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In: Datum, Nr.4/15, 01.04.2015 

Mit fünf bekomme ich Epilepsie diagnostiziert, danach ist nichts mehr, wie es war. Die Geschichte einer Kindheit zwischen Angst und Anfall.

Angst riecht und sie riecht nicht gut. Ich stehe in der ersten Bank. Vor mir der Lehrertisch. Wer aufgerufen wird, muss stehen. Unter meinen Achseln wird es feucht. Die Luft im Raum ist stickig. An der grünen Tafel leuchtet ein weißes Dreieck, unerbittlich. Die Linien sind unsicher gezeichnet. Mit wackeliger Hand. Der Lehrer knetet seine Finger ineinander. Er wartet. Auf eine Antwort auf die Frage. Auf eine Wortmeldung von mir. Ein Ächzen hätte ihm genügt. Das ist ein Nicht genügend, setzen. Aber er wird es nicht bekommen. Er trägt ein süßliches Eau de Cologne. Es kriecht in meine Nase. Es macht mich schwindlig. Mir wird übel. Dann geht es los. Ganz plötzlich. Ich weiß sofort, es kommt. Kenne die Vorzeichen. Kann nichts tun. Die rechte Schläfe pocht. Es kribbelt im Gesicht. Die Mundwinkel zittern. Sie machen, was sie wollen. Noch kann es keiner sehen. Ich spüre, wie es stärker wird. Ich merke, wie es mich erfasst. Ich weiß, ich bin ihm ausgeliefert. Ich schreie nicht. Mir kommt kein Schaum aus meinem Mund. Ich falle nicht zu Boden. Bei meinen Anfällen sacke ich in mich zusammen. Speichel tritt aus und ich kann nicht mehr reden. Sie dauern meist nur ein paar Minuten und danach ist mir ein bisschen schlecht.

Doch warum jetzt, warum in Sichtweite von Max?! Er sitzt auch in der ersten Reihe, rechts von mir. Ist alles, was ich hab. Sein Name steht in meinen Heften, in meinem Tagebuch, auf meinen Notenblättern. Gitarre spielen als Therapie, das hat der neue Arzt empfohlen. Und ich habe geübt. Vier Stunden lang an manchen Tagen. Wenn ich das neue Stück fehlerfrei spiele, dann kommt kein neuer Anfall. Zumindest nicht so bald. Das war die Abmachung mit mir. Und sie hat gehalten. Ganze drei Wochen schon. Bis jetzt. Der Lehrer reißt die Augen auf, steht auf, tritt neben mich. Sein Blick ist unsicher, nervös, dann panisch. Er sieht, was alle sehen können. Er sieht, was Max sehen kann. Ein Mädchen, 11, nicht Frau, nicht Kind, mit langen dunklen Haaren und starrem Blick. Der Speichel tropft aus ihrem Mund auf ihren Pullover und weiter auf die Schulbank unter ihr. Sie kann nicht sprechen und nicht reagieren. Kann alles hören und sehen, doch ist gelähmt und hiermit ausgeschlossen aus der Stunde. Und aus der Klasse. Für die nächste Zeit.

Ich habe gute Noten, bin fast Klassenbeste. Der Lehrer mag mich. Er führt mich schnell hinaus. Ängstlich, fahrig, ungeschickt. Ich kann mein Gleichgewicht nicht halten. Der Lehrer zerrt mich ungelenk den Gang entlang. Er weiß Bescheid. Weiß um die Symptome. Und um die Krankheit. Weiß, was er tun muss. Sollte es wissen. Denn jedes Schuljahr beginnen wir von vorn. Mit einer Sprechstunde bei allen Lehrern. Befunde werden vorgelegt, das Notfall-Set erklärt, es wird versichert, dass ich kein Risiko für die anderen bin. Nur auf die Zunge, darauf sollen sie Acht geben. Damit ich nicht an ihr ersticke. Bei meinem ersten Anfall in der neuen Schule kurz nach Turnen erschrickt die junge Lehrerin so sehr, dass sie mich danach nicht mehr unterrichten will.

Seitdem zieht die Mutter ihre Runden. Am Anfang jedes Schuljahres kauft sie Wein, Bildbände und Pralinen. Zusammen sind wir eine Stunde lang devot. Bedanken uns für das Verständnis, lassen alles über uns ergehen. Die Mutter hält die langen, schönen Finger mit den spitzen Nägeln versteckt unter dem Tisch. Nur manchmal, wenn das Wort behindert fällt, verkrallen sie sich ineinander. So fest, dass man die Spuren noch viel später auf ihren Handflächen entdecken kann. Ich bin meist passiv und spiel das kranke Kind. Traurig und still, bedanke ich mich artig und knickse beim Verabschieden. So haben wir es einstudiert, so klappt es gut in allen Schulen, seit vielen Jahren. Im Auto weint die Mutter manchmal. Vor Wut. Sie drückt mich an sich. Zu fest wie immer. Sodass mir kurz die Luft wegbleibt. Irgendwann beruhigt sie sich und sagt mit lauter Stimme, es wird vorbei gehen. Und wir werden es ihnen zeigen. Ich weiß nicht, wie und wann. Ich nicke stumm. Ich möchte heim zu Wellensittich, Lieblingsbüchern und meinen Geschwistern.

