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In: Datum Nr.11/15

Wie sehen Borderline-Erkrankte ihre Mitmenschen? Wie erleben sie den Alltag? Wie finden sie sich zurecht in dem Gefühlschaos, dem sie ausgesetzt sind? Ein Ausflug in Maries Welt. 

„Es ist wie ein schwarzer Eisberg“, sagt Marie, nimmt einen Bleistift und zeichnet. Einen Stein, nicht größer als jene, über die man problemlos beim Wandern im Bachbett hüpft. Ein paar Wellen rundherum, die Wasseroberfläche. Darunter ein Brocken, zehnmal so groß und breit wie der kleine Stein über dem Wasser. „Das sieht man“, sie deutet auf den Stein. „Und das ist in mir drin“, sie schattiert den riesigen Felsen unter Wasser. Er wird immer plastischer, man möchte ihn angreifen und wegschleudern. Weit weg von der schmalen, zerbrechlich wirkenden jungen Frau, der er auf der Seele lastet. Die Zeichnung entsteht in wenigen Minuten. Marie kann gut zeichnen. Sie wollte sich auf der Kunsthochschule bewerben. Aber dann hat sie die Mappe für die Aufnahmeprüfung nicht fertig bekommen. Sie hat das Dreifache an Zeichnungen von dem gemacht, was eigentlich verlangt war, erzählt sie. Aber als es darum geht, Formulare auszufüllen und rechtzeitig alles zusammenzustellen, gibt sie auf. Die Angst vor dem Tag der Abgabe wird größer, ihr Zustand verschlechtert sich immer mehr. Schlaflos irrt sie nachts durch die Wohnung. Verwirft die Arbeiten, zeichnet neue. Je näher der Tag rückt, desto mehr fühlt sie sich gefangen. Termine und Abmachung einzuhalten macht Marie Schwierigkeiten. Und allein die Vorstellung, jemand würde sie einschränken, ihre Möglichkeiten begrenzen, gibt ihr das Gefühl, gefangen zu sein. In einer Falle zu sitzen, aus der sie sich befreien muss.

Schwarz, weiß, gut, böse

„Borderline-Erkrankte können ihre Impulse schlecht kontrollieren“, erklärt Melitta Fischer-Kern, Psychiaterin, Psychoanalytikerin und Professorin an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie in Wien. Sie leitet die dortige Ambulanz für Borderline-Erkrankungen. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, und das oftmals im Stundenabstand. Erkrankte werden von ihren Gefühlen regelrecht überschwemmt. Affektstürme, nennt das die Expertin. Es gibt nur schwarz und weiß, Gut und Böse, Ambivalenzen und Zwischenstufen werden nicht wahrgenommen und wenn doch, dann schwer ausgehalten. Stimmungen können schnell kippen. „Auch dem Therapeuten gegenüber“, berichtet die Psychoanalytikerin, die für ihre Borderline-Studie in diesem Jahr den renommierten „Hamburger Preis Persönlichkeitsstörungen“, die höchst dotierte Auszeichnung im deutschsprachigen Raum für die Erforschung von Persönlichkeitsstörungen, erhalten hat. Die Patienten pendeln ständig zwischen Idealisieren und Entwerten des Gegenübers. „ Am Anfang der Therapie kann es vorkommen, dass der Patient den Therapeuten als jemanden sieht, der nur das richtige Wort sagen muss, um ihn zu retten. Aber das kann von einem Moment auf den anderen kippen. Beim nächsten Mal kommt man als Therapeut zum Beispiel drei Minuten zu spät zur Sitzung und der Patient begegnet einem mit unverhohlener Aggression.“

Mehr als „Launen“ 

Der Begriff „Borderline“ hat seinen Ursprung in der medizinischen Verortung der Krankheit, die an der Grenzlinie zwischen Neurosen und Psychosen angesiedelt ist. Im Gegensatz zu psychotischen Patienten, bei denen die Realitätskontrolle ganz außer Kraft ist, haben Borderline-Erkrankte einen intakten Wirklichkeitsbezug. „Doch im Vergleich etwa zu Neurotikern erscheint ihnen die Realität doch wesentlich verzerrter,“ berichtet Fischer-Kern. Alles und jeder wird entweder stark idealisiert oder entwertet. Borderline-Erkrankte leiden selbst unter ihren Stimmungsschwankungen. Jene Zustände, die Mitmenschen gemeinhin als „launisch“ abtun.

