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In: Datum Nr.5/15, 01.05.2015

Im Stiftsgymnasium Kremsmünster waren Internatsschüler über Jahrzehnte systematischer Gewalt und sexuellen ­Übergriffen ausgesetzt, lautet das Fazit des Schlussberichts zu den Missbrauchsvorwürfen. Die aus dem Bericht zitierten Erfahrungen ehemaliger Schüler wurden zu einem fiktiven Zögling herausdestilliert – dessen Schicksal für viele steht.

I. Die Welt ist groß, Kremsmünster größer

Ein junger Mann am Morgen seines ersten Schultages am Gymnasium. Zehn Jahre alt, aufgeregt, nervös. Ein junger Mann, ein Bub, ein Kind. Er trägt sein bestes Sonntagsgewand. Hemd, Hose, Wolljanker. Die Wolle riecht nach Seife und Lavendel. Die Mutter führt ihn an der Hand. Der Vater hat ihn schon verabschiedet. Sehr früh am Morgen, bevor er selbst aufs Feld muss. Benimm Dich und mach uns alle Ehr. Dass wir nix hören, gell. Der Bub verspricht es ernst. Er nickt, die Augen werden ihm feucht, aber er weint nicht. Es geht gleich los, es geht weit weg. Aus dem Dorf, in die nächste Stadt und weiter hinauf zum Stift.

Kremsmünster. Das heißt Elite.

Ein Privileg für einen Bub vom Land. Die einzige Schule, die zählt, sagen die Nachbarn. Die beste Schule weit und breit, sagt der Pfarrer. Die beste Schule in Europa, werden die neuen Kommilitonen sagen. Der Bub weiß noch nichts von ihnen. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt. Nichts von den acht Jahren innerhalb ehrwürdiger Mauern, die längst keine Ehre mehr in sich tragen und die Würde ihrer Schüler mit Füßen treten. Er ahnt noch nichts von all dem, was er sehen und worüber er noch schweigen wird. Dass jeder Schritt, jeder Ton, jede Bewegung schon jetzt darüber entscheiden, ob und wie er überleben wird. Ob er bleiben wird oder gehen, totale Identifikation oder Verschwinden. Ob er zu den Starken gehört oder zu jenen, die untergehen werden. Die das Stift zerstören wird.

Er weiß noch nicht, wie nützlich es sein wird, dass er zu Hause am elterlichen Hof gelernt hat, schnell zu sein und wendig, dass er dem Knecht und dem Vater immer davongelaufen ist. Dass er so schmal ist und so geschickt, dass er so wenig ist, dass sein Körper zwischen zwei Strohballen im Stall gepasst hat ohne dass ihn wer gesehen hätte. Der Bub hat keine Zeit für solche Gedanken. Die neue Umgebung schüchtert ihn ein. Alles riecht anders, oben am Berg. Dort thront es, mächtig, imposant, einschüchternd. Das Stift. Fünf Höfe und zehn Räume muss er durchqueren und über eine breite Prachtstiege gehen, um zum Abt zu gelangen. Eine Autoritätsperson. Ein Mann, der Macht ausstrahlt. Dessen Vasallen den Buben unter ihre Fittiche nehmen. Der Mutter entreißen. Hier ist Schluss. Keine Zeit zum Abschied nehmen. Der Bub muss pünktlich sein. Er wagt es nicht, der Mutter hinterher zu winken. Er eilt durch das neue Haus. Das neue zu Hause.

Ein Riesengebäude. Schlafsäle, Studiersaal, Speisesaal, Dimensionen, die er nicht kennt. Die es im Dorf, im Wald, auf der Alm nicht gibt. Die Stuckaturen, das Gold, die Fresken, die Pracht an allen Ecken und Enden. Über 1200 Jahre gibt es das Stift bereits, erzählt das dünne Heft mit den Schulregeln, das ihm ausgehändigt wird. Ab nun gibt es viele Regeln. Alles ist durchgeplant. Jede Minute des Tages. Kurz nach sechs Uhr Morgenappell. Im Schlafsaal ist es kalt. Die Fenster sind Sommer wie Winter geöffnet. Sport, Waschen, Anziehen, Frühstücken im Speisesaal. In zwei Schichten. Zuerst die Großen, dann erst die Kleinen. Danach Schule, Studium, Mittagspause. Studierzeit, Nachmittagsunterricht, Studium, Abendessen. Schlafenszeit. Alles in der Gruppe. Unter der Aufsicht des Präfekten, der Lehrer oder der Senioren – so werden die älteren Schüler genannt. Nie mehr allein. Nie mehr privat. Wer Heimweh hat, hat es für sich. Nur keine Schwäche zeigen. Das merkt der Bub. Das merken selbst die Kleinsten schnell. Wer Schwäche zeigt, der ist verloren.

