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Die Augen, die hast du von ihm, sagt der Vater. Und streicht mir nachlässig über den Kopf. Der Vater ist nicht großzügig mit Zärtlichkeiten. Verteilt sie nur in Maßen. Dann hält man kurz den Atem an. Dann haben sie auch Bedeutung. Am Foto links über unserem Globus, da steh ich zwischen den Geschwistern. Der Bruder sieht aus wie der Vater. Die Schwester lächelt wie die Mutter. Ich bin dazwischen. Hineingezeichnet. Ein Kuckuckskind, das zu niemanden gehört. Die Haare dunkel wie die Augen. Die Brauen gerade, finster, wie ein schwarzer Strich.

Mit 12 erzählt der Vater mir das erste Mal von ihm. Zeigt mir zwei Bilder, mehr gibt es nicht. Auf beiden ist er als Soldat zu sehen. Und wichtiger, weil wirklich, auf beiden sieht er aus wie ich. Der Großvater, von dem wir gar nichts wissen. Aus Hamburg hat der Krieg ihn ungewollt nach Klagenfurt verschlagen. Und dann wieder zurückgespült in seinen Hafen. Der Vater hatte selbst nur ein paar Wochen mit dem Deutschen, dem Fremden, großen Unbekannten. Sein rechter Arm, der war zerschossen. Und trotzdem hat er mit dem linken die Laubsägearbeit des einzigen Sohnes verbessert. Ruhig ist er gewesen, freundlich und geduldig.

Mit 14 schenkt er mir Draußen vor der Tür. Hamburg, Borchert, Großvater. Auf einem Bild sehen sie sich ähnlich. Die dunklen Haare, der melancholische Blick. Der Dichter und der tote Unbekannte, beide verschwimmen zu einer Person. Egal, was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: ja! 

Als die Schwester zur Welt kommt, fährt der Vater los. In den Norden. Den Unbekannten suchen. Er hat nichts. Keine Urkunde, keine Papiere, nicht mal denselben Namen. Nur ein paar Briefe, sie sind wie neu. Er hat sie aufbewahrt wie einen Schatz. Er findet keine Vater mehr, keine Familie und keinen Grabstein. Nur ein Holzkreuz am alten Friedhof. Der Wärter, der so grau aussieht wie seine Steine, kann sich erinnern. Schlimme Sache. Sagt er und seufzt. Der Vater fährt in einem Tag zurück. Das Herz so schwer, die Augenmuskel überdehnt von unterdrückten Tränen.

28 Jahre später ist der Vater tot. Ich steh in Hamburg. Um uns die Elbe. Endlich. Da ist kein Ufer mehr, kein Festland und kein Halt.

Nichts weiß ich über ihn. Nichts habe ich herausgefunden. Zwei Fotos, mehr werden es nicht mehr werden in diesem Leben. Auf einem ist sein Haar zerzaust. Vielleicht ist es der Wind gewesen. Hier in Hamburg, Stadt an der Elbe. Derselbe Wind, der nun durch meine Haare fährt. Vielleicht ist er am selben Platz gestanden. Den Blick aufs Wasser und die Schiffe. Wie sie in den Hafen einfahren und hinaus aufs Meer. Abschied und Willkommen. Der Rhythmus dieser Stadt.

Klagenfurt, die Stadt des Sohnes und der Enkel, liegt am Binnensee. Da kommt nichts rein, da kann nichts raus. Da kann das Schiff nur seine Kreise drehen. Da taucht nichts Neues auf am Horizont. Da kann man selbst nur jeden Tag am Ufer stehen. Und warten ob das schon Bekannte wiederkommt. Vielleicht hat er uns deshalb irgendwann vergessen.

Und wir ihn nie.

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