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Zähne fehlen einem erst, wenn man sie nicht mehr hat. Am Feiertagswochenende vor zehn Tagen hab ich einen Zahn verloren. So hat das ganze Unglück begonnen. Eigentlich nicht verwunderlich. Ich kann meinen Sigmund Freud nicht mehr auswendig, aber Zähne haben doch in der Traumdeutung eine wichtige Bedeutung. Zubeißen können, Kraft, Energie, sich dem Leben stellen, kampfbereit. Und irgendetwas mit Potenz. Aber die ist mir nicht so wichtig. Jedenfalls hab ich einen Teil des unteren rechten Backenzahns verloren. Und die Umstände, unter denen es passiert ist, haben wiederum mit Freud gar nicht so wenig zu tun. Ich sitze am Küchentisch, schluchze vor mich hin, den Zahn in einer Streichholzschachtel und zähle die Stunden, bis mein Zahnarzt seine Praxis öffnet. Ein Verlust, der fassbar ist. Ein Schmerz, den man leicht lokalisieren und ebenso einfach beseitigen kann.

Eine Woche später ist nichts mehr einfach. Der Tod hat einen meiner Wegbegleiter aus unserer Reihe gerissen. Gierig. Kompromisslos. Für immer weg. Es ist lange her, dass wir telefoniert haben. In einer meiner Laden, in denen ich mein Leben sammle, finde ich einen Zettel von ihm. Schwarzer Stift auf weißem Blatt. Zerknittert, eine Ecke fehlt. Ein Gedicht, ein Zitat. Unfertig. Unterschrieben. Er hat immer alles unterschrieben. Krakelig. Bedeutungsschwer. Unleserlich. The Doors in der Endlosschleife. Ich hab die Augen verdreht. Ich konnte mit Morrison nichts anfangen. Irgendwann waren wir uns nah. Und dann waren wir es nicht mehr. Sitzen zwei Tauben am Dach. Fliegt eine weg. Dann die zweite. Er konnte nichts festhalten. Ich auch nicht. Zum Begräbnis gehe ich nicht. 38,2 Grad am Morgen. Der Zufall ist auf meiner Seite.

Ich fühle mich seltsam. Als wäre ich in einem Fiebertraum gefangen. Und dann träume ich wirklich im Fieber. Nachts wache ich auf. Der Schlaf ist ein ehrlicher Freund. Gnadenlos. Nichts da, scheint er mir zu sagen. Zähle nach. Und ich zähle nach und es ist der fünfte Mensch in meinem Leben, der selbst gegangen ist. Der nicht mehr wollte. Und ich öffne meine Laden und suche. Aber da ist nicht mehr außer dem Zettel mit dem halbfertigen Gedicht. Zwischen der Glücksmuschel der ersten Liebe und der Papierblume der letzten. Also schleich ich zurück ins Bett, um die größte nicht zu wecken. Und schließe die Augen. Fünf Menschen, sagt der Schlaf unbarmherzig. Das ist nicht wenig. Ja, nicke ich. Ich mag Menschen, die sagen was mit ihnen ist. Die ihren Schmerz offen ansehen. Die sagen, wenn es wehtut. Ohne gespielte Tapferkeit, ohne darüber nachzudenken, was man sagen darf. Und was nicht. Mir sind die leisen Zweifler lieber als die lauten Versprechen. Vielleicht haben die es schwerer, zu bleiben.

Vor einem Jahr hab ich einen Text über Depressionen geschrieben. Eine Frau hat mir damals ein E-Mail geschickt. Eigentlich einen Brief. Nichts schnell dahin Geschriebenes. Sie könne mit ihrem Chef problemlos über alles sprechen. Ihre Beziehung, ihre Kinder, ihr Sexleben. Aber darüber, dass sie traurig ist, dass sie den Winter nicht ohne Tabletten überstehen würde, dass sie morgens oft nicht aus dem Bett käme, darüber könne sie kein Wort verlieren. Vielleicht ist Traurigkeit das letzte Tabu. Jetzt wirst du pathetisch, sagt der Schlaf. Und nimmt mich endlich in den Arm und lässt mir meine Ruhe.

Heute sitz ich bei meiner Hausärztin. Sie ist nur drei Jahre älter als ich, aber 20 Jahre reifer. Und vernünftiger. Und ausgeglichener. Mein Blut ist nicht in Ordnung. Ständig krank. Das ist das Großraumbüro, sage ich. Das sind die Mangelerscheinungen, sagt sie bestimmt. Eisen so gut wie unter der Messbarkeitsgrenze. Vitamin D auch schlecht. Ganz schlecht. In Kombination macht es infektanfällig. Und kann zu Depressionen führen, sagt sie. Sie verschreibt mir ein hochdosiertes Vitaminpräparat. Und eine Kur mit Eiseninfusionen. Damit Sie nicht traurig werden.

Ich gehe nach Hause. Mit wackligen Knien, aber ich gehe. Ich will nicht abgeholt werden. Ich will lieber an jeder Hausecke stehen bleiben, mich festhalten und mich umsehen. Wann kommt man sonst schon dazu. Im Haus, wo der Billa war, ist jetzt ein Co-Working-Space. Der Schaukasten der SPÖ Sektion am Heimweg ist neu lackiert. Vor dem Blumengeschäft steht ein Baugerüst, von dem es tropft. Durch meine Wollhaube auf meinen Kopf. Zu Hause angekommen ist das Fieber weg. Ich werde gesund. Ich werde heute gut schlafen. Ich werde mein Vitamin D nehmen. Ich werde zu den Eiseninfusionen gehen. Ich werde eine Kerze für ihn anzünden. Ich werde The Doors hören. Ich werde mich seltsam fühlen. People are strange. 

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