Bei den Mitschülern ist es wie bei den Lehrern. Nur ohne Wein, Bildbände und Pralinen. Schon in der Volksschule hat man mir eingebläut, nichts zu erzählen. Abzuwarten, zu beobachten, mich niemandem zu schnell anzuvertrauen. Bis ich ganz sicher bin und alle Freundschaftstests bestanden sind. Einige wissen Bescheid. Nur von den Mädchen. Die meisten jedoch nicht. Max habe ich es nie erzählt. Nach diesem Tag wird er sich nicht mehr melden. Nicht anrufen und keine kleinen Zettel schreiben. Er wird mit einer anderen auf unsere Klassenparty gehen. Mit einer, die gesund ist. Und lustig.

Ich warte in der Direktion auf meine Mutter. Der Krampf hat nachgelassen. Ich kann wieder sprechen. Kann meinen Mund auch wieder kontrollieren. Kann nicht verstehen, wie das geschehen konnte. Doch das weiß ich nie. Laufe aufs Damenklo im Konferenzraum. Und übergebe mich. Ich weiß, bald wird die Mutter kommen. Dann ab zum Arzt, zum Notfall-EEG, das Gel in meinen Haaren wird eintrocknen und auf der Kopfhaut jucken. Bis ich sie abends wasche und mir der Vater die Haare föhnt. Das macht er immer. Das ist unser Ritual. Der Arzt ist jung und freundlich. Er nimmt sich Zeit für mich. Er legt die Hand auf meinen Kopf. Er tröstet mich. Er ändert die Dosis der Tabletten. Wir waren schon auf einer Halben. Jetzt ist es wieder eine Ganze.

Der erste Anfall kommt mit fünf. An einem Sommertag, nach dem Gewitter, oben auf der Hütte. Bergbauernhof, ungeschützt, Abhang. Eine Idylle für die Ferien. Ein Ort, an dem ich gerne bin. Kräuterbeet, Baumhaus, Plumpsklo. Und vor dem Haus, da steht die Schaukel. Gelb-rot und quietschend. Der Regen hängt noch in den Wiesenblumen. Ich roll mich ein und schnell den Hang hinab. Die Mutter winkt mir aus dem Küchenfenster. Das Baby liegt bei ihr und schreit. Und plötzlich, als ich an der Einfahrt zum Stehen komme, da sehe ich das Haus und seine rot-weiß eingefassten Fenster. Da geht es los. Ein seltsames Gefühl in meiner Wange. Ein Kribbeln, das immer stärker wird. Das Haus verschwimmt vor meinen Augen. Da ist etwas in mir, das ich nicht kenne. Und einfach so übernimmt es die Kontrolle. Ich will zu meiner Mutter, doch ich kann nicht gehen. Möchte um Hilfe schreien, doch meine Lippen zittern. So findet mich der Vater, sein Oberkörper frei vom Mähen. Ich kippe gegen seine nackte Brust, als er mich in die Hütte trägt. Die Augen feucht, er weint. So ängstlich hab ich ihn noch nie gesehen.

Im Krankenhaus ist alles grell und laut. Die Röhre, in der ich liege, mich nicht bewegen darf. Die Apparate, in die sie mich verstauen. Epilepsie lautet die Diagnose. Und Tegretol heißt die Medizin. Ich darf nicht mehr alleine spielen, nicht schwimmen und nicht Rad fahren. Ich soll in eine Sonderschule, sagt der Arzt. Und später basteln in der Werkstatt. Dort ist es nett, dort wird es mir gefallen. Ich hasse basteln. Im Kindergarten verklebt der Uhu meine Finger. Zieht lange Fäden zwischen ihnen. Wenn ich nach Hause komme, schneidet mein Bruder sie entzwei und rettet mich. Ich will nicht basteln bis ich tot bin. Und meine Mutter will es auch nicht. Das werden wir ja sehen, sagt sie trotzig, packt meine Hand und sucht nach einem anderen Arzt.

Der Stiefopa lebt in einem Haus im Wald. Der Stiefopa glaubt an Handauflegen, Tinkturen und Hollerbüsche gegen böse Geister. Für den Stiefopa gibt es gesunde Tiere und kranke Tiere. Krüppelviecher. Sie werden hinterm Haus erlöst mit einem Kopfschuss. Er setzt den Lauf an ihre Stirn. Die Oma zeigt mir wo. An einer Stelle zwischen meinen Augen. Für ihren Mann bin ich ein krankes Tier. Und sind wir zu Besuch auf seinem Hof, thront er auf seinem Stammplatz, seiner Bettbank in einer

bunten Flickendecke. Ich darf nicht neben ihm sitzen. Er weicht mir aus, schaut mich nicht an, spricht nicht mit mir. Nur manchmal merke ich, dass