Schule und Studieren. Studieren und Schule. Das ist das Wichtigste. Und wenn man gut ist, nein der Beste, wird man belohnt vor allen anderen. Jedoch wenn nicht, das lernt der Bub schon in der ersten Woche, dann kann das schlecht ausgehen. Da gibt es einen Älteren. Einen der Schüler, der jedoch mehr darf als die anderen. Wenn der die Aufsicht hat am Nachmittag beim Lernen und einer von den Jungen redet oder langsam ist, dann packt er eines seiner Bücher und schlägts ihm auf den Kopf. Ganz ohne Warnung. Gehorsam und Unterwerfung. Im Internat wie im Gymnasium. Durchhaltevermögen. Wer aus der Reihe tanzt, wird ausgeschlossen und bestraft. Der Bub schreibt an die Eltern. Kein Wort über den Pater, der mit dem Schlüsselbund nach ihnen wirft. Keine Silbe von dem Jungen, den die Älteren so lang geschlagen haben, dass er lauter blaue Flecken an den Beinen hat. Stattdessen schreibt er, was hier alle sagen, Tag für Tag. Die Welt ist groß, doch Kremsmünster ist größer.

II. Wer nicht gezüchtigt wurde, ist nicht erzogen

Hinter den Mauern sind die Schulklassen abgeschottet von der Außenwelt. Hermetisch abgeschlossen ohne Schlupflöcher. Da dringt nichts durch von draußen. Da bleibt man unter sich. Den Unterricht leiten die Patres und Präfekten, die tagsüber und nachts den einzelnen Abteilungen der Internatsschüler vorstehen. 30 bis 50 Schüler zwischen zehn und achtzehn, sieben Tage die Woche. Meist ohne spezielle pädagogische Ausbildung. Und ohne Rückzugsmöglichkeit. Für beide Seiten. Wer sich beschwert, der wird verachtet. Das gilt auch für die Präfekten. Der Konviktsdirektor straft diejenigen ab, die nicht für Ordnung sorgen können in ihrer Abteilung. Der Unterricht ist hart, das Tempo schnell. Kremsmünster ist Elite und will Elite bleiben. Weiß einer nicht die Antwort auf eine Prüfungsfrage, setzt es Strafen. Als Schüler ist man in einem praktisch rechts- und pädagogikfreiem Bereich. Und was der tut mit dir, das hast du zu akzeptieren.

Niemand überprüft die Methoden der Unterrichtenden. Niemand zieht sie zur Rechenschaft. Als ein Klassenkamerad des Buben im ersten Schuljahr bei einer Prüfung versagt, tritt ihn der Pater mit den Füßen vom Katheder in die Klasse hinein. Beim Essen im Speisesaal gibt es einen Mitschüler am Tisch des Buben, der viel redet und viel lacht. Gerade als er den Löffel mit der Suppe zum Mund führt, immer noch schmunzelnd, nichts ahnend, tritt ein Präfekt von hinten an ihn heran und hebt die Hand. Er schlägt ihm den Löffel aus der Hand. Der fliegt quer über den Tisch, einem anderen Jungen ins Gesicht. Dann schlägt der Präfekt noch einmal zu. Diesmal fester. Der eben noch lachende Junge fällt mit dem Kopf in die heiße Suppe. Ein drittes Mal erwischt es ihn. Er blutet. Der Bub sitzt neben ihm. Starr vor Angst. Wie alle anderen am Tisch. So schnell wie er gekommen ist, verschwindet der Präfekt auch wieder. Das war nach dem 8. Mai 1945, nicht vorher, wird er später erzählen. Die 1970er Jahre gehen gerade zu Ende. Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch. In Kremsmünster ist nichts davon zu bemerken. Werte wie Glücksstreben, Selbstverwirklichung, Genussfähigkeit, Konsumlust oder die sexuelle Revolution sind ein Gräuel.

