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Wenn man wegzieht, hofft man dass alles anders wird. Man stellt sich vor, dass man sich in der Ferne neu erfindet. Neue Kleidung, neue Frisur, neuer Name. Ein neues Ich. Aber beim Packen wandern die alten Lieblingsbücher, der Skikurs-Sweater, die Fotos aus der Kindheitskiste in den Koffer. Wenn man wegzieht, nimmt man sich selbst immer mit.

Es war an einem nebligen Jänner-Tag vor einem Jahr und einem Monat. Es war jene Art von Kärntner Nebel, den man im Kopf spürt, den man schmecken kann, den man schon riecht, bevor man ihn sieht. Zäh, dickflüssig, undurchdringlich. Es war der Tag, an dem mein Vater begraben wurde. Da saßen die Schwester und ich auf der elterlichen Terrasse, zwei Halbwaisen über 30, auf einer eingewinterten Hollywoodschaukel, die bei jeder Bewegung quietschte, und starrten vor uns hin. Die Augen tränenlos vom vielen Traurigsein, die Beine müde vom langen Stehen am Sarg, die Hände taub vom unzähligen Drücken.

Da sagte die Schwester mit ihrer schönen Stimme, die klingt wie die der Mutter, dunkel, ernst, bestimmt: Ich geh weg nächstes Jahr. Sagte sie und blickte dabei auf den gemauerten Grill, den der Vater gebaut hatte, als er noch Ziegelsteine tragen konnte, Mörtel anrühren, alles an einem Nachmittag wie immer. Selten war viel Zeit vergangen zwischen einer Idee, einer Skizze und ihrer Umsetzung. Neuseeland, sagte sie und stand auf. Da ist es grün und ruhig und freundlich und man ist weit weg von der Welt. Sie machte eine Pause und warf einen letzten Blick auf den kleinen Garten, in dem sie Gehen gelernt hatte und Ballspielen und ihren ersten Zahn verloren und im Sommer mit ihrer großen Schwester unter dem Apfelbaum gelegen war und darauf gewartet hatte, dass sie ihr Buch zur Seite legt.

Worauf soll man schon warten?!

Ich sagte gar nichts. Ich musste zum Zug. Einmal Wien-Klagenfurt hin und zurück an einem Tag. Lesen, essen, Musik hören, der Trauer nicht nachgeben, Augen zu und durch.

Beim Wegfahren am Bahnhof fehlte er mir. Er hat mich immer zum Zug gebracht. Egal, wie sehr wir stritten, egal, wie wenig er manche meiner Entscheidungen verstand, egal, wie sehr er wollte, dass ich blieb. Da stand er dann am Bahngleis, mürrisch, schweigend, rauchend. Und als ich einstieg, hatten wir dann doch immer beide Tränen in den Augen. Rufst halt an, hat er immer gesagt, hat sich geräuspert und ist gegangen. Und manchmal hab ich ihm durchs Zugfenster nachgesehen und geweint. Weil ich gern Kind war.

Im Sommer kommen wir in Hamburg an. Früh am Morgen, dick eingepackt in Pulli, Schal und Regenjacke und gehen, der Liebste und ich. Wir gehen von den Landungsbrücken weg, durch die Speicherstadt, bis zum Spiegel-Gebäude. Machen kehrt und gehen das ganze Stück zurück. Der Wind verbläst unsere Worte und als wir am Auto ankommen und zurückblicken auf die Elbe, die Containerschiffe und die Kräne, da frag ich ihn: Sollen wir hierher ziehen? Glaubst du, schaff ich das? Und er, der nie ein Wort zu viel sagt und keins zu wenig, der zu dieser Stadt passt, als wäre er immer hier an der Brücke gestanden, sein ganzes Leben lang, er nickt und sagt: Du hast immer überlebt, du wirst auch hier überleben.

Worauf soll man schon warten?!

Es kommt der Herbst, es kommt der Winter, der zu warm ist, um sich nach anderen zu sehnen, die einen wärmen könnten, was den Abschied leichter macht. Es kommt das neue Jahr, die Schwester hat ihr Visum und tausend gute Tipps, die Weltreisende, die es nie lange hier ausgehalten hat. Es kommt der 17. Februar, der Geburtstag des Vaters und ich hab einen neuen Koffer. Wenn man weiß, dass man geht, rücken die anderen in die Ferne. So weit weg, dass man sie schon jetzt vermisst. Dass man erst merkt, wie sehr man an ihnen hängt. Dass man gerne wiederkommt. Wenn man weiß, dass man geht, ist man aufgekratzt, nervös und fiebrig, weil man hofft, dass alles gut geht. Man räumt die Kästen leer, bringt das Fahrrad in den Keller, bricht auf zu Abschiedsbesuchen bei alten Freunden, tauscht Andenken aus und Umarmungen. Was Altes, was Blaues, was Geborgtes. Das man festhalten kann auf der Fahrt ins neue Leben. Wenn man wegzieht, nimmt man sich selbst immer mit.

 

7 thoughts on “Zeit zu gehen

  1. Komisch, ich habe Herzschmerzen nach diesen tollen Worten. Weil es mich schon viele Jahre in die Ferne zieht, und ich mich doch nie traue. Ich wußte nie, wovor ich Angst habe. Jetzt dämmert es mir. Ich glaube, ich muß bald los…

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