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Wenn der Vater stirbt, ist man auf das danach nicht vorbereitet. Auch wenn man es wusste. Auch wenn man damit rechnen musste. Wenn der Vater stirbt, verschwindet ein Teil der Kindheit. Und ihn wiederzufinden, kann dauern. 

Die früheste Erinnerung ist ein roter Dreiradler mit rostiger Lenkstange und quietschenden Rädern. Er läuft hinter mir und schiebt mich an. Die Kieselsteine fliegen mir um die Ohren. Ein Huhn gackert und flüchtet panisch. Er lacht. Es ist eine wilde Fahrt, eine Fahrt voller Risiko. Durch den Gemüsegarten, vorbei an den Hühnern, über den unasphaltierten, lehmigen Boden am Hof seiner Mutter. Sie steht im Schatten vor dem Haus. Die Hände in der Schürze. Auf den Haaren ein Kopftuch. In den Augen ein wildes Funkeln. Wie bei ihm. Wie bei mir. Sie schüttelt den Kopf. Und murmelt etwas auf Slowenisch vor sich hin.  Zwei wilde Welpen aus demselben Wurf. Die Fahrt geht weiter. Bis zum Hoftor und hinaus in den Wald.

Die früheste Erinnerung ist sein Lachen und der Wind in meinen Haaren. Rotbraun wie seine.

Der Vater ist nicht sanft und lieb und wie ein Bär gemütlich. Der Vater hat eine tiefe, laute, eindringliche Stimme. Die Geschichten erzählt. Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Am liebsten im Dunklen vor dem Feuer auf der Alm. Der Vater erzählt von gemarterten Seelen, die durch die Nacht irren und leiden. Und immer wiederkommen, weil sie keine Ruhe finden. Er erzählt von Geistern und Gespenstern und dem Herrn der Krähen, der mit der Sense in der Hand, mit der er selbst als Kind das Gras gemäht hat, draußen am Feld steht, bei Wind und Wetter und über uns herrscht. Der Vater erzählt von Toten, die zurückkommen, um sich zu rächen. Er singt Lieder vom russischen Großvater. Sie sind fremd und traurig und gerade deshalb tröstlich. Der Vater sagt, es ist gut traurig zu sein. Besser, als nichts zu spüren.

Der Tod ist immer da für den Vater. Er kauert nicht im Eck, er hockt nicht hinterm Ofen, er sitzt am Tisch. Als ich 11 bin, sterben sie plötzlich alle. Der Onkel, die Urgroßmutter, bei der ich aufgewachsen bin. Der Taufonkel, sein bester Freund. Mein bester Freund. Er riecht nach Zigarren und Eau de Cologne und hat einen breiten Brustkorb, an dem wir beide Platz hatten. Der Vater und ich. Unten im Wohnzimmer ist der Totenschmaus, auf der Treppe sitzt der Vater, oben im Badezimmer liege ich und weine. Den Kopf am Fliesenboden, die Beine angewinkelt, die Hände zu Fäusten geballt. Ich kann nicht mehr aufstehen. Der Vater kommt und setzt sich zu mir. Der Tod ist kein Thema für Kinder, sagt die Mutter. Auch ein Kind muss sterben, sagt er. Also reden wir über den Tod. Tage, Wochen, Monate. Jahre. Ein Rätsel, das wir nicht lösen können.

Später reden wir über Marx und Engels, über Kant, Weber und Adorno. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt, bis alle anderen flüchten. Bis wir so laut werden, dass er die Fenster schließt. Bis es so spät ist, dass die Mutter nach unten kommt und uns ins Bett schickt. In der Früh im Auto, während er mich zur Schule führt, reden wir weiter. Wir streiten, wir kämpfen, wir schreien uns an. Bis die kleine Schwester am Rücksitz sich die Ohren zuhält. Einmal trete ich beim Aussteigen gegen den Vorderreifen seines Autos. Wie willst du Dutschke verstehen, in deinem scheiß Mercedes? Er schließt die Tür von innen und lacht. Im Warmen und am Beifahrersitz geht es natürlich besser. Aus Wut gehe ich am nächsten Morgen zu Fuß zur Schule. Und am Tag danach und die ganze nächste Woche. Es ist Spätherbst, es wird Winter, es wird eine Angina mit 39,5 Grad Fieber. Die Mutter, eine 68-erin, die er liebt, weil sie nie einer Meinung sind, beschließt, dass Rudi Dutschkes Thesen ein krankes Kind nicht aufwiegen. Und kurz vor Weihnachten sitz ich wieder neben ihm im Warmen. Ein bisschen Fieber und du gibst schon auf, schüttelt er den Kopf. Und wir streiten weiter.

