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Den ersten Sternenhimmel meines Lebens habe ich beinahe nicht überlebt.

Ich sitze auf den Schultern meines Vaters und huste und spucke und kämpfe um Luft. Ich bin drei Jahre alt und habe Keuchhusten. Schon seit Tagen. Der Vater und die Mutter haben mich eingepackt und sind mit mir auf unsere Almhütte gefahren. Mitten unter der Woche. Den Bruder haben sie einfach aus der Schule genommen. Die kleine Schwester ist schwer krank, mehr gibt es da für sie nicht zu erklären. Tagsüber sitzen wir auf dem Platz vor der Hütte. Die Mutter flößt mir Hustensaft ein. Alle zehn Minuten einen Löffel. Nichts hilft. Da nimmt mich der Vater abends auf die Schultern und geht mit mir auf und ab. Unten am Weg, der zum Wirt führt und sonst nirgendwohin. Von dort sieht man gut ins Tal. Nachts auf die vielen Lichter entlang der Drau. So sieht die Ewigkeit aus, wird mein Vater einmal zu mir sagen. Ich werde es nie vergessen.

Aber an jenem Abend schauen wir nicht nach unten. Wir blicken gemeinsam nach oben. Der Vater deutet auf den Himmel, während ich huste und zeigt auf die Sterne. Das ist der große Wagen, sagt er und ich versuche seinem Finger zu folgen. Es ist ein großer, dicker Finger voller verkrusteter Schnitte rund um den Nagel. Es ist ein Finger, der sich schon oft verletzt hat bei der Arbeit an der Kreissäge und beim Schnitzen. Ich kann mir die Sternbilder nicht merken. Aber mein Husten wird besser, das Atmen leichter. Wahrscheinlich weil ich es vergessen habe bei den Geschichten über den großen und den kleinen Wagen, die Venus und all ihre Geliebten. Irgendwann schlaf ich auf den Schultern meines Vaters ein. Am nächsten Tag geht es mir besser.

Jahre später stehen wir wieder gemeinsam unter einem Sternenhimmel. Wir stehen nicht, wir laufen. Ich ein paar Schritte voraus, er hinterher. Der nasse Waldboden unter uns macht quietschende Geräusche. Wieder ist es Nacht, wieder sind wir auf einem Berg, diesmal auf der anderen Alm. Eine, die ich nie mochte. Weil sie auf ebenem Gelände liegt, weil sie kein Bergbauernhof aus Holz ist sondern ein gemauertes Ferienhaus, weil unser Schlafbereich aussieht wie im Hotel. Weil mir meine Freund fehlen. Maria zum Beispiel, die Tochter vom Wirt, mit der ich auf Scheunendächer gestiegen bin und aufgepasst habe während sie Betrunkene bestohlen hat. Die Wirtshauskinder hier grüßen höflich und sagen bitte und danke. Hier gibt es kein Tal voller Lichter. Aber die Sterne, die gibt es hier auch und sie sind nachts gut zu sehen. Selbst wenn sich manche hinter den dichten Bäumen rund ums Haus verstecken. Mein Vater und ich streiten. Ich bin 14 und suche mich selbst und was ich dabei finde, gefällt ihm nicht. Wir schreien uns an, wir schreien mitten durch die Nacht. Die Tiere des Waldes flüchten vor uns. Ich möchte zu einem Konzert nach Wien fahren und er möchte es nicht. Und mittendrin bleibt er stehen, zeigt zum Himmel und sagt: Wenn du den großen Wagen findest, lass ich dich fahren.

Ich finde ihn nicht. Und ich hasse ihn sehr. Er zeigt ihn mir und erzählt von seinem ersten Jazzkonzert seines Lebens. Und von den sieben Stollwerk Karamellbonbons in seiner Tasche, die er von den Amerikanern bekommen hat. Sein einziger Proviant. Sieben Stollwerck für 24 Stunden und das siebte hat er dann gegen ein paar Schluck Wein getauscht. Am Rückweg lachen wir und er nimmt mich in den Arm und ich liebe ihn sehr, weil er so gut Geschichten erzählen kann. Wie kein Anderer.