Ein kriegstraumatisierter Pater mit Alkoholproblem führt ein unwidersprochenes Schreckensregime. Er benotet den Großteil der Kinder bewusst schlecht. Um sie dann mit Schlägen für die schlechten Noten zu züchtigen. Denn wer nicht gezüchtigt wurde, ist nicht erzogen. Ein anderer ist Turnlehrer und für seine sadistischen Praktiken unter den Schülern gefürchtet. Er lässt die dickeren Schüler auf Seile klettern und wenn sie rot im Gesicht, schwer keuchend vor Anstrengung nach unten hin abrutschen, tritt er brutal gegen ihren Rücken, ihr Hinterteil, ihre Beine bis sie mit letzter Kraft wieder nach oben flüchten. Wir wurden hier irgendwie behandelt. Wie in der Viehhaltung. Viele Kommilitonen des Buben kommen wie er vom Land, vom Hof, aus Großfamilien. Viele dürfen wie er als einzige ins Gymnasium. Zu Hause ist man stolz, man lässt sich den Erfolg des Sohnes nicht schlecht machen, schon gar nicht von ihm selbst. Man hört sein Schweigen nicht.

Andere kennen nur Gewalt als Erziehungsmethode, Schläge als Disziplinierungsmaßnahme aus dem Elternhaus. Und nehmen sie hin. Verteidigen das Gewohnte, resignieren vor einem System, das sich doch nicht ändern wird. Wenn es lauter geworden ist, dass es da einmal eine Watsche gegeben hat, das hab ich mitbekommen. Was soll er sonst machen? Wenn er sagt, bitte, seid ruhig, das wird zu wenig sein bei Zwölfjährigen. Der Schulbesuch in Kremsmünster ist eine Auszeichnung. Viele ehemalige Schüler werden später selbst Präfekten und bleiben dem Stift erhalten. Andere sind bereits in dritter Generation in der Schule des Benediktinerklosters. Eine Erbfolge nach Gewohnheitsrecht, in der alles weitergegeben wird. Die Durchhalteparolen, das Elitebewusstsein, der militärische Charakter. Die Gewalt. Da muss man durch, das gehört dazu. Als wäre Misshandlung Teil der Ausbildung und Wegsehen eine Tugend. Exerzitien, Griechisch, Latein, Schläge.

III. Strafe einen oder zwei und erziehe 100

Der Bub wird älter, er lernt sich durchzusetzen im Stift. Er lehnt Gewalt ab und kann sich doch nur vor ihr schützen, indem er selbst Zuflucht zu ihr nimmt. Ich weiß heut noch, wie stolz ich drauf war, dass ich irgendwie auf so einen Schlag gekommen bin, so mit dem Knie gegen den Oberschenkel, dass ich jeden Größeren mit einem Schlag gelegt hab und dann wars vorbei. Die Größeren sind für die Jüngeren, die Untersetzten, die Langsamen, die Schwachen oft ebenso gefährlich wie die Patres und die Präfekten. Die Größeren bilden Spaliere, durch die jüngere Schüler durchgejagt werden, dabei von links und rechts Fußtritte und Faustschläge abbekommen. Es gab oft Nasenbluten. Sie gründen die geheime Stiftspolizei, kurz GeStiPo, die sich vor allem aus Günstlingen eines übergriffen und gewalttätigen Paters zusammensetzt. Sie denunzieren, sie terrorisieren, sie bespitzeln andere. Gewalt produziert Gewalt. Die Misshandelten misshandeln selbst. Aus den Opfern sollen Täter werden, die Lust an der Macht für erlittenes Unrecht entschädigen, alles unter den Augen der Patres. Die Klasse über uns, da waren offenbar echte Sadisten drinnen, die uns Kleinere gern gequält haben, aufgelauert, irgendwo erschreckt haben, auch geschlagen, in Papierkörbe gesteckt, oder auf einen Kasten rauf. Irgendeiner hat immer Freude dran ghabt, da im Studium herumzuschleichen und mit einem Zirkel wo hinten reinzustechen.