Der Vater mag kein Lästern. Bei Klagen und Beschwerden über Mitschüler, Lehrer, Freundinnen gibt er mir nie recht. Denk nach, warum, sagt er nur. Jeder Mensch hat eine Geschichte. Schwäche hat einen Grund. Angst haben wir alle. Also reden wir anstatt zu schimpfen. Wir analysieren und ich versuche, zu verstehen. Auch wenn es mir nicht gelingt.

Der Vater ist katholischer Atheist. Er mag unsere Kirchen nicht. Er betet nicht gerne in Turnsälen, sagt er. Wir sind Protestanten wie die Mutter. Und ihre Großmutter und ihre Urgroßmutter. Und all die Ururgoßmütter davor. Die Mutter hat einen Stammbaum bis weit zurück ins 15. Jahrhundert. Der Vater hat gar nichts. Fünf Länder, drei Sprachen, zwei Glaubensrichtungen. Russland, Deutschland, Slowenien, Kroatien, Serbien. Russisch, Slowenisch, Deutsch. Katholizismus und Judentum. Aber vor allem arm. Tagelöhner, Träumer, Vagabunden. Am Hof seiner Mutter gibt es Schmalzbrote, von denen uns Vollkorn-Kindern übel wird. Und die wir trotzdem begeistert essen. Es gibt unabgekochte Milch und Eier von den Hühnern aus dem Stall hinter dem Haus. Ich habe eine slawische Seele, sagt er an solchen Abenden, die viel zu selten sind. Und singt traurige Lieder in einer Sprache, die ich nicht verstehe.

Als ich von zu Hause weggehe, bin ich 18. Es ist der Anfang vom Ende zwischen uns. Du musst leben, du musst lieben, du musst alles ausprobieren, sagt er. Ohne Angst. Und ohne ihn. Er meldet sich kaum. Und irgendwann gar nicht mehr. Ein Zeichen für Vertrauen von ihm. Ein Zeichen dafür, dass er mich vergessen hat, für mich. Wir streiten nicht mehr. Wir schweigen uns an. Und aus dem Schweigen wird eine Stille, die weh tut. 11 lange Jahre.

Nach seinem Unfall bin ich das erste Kind an seinem Bett im Krankenhaus. Und er öffnet die Augen und lächelt. Barbara Rhabarbera, sagt er. Ein Reim aus meiner Kindheit. Und ich weiß, dass wir beide wissen, dass alles gut ist zwischen uns. Am Sonntag vor einem Jahr ist sein Zustand kritisch. Die Ärzte rechnen mit dem Schlimmsten. Die Mutter ruft mich an und weint. Zünd eine Kerze für ihn an, sagt sie als alter Hippie. Und ich gehe in den Stephansdom, weil wenn schon dann katholisch und kaufe eine Kerze und mache ein Foto, das ich seitdem noch immer nicht auf meinem Handy gelöscht habe. Die Spätnachrichten beginnen und das Dschungelcamp und um 23:13h sehe ich drei Anrufe in Abwesenheit. Die Mutter, die Schwester, der Bruder. Da weiß ich, er ist für immer gegangen.

Begräbnis, Andenken, Weiterleben. Er fehlt mir sehr und dann auch wieder nicht. Ich bin lauter geworden, seit er nicht mehr da ist. Und bestimmter. Und doch weicher und verständnisvoller. Weil er immer wollte, dass ich alles verstehe. Auch wenn es mir oft nicht gelingt.

Und auch wenn wir uns nicht gesehen haben und auch wenn wir beide mit diesem Schweigen gekämpft haben und auch wenn er nicht da war und nicht nah war, war er doch immer die Stimme in mir, die gesagt hat: Lass dir nichts gefallen. Lebe nach deinen Regeln. Du kannst alles schaffen. Dass sie für immer verstummt ist, ist das schwerste. Auch noch ein Jahr danach.

One thought on “Am Sonntag ein Jahr

  1. Liebe Barbara!!!
    Ich kann dich gut verstehen. Meine Mama verstarb am 12.6.2015 und ………………..naja, ich begleitete sie das letzte Jahr sehr intensiv im Pflegeheim wo sie mit 27 kg letztlich verstarb. Ich verstehe dich sehr sehr gut und weiss, daß auch du mich verstehst. Alles liebe dir und mögest du glücklich sein. Reinhard

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