Sich selbst und anderen Grenzen zu setzen ist beinahe unmöglich für sie. All ihre emotionalen Schleusen sind offen. Oftmals sind sie zu freigiebig mit Gefühlen, mit Materiellem, mit Zuneigung. Es fällt ihnen schwer, Beziehungen aufrecht zu erhalten. Auf die grenzenlose Liebe folgt fast sofort die grenzenlose Enttäuschung. Innere Leere, quälende Einsamkeit, massive Verlassensängste. Um die oftmals unerträglichen Spannungszustände abzubauen, fügen sich viele Betroffene selbst Verletzungen zu. Vom in diesem Zusammenhang oft zitierten „Ritzen“ – dem sich selbst Schneiden mit spitzen Gegenständen wie Rasierklingen – Selbstverbrühungen, bewusst ausgelösten Stürzen bis hin zu wiederholten Suizidversuchen. Ein fast unvorstellbarer Leidensdruck, der auf den Betroffenen lastet. Und dem auch die Angehörigen meistens hilflos gegenüber stehen. Einige opfern sich für die Betroffenen auf, machen jede Stimmungsänderung mit bis zur eigenen Erschöpfung. Anderen wird es zu viel, sie distanzieren sich zunehmend von dem Erkrankten und brechen in letzter Konsequenz den Kontakt ab. Ein Verlust, der für den ohnehin emotional instabilen Erkrankten oft nur schwer zu verkraften ist und zu neuen Krisen führt.

Grenzen helfen, Grenzen schützen

Dabei hilft man dem Betroffenen am meisten, wenn man ihm Grenzen setzt. Und diese nicht je nach Stimmung verändert. „Ein stabiler Rahmen ist das Wichtigste im Umgang“, meint Melitta Fischer-Kern. Das gilt für Angehörige gleichermaßen wie für Therapeuten. Borderline-Erkrankte brechen Therapien überdurchschnittlich häufig ab. Daher ist man bei den neuen, moderneren Behandlungsmethoden dazu übergangen, einen sogenannten „Therapievertrag“ mit ihnen abzuschließen. Ein Übereinkommen zwischen Therapeuten und Patienten. „Natürlich legt man ihnen da keinen wirklichen Vertrag zur Unterschrift vor“, erläutert Fischer-Kern die Praxis. „Sondern man verhandelt mit dem Patienten ein paar Punkte. Ob er sich vorstellen kann, sich bei bestimmten Impulsen an den Therapeuten zu wenden, bevor er sich etwas antut etwa. Dass er noch ein Gespräch zulässt, bevor er die Therapie abbrechen will. Sowas macht man sich gemeinsam aus. Und das funktioniert ganz gut. Wir haben mit dieser Methode signifikant weniger Therapieabbrüche zu verzeichnen.“ Auch die Therapietermine bilden einen fixen Rahmen. Sie werden niemals verschoben und dürfen auch nicht ausfallen. Der Patient weiß das. Er kann darüber in der Stunde diskutieren, aber er muss sich daran halten und erscheinen.

Marie verschiebt den Interviewtermin mehrmals. Mal kurz vor dem Treffen, mal erst als man bereits eine halbe Stunde im vereinbarten Kaffeehaus auf sie wartet. Einmal wird sie aggressiv am Telefon und legt mitten im Gespräch auf. Ein andermal will sie im Kommandoton alles im Vorhinein festlegen: Uhrzeit, Ort, Fragen, Länge des Treffens. Bis auf die Minute genau. Nur um es dann erst wieder nicht einzuhalten. Als nach zwei Wochen jeder Versuch einer Terminvereinbarung für das Interview erfolglos bleibt und man ihr Bescheid gibt, dass man sich nun nach einem anderen Gesprächspartner umsehen müsse, ruft sie plötzlich in aller Früh an und sagt zu. Euphorisch. Gut gelaunt. Aufgeregt. Lächelnd erscheint sie überpünktlich am ausgemachten Treffpunkt im Lokal ums Eck ihrer Wohnung. Sie ist stark geschminkt und trägt ein grelles, kurzes, rotes Kleid, das ihre Figur betont. In der ersten halben Stunde während des Gespräches ist sie sehr körpernah. Sie berührt beim Sprechen immer wieder den Arm und die Schulter des Gegenübers, ist aufgekratzt und überschwänglich. Sie lobt die unspektakuläre Frisur des Vis a Vis als handle es sich um eine aufwändige Kreation für einen großen Ballabend. „Leider“, sagt sie und hält einem ihre Haare unwillkürlich sehr dicht unter die Nase, „meine Locken werden nicht glatt.“ Der Kellner, ein älterer Mann mit zerfurchtem Gesicht, stellt zwei große Gläser Himbeer-Soda auf den Tisch. Er scheint Marie zu kennen und bringt ihr bereitwillig Block und Stift als sie danach verlangt.

„Wutig“ hat ihr Vater es genannt

„Ich bin oft hier“, sagt sie lächelnd. „Vor allem am Abend, wenn ich nicht schlafen kann.“ Das Lokal ist ein kleines Kaffeehaus mit zerschlissenen Sitzbezügen und vergilbten Vorhängen, das seine besten Tage schon lange hinter sich hat. Unaufgeregt, kein Szenelokal, in dem man eine modisch gekleidete junge Frau wie Marie eher erwarten würde. Sie ist mit Abstand der jüngste Gast an diesem Vormittag. Achtlos kritzelt sie während des gesamten Gesprächs vor sich hin. Vierecke, Quader, Dreiecke mit Schattierungen. Anfangs erzählt sie ungerührt von ihrer Krankheit. Ganz automatisch, ohne jede Regung in der Stimme. Fast leiernd. Wie Kinder, die ein Gedicht aufsagen, das sie auswendig gelernt haben. Als Kleinkind habe sie oft unkontrollierbare Wutausbrüche gehabt. Selbst ihre drei großen Brüder hätten ein wenig Angst vor ihr gehabt. In diesem Moment mischt sich ein wenig Stolz in ihre lakonische Erzählung. Wutig, hätte es ihr Vater genannt. Jähzornig, ihre Mutter. Sie sei es auch gewesen, die sie bei ihren Anfällen immer unter die kalte Dusche gestellt und von oben bis unten abgespritzt hätte. Bis sie zu alt dafür gewesen wäre. Und sich gewehrt hätte. Als sie dann in der Unterstufe ein anderes Mädchen am Raucherhof in den Magen boxt, weil die ihr das Feuerzeug klaut, muss sie zum ersten Mal zur Schulpsychologin. Marie zündet sich eine Zigarette an. In dem Kaffeehaus ist Rauchen erlaubt. Marie raucht seit sie 12 ist.