Der berüchtigte Turnlehrer exekutiert ein besonders perfides Strafsystem. Bei Verfehlungen eines Schülers, die diffus definiert sind und je nach Tagesverfassung als solche bestimmt werden, muss sich der Betroffene an die Wand im Turnsaal stellen. Der Lehrer händigt den übrigen Schülern harte Lederbälle aus mit Naht an der Seite und befiehlt ihnen, den Schüler abzuschießen. Wer nicht mitmacht, dem droht dieselbe Strafe. Und nach dem Motto, strafe einen oder zwei oder drei und erziehe 100, hat er das vorgeführt.

Ein andermal lässt er die Schüler ein Spalier bilden und den zu Bestrafenden Spießruten laufen, wobei ihn die anderen mit Springschnüren auspeitschen müssen. Was als bestrafenswert gilt und was nicht, kann sich täglich ändern. Neben dem fixen Regelrahmen gibt es eine Reihe von Verhaltensmustern, die in einem Fall akzeptiert werden, im anderen jedoch nicht mehr. Je nach Beliebtheit des Schülers beim Präfekten, nach seinen schulischen Erfolgen, seiner Sportlichkeit, seinem Aussehen. Besonders erfolgreiche Sportler gelten für viele Patres als immun, erleben kaum Strafen und Gewalt. Der Bub ist ein Durchschnittsschüler, der in keine der genannten Kategorien fällt. Er ist weder Klassenbester, noch ein auffällig guter Sportler und kein Liebling der Patres. Ihn kann es wie die meisten seiner Kommilitonen jederzeit und immer treffen. Dieses Wissen um die Gefahr, der man unentwegt ausgesetzt ist, erzeugt ein permanentes Klima der Angst. Die Unsicherheit ist grausam und wird noch verstärkt durch unheimliche Geschichten, die durch das Stift wandern. Von Klasse zu Klasse, Schlafsaal zu Schlafsaal. Das Tuscheln wird immer expliziter, der Ort des Grauens immer klarer. Das Zimmer des Konviktsdirektors. Man hat auch Schreie gehört aus dem Zimmer raus, nur weiß ich nicht, ob er jetzt eine Watschn gekriegt hat, ob er da ausgegriffen worden ist, ob er da ghaut worden ist oder gschlagen mit dem Stock. Jeder weiß, dass Dinge vor sich gehen, die jede Grenze überschreiten. Doch niemand spricht darüber.

IV. Ausgesetzt ist jeder Mensch

Als der Bub nach Kremsmünster kommt, ist er zehn Jahre alt. Ebenso wie die meisten seiner Kommilitonen. Die Jungen haben Heimweh, Sehnsucht nach Familie, nach Nähe, Wärme, Aufmerksamkeit. Die strenge Atmosphäre der Schule, die militärische Struktur des Internats, das allgemeine Klima der Gewalt lassen kaum Raum für diese Bedürfnisse. Dabei werden die Patres und Präfekten von vielen Jungen automatisch als Vaterersatz gesehen. Es gibt kaum Ferien oder freie Tage, viele Jungen sehen ihre Familien monatelang nicht. Einzeltermine bei den Patres werden als Privileg gesehen, als Gelegenheit für ein persönliches Gespräch, für Anteilnahme, die es sonst nicht gibt und die in krassem Kontrast zum Stiftsalltag stehen. Naja, es war so, dass er ab und zu jemanden mitgenommen hat in sein Zimmer und dann dufte man auf seinem Schoß sitzen und mehr is da nicht passiert.

Als die Jungen älter werden, verändert sich das. Die Übergriffe werden häufiger. Die Grenzen zum sexuellen Missbrauch sind fließend. Der Konviktsdirektor bringt Lieblingszöglinge von ihm in einer eigenen Spezialabteilung in der Nähe seiner Räumlichkeiten unter. Dort übernachten sie auch. Der Name der Spezialabteilung lautet Hades. So wie in der griechischen Mythologie der Gott der Toten und Herrscher über die Unterwelt. Wer dort untergebracht wird, lebt in großer Gefahr missbraucht zu werden. Sexualität ist ein Tabuthema in der Erziehung im Stift. Manch ein Pater erklärt den Schülern im Vieraugengespräch die Selbstbefriedigung als Mittel, um nicht den Verführungen zu erliegen, denn ausgesetzt ist jeder Mensch.

