drei Tage vergehen. Schulende, Zeugnis, mein Geburtstag. Ein Besuch bei der Großmutter, die wenig spricht, aber viel weiß. Ein Nachmittag im Birkenkreis. Mückenstiche im Gesicht und an den Händen. Nur für dich. Ich möchte S. zurückholen. Ich möchte mit ihm zu den Birken spazieren. Durch den dichten, dunklen Wald. Ihn an den Händen halten mit dem vernarbten B an seinem Unterarm. Alles heraufbeschwören, was zwischen uns war. Aber er kommt nicht. Ich frage die Großmutter, die große Hexe in einem kleinen Hexenhaus. Sie wäscht die Beeren, die sie gesammelt hat. Sie hält inne. Sie wiegt sich nach recht und nach links. Dann blickt sie mich an aus ihren dunklen, wachen Augen. Und schüttelt den Kopf. Nichts zu machen. S. ist weg. Er wird nie wieder kommen.

Die Sommerferien sind regnerisch, kalt und grau. Das Eis schmeckt nach Wasser und Lebensmittelfarbe. Ich schwimme auf den See hinaus bis zur tiefsten Stelle und wünsche mir heimlich, dass er mich verschluckt und begräbt unter den Schlingpflanzen und den Steinen am Grund. Wie so vieles vor mir und nach mir. Jede Woche gehe ich zur Wohnung von S. neben der Schule, auf deren Vorplatz im Sommer die  Nachbarskinder auf den Skateboards ihre Sprünge üben. Die Mutter öffnet mir nicht mehr. Sie ruft durch das Küchenfenster, dass ich gehen soll. Dass es nichts Neues gibt. Dass sie sich melden wird. Ihre Stimme ist brüchig und im Hintergrund hustet der Jüngste.

Im Herbst hüllt der Nebel das Klagenfurter Becken in weißen Dunst. Er legt sich über die Wasseroberfläche, er schlängelt sich zwischen die pastellfarbenen Wohnhäuser in der Vorstadt, er hilft beim Vergessen. Im Schulhof ist es kalt ohne S. Das Lachen der anderen ist laut, schrill, schmerzt in den Ohren. Irgendwann sagt einer, dass S. gefunden worden ist. Kurz vor Budapest an einer Raststation. Er hat geblutet, er wusste nicht, wer er ist. Ein anderer sagt, S. ist in einem Heim in Wien. Und niemand darf zu ihm. Ein dritter meint, er ist in eine Kiesgrube gefallen und hat sich das Genick gebrochen. Einmal seh ich nach der Schule seine Brüder. Die Brüder Löwenherz. Sie trotten traurig die Strasse entlang. Ich wage es nicht, zu ihnen zu gehen. So laut und groß ist ihr Schmerz.

Die Großmutter ist schon lange tot. Das Haus im dichten Wald hinter dem Gebüsch, zu dem man im Sommer nicht fahren kann und im Winter nicht durchkommt wird jetzt vielleicht verkauft. Die Büsche gerodet, die Birken gefällt. Vielleicht lebt S. noch ganz in seiner Nähe. Vielleicht hat er eine Narbe an seinem Unterarm, die ihn an mich erinnert. Vielleicht denkt er noch an mich, so wie ich an ihn an diesem Nachmittag im Birkenkreis. Man kann keine Fragen stellen, auf die es keine Antworten gibt.

2 thoughts on “Nur für dich

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