„Da hat auch das mit dem Kotzen begonnen.“ Marie meint ihre Bulimieerkrankung. Sie hat sie mittlerweile im Griff, sagt sie. „Und dann hat mich der Berndi, der beste Freund vom Martin“ – Maries ältester Bruder – „beim Videoschauen gestört.“ Marie sieht sich „Eine wie Keine“ an. Eine Romantic Comedy mit Freddie Prinze Junior. Die Eltern schlafen schon. Das Wohnzimmer gehört ihr allein. Samt Videorekorder. Ein Luxus am Bauernhof. Marie muss sich ihr Zimmer mit ihrem jüngsten Bruder teilen. Das bleibt so bis sie auszieht. Berndi, der Sohn vom Nachbarnbauern, ein regelmäßiger Gast im Haus, macht sich über sie lustig. Er äfft den Teenieschwarm nach, er lacht Marie aus. Es ist Oktober und kalt am Hof. Die Eltern heizen noch nicht. Marie trägt an diesem Tag ihre neuen Doc Martens. Mit Stahlkappen. Sie muss nach der Schule noch in den Stall und hat sie seitdem nicht ausgezogen. Um nicht zu frieren. Und weil sie müde ist. Als Berndi Kussgeräusche macht während Freddie Prinze Jr im Film schmachtend seine Geliebte betrachtet, tritt sie zu. Mitten ins Gesicht. „Ich hab nicht anders können. Ich hab gedacht, ich platze sonst.“ Berndis Nase ist angebrochen, der Kieferknochen geprellt. Ein kleiner Skandal im Ort. Die Eltern schämen sich. Sie wissen sich nicht zu helfen. Die Nachbarn verzichten auf eine Anzeige. Man regelt den Vorfall unter sich. Wenige Tage später geht die Mutter mit Marie ins Krankenhaus in die Stadt. Sie landet auf der psychiatrischen Abteilung. Da hört Marie zum ersten Mal den Namen ihrer Krankheit. „Borderline“. Sie ist gerade einmal 16 Jahre alt.

Neue Therapie macht Hoffnung

„Erkrankte sind bereits in frühester Kindheit mit einem hohen Mass an innerer Aggression konfrontiert“, erklärt Melitta Fischer-Kern. Lange Zeit galt die Krankheit als unheilbar. Aber eine neuere Therapiemethode macht aufgrund guter Studenergebnisse Hoffnung. Die übertragungsfokussierte Therapie TFP liefert eindrucksvolle Ergebnisse. Zumindest die schlimmsten Symptome der Betroffenen wie Selbstverletzungen, Suizid und die sogenannten Affektstürme – das Überschwemmtwerden mit den eigenen Gefühlen und der Verlust der Impulskontrolle – gehen stark zurück. Die Beeinträchtigungen im Alltag, vor allem die Probleme im sozialen Umgang, bleiben jedoch weiterhin bestehen.

Marie wirkt müde. Sie erinnert sich noch einmal an den Tag der Abgabe auf der Kunsthochschule. „Ich bin dann am Abend vor dem Tag fortgegangen, hab jemanden kennengelernt und mit ihm die Nacht und den ganzen nächsten Tag verbracht. Wir habe was geraucht und geschmust und Sex gehabt bis der Tag endlich vorbei war.“ Sie seufzt angestrengt. „Ich hab mir gedacht, jetzt wird das nix mit dem Malen. Aber dafür hab ich die große Liebe gefunden.“ Ein paar Tage später trennen sich ihre Wege. Es war zu viel für ihn. Er wollte sie nicht wieder sehen. „Ich hab am Schluss das Buch, aus dem er mir immer vorgelesen hat, kaputt gemacht. Ich hab jede Zeile mit so einem dicken, schwarzen Edding durchgestrichen. Dass man es nicht mehr lesen kann. Das tut mir heute wirklich leid.“ Ihre Stimme klingt verzweifelt wie die eines kleinen Kindes. Ihre Miene verdunkelt sich. Ihr Blick fällt auf ihre Zeichnungen vor sich am Tisch. Fahrig fährt sie mit dem Stift über den dunklen Eisberg, den sie selbst gezeichnet hat. Als könnte sie ihn so zum Schmelzen bringen.

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