Bei diesen Unterweisungen greift der Pater den Schülern eigenhändig auf ihr Geschlecht, um das Prozedere der Masturbation zu demonstrieren. Die angebliche Hilfestellung wird mit körperlichem Missbrauch vermischt. Die Verletzung der Intimsphäre, der Würde des Jungen ihm selbst zugeschoben. Die Schuld trifft so das Opfer. Der Täter wäscht sich rein. Ein Umgang mit Sexualität, der sich auf die Heranwachsenden verheerend auswirkt.

Da wurde einem das Teil da unten auch schlecht geredet. Das macht einen dann noch minderwertiger, weil man ja nur hört, wie schlecht man ist und wie schlecht das da unten ist. Und am Ende bleibt einem nur das Gefühl, dass man sowieso keine Chance hat, in den Himmel zu kommen und sowieso in die Hölle muss. Sexualunterricht im eigentlichen Sinne existiert nicht. Stattdessen nutzen einige Patres ihre Machtposition aus, um die eigenen Neigungen an wehrlosen, ihnen anvertrauten und ausgelieferten Schülern auszuleben. Ausgesprochen hat es niemand, aber es hat jeder gewusst. Der hat was mit den Knäblein. Aus scheinbar beiläufigen Berührungen werden sexuelle Übergriffe. Die betroffenen Jungen können sich an niemanden wenden. Kein Schutz, nirgends.

Angst, Macht, Missbrauch werden ineinander verschränkt. Sexualität, das bedeutet für viele Schmerz, Scham, Ohnmacht. Das wird es noch viele Jahre nach Kremsmünster für sie bedeuten. Ein Pater zwingt andere Schüler zur Komplizenschaft bei seinen Misshandlungen. Einfach mich, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder, mit dem Kopf, mit meinem Kopf in seine Scham gedrückt, festgehalten und dann die anderen zu Mittätern gemacht, in dem sie dann hinter den Deliquenten, der jetzt zu bestrafen war, treten mussten und dem mehrfach auf den Hintern hauen. Das Grauen hinterlässt seine Spuren in den Seelen der Kinder, der Buben, der jungen Männer. Also das war mein Ende, ich bin im Stift als Person geendet, die gedacht hat, ich bin nur dazu geschaffen worden, um in der Verdammnis zu enden. Das, was ich bin, hat überhaupt keine Chance und ich muss in die Hölle. Und das war für mich eine vernichtende Erkenntnis, die mich auch irgendwie vom Selbstmord abgehalten hat. Weil ich mir gedacht hab, wenn ich mich jetzt umbringe, dann komm ich ja gleich runter.

V. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Der Bub von damals hat überlebt. Heute ist er erwachsen, hilft mit bei der Aufklärung der Schrecken von Kremsmünster, dabei das Dunkel hinter den Klostermauern auszuleuchten. Er überzeugt andere Kommilitonen davon, Zeugnis abzulegen, auszusagen, sich gemeinsam den Dämonen der zerstörten Kindheit zu stellen. Wenn er sich selbst zu sehr erinnert, zu intensiv, zu lange im Damals verbringt, kämpft er mit Übelkeit, Herzrasen, Kopfschmerzen. Ich bin der Meinung, dass Kinder ja durchaus eine Urgrausamkeit haben, so wie der Lateiner sagt: dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Und ich glaube, Kindern muss man diesbezüglich auch ein positives Beispiel geben. Und es wäre die Aufgabe gewesen eines Lehrers, eines Professors, eines Präfekten, dass er diese Dinge nicht selbst macht, nicht zuschaut und nicht duldet. Und das ist also teilweise von den Sadisten tatsächlich wirklich auch forciert worden.

Manches wird nicht mehr gut.

 

 

One thought on “Kremsmonster

  1. Klingt wie das Oeverseegymnasium in den 70ern, glücklicherweise kein internat, aber besoffene alte Nazis als Lateiner und Biologen, Widerstandskämpfer als Historiker und massive strukturelle Gewalt.

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