Vier Jahre später am Ende des Sommers tobt der Mistral über unserem Ferienhaus im Süden Frankreichs. Und das Meer rauscht unten im Hafen und die hohen Wellen schwappen über die Mauern am Pier. Mein Vater geht hinaus in die Dunkelheit, mein Bruder und ich folgen ihm zögerlich. Da steht er allein im Hafen und blickt zu den Sternen. Und die Mutter ruft ängstlich im Hintergrund und ihre Stimme verliert sich im Sturm. Der Himmel ist hier näher, sagt mein Bruder und natürlich glaube ich ihm nicht. Und wir suchen gemeinsam den großen Wagen und die Venus. Und der Vater sieht uns zu und lächelt zufrieden, während der Wind ihm die Haare ins Gesicht bläst. Die Kinder müssen mehr sein als Geschwister, das ist ihm wichtig. Sie müssen Freunde sein fürs Leben. Erst als wir uns uneins sind, welcher Stern am hellsten strahlt, tritt er zwischen uns und wir frieren im Wind und halten uns fest und suchen den Himmel gemeinsam ab. Und es ist kalt, aber schön.

Jetzt stehe ich in Gastein auf der Terrasse. Es ist kühl trotz Kapuzenjacke. Gegenüber leuchten die Lichter der Seilbahn den Berg entlang. Irgendwo hoch oben fährt ein Auto einsam durch die Nacht. Und über mir strahlen die Sterne um die Wette. Vor acht Monaten ist mein Vater gestorben, fast auf den Tag genau. Zu Hause in Kärnten brennt ein Öllicht vor seinem Bild und ich ertrage den Anblick kaum, weil er so endgültig ist und streite sofort mit der Mutter und dem Onkel und mit allen, die sich mir entgegen stellen. Weil ich glaube, das wäre ihm nicht recht als alter Atheist, der er war. Und Kitschverachter und Sentimentalitätenfeind und überhaupt. Ein Öllicht für einen lebenslangen Rebellen, das kommt mir seltsam vor. Und da merke ich erst wie traurig die Mutter ist, wie sehr sie ihn vermisst und ich frag mich, ob er das weiß. Und der Bruder hat sich extra eine Wohnung gemietet, deren Balkon überdacht ist und freien Blick hat auf den Himmel, weil er nachts die Sterne sehen kann. So wie damals auf der Almhütte, auf der richtigen. Auf deren Terrasse wir so viele Nächte gemeinsam gesessen sind mit dem Vater und wieder muss ich dran denken und frag mich, ob ihm das klar ist. Ob er weiß, wie viel wie sein Leben die Lebensentscheidungen von uns prägen.

Und ob er weiß, wie vieles ich getan hab in all den Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, weil ich genau gewusst hab, dass er es nicht gewollt hätte. Und dass dieses Dagegen-Sein und meine Bockigkeit die Eigenschaft sind, an denen all seine Verwandten mich immer und sofort als sein Kind erkennen. Das hast du von ihm, sagt die alte Großtante, die jetzt das Oberhaupt seiner Familie ist und lächelt ihr zahnloses Lächeln. Und ich frag mich, ob er das auch so gesehen hat, ob er das eigentlich wusste und deshalb klammheimlich, so dass es nie jemand bemerkt hat, vielleicht sogar ein wenig gut gefunden hat. Dass ich so störrisch war und uneinsichtig und immer nein sagen musste, selbst wenn ich gerne dafür gewesen wäre. Und während ich mich all das frage, such ich den Sternenhimmel ab und such den großen Wagen und nehme Google zur Hilfe und trotzdem kann ich ihn nicht finden.

Und Nebel zieht auf und die Sterne verblassen. Und ich gehe halb erfroren und enttäuscht hinein zu dem Mann, mit dem ich mein Leben verbringe und den der Vater erst kennengelernt hat, als er schon nicht mehr er selbst war. Verschluckt von einer Dunkelheit, zu der wir keine Zutritt hatten. Und ich bin traurig und meine Zähne klappern vor Kälte und ich frage ihn und mich, wo der große Wagen ist und ob mein Vater all das weiß, wie sehr ich ihn vermisse und ob er weiß, dass ich manchmal nach ihm Ausschau halte und wider besseren Wissens auf irgendein Zeichen warte und was er dazu sagen würde, dass ich den großen Wagen noch immer nicht finde. Und er schaut mich an und nickt wie selbstverständlich und sagt mit der Stimme, mit der er früher mit seinem Sohn gesprochen hat: Natürlich kannst du ihn nicht finden. Dein Vater sitzt wahrscheinlich vorne drauf am großen Wagen und fährt mit ihm durch die Nacht.

Und ganz kurz glaube ich, er hat recht.

2 thoughts on “Der große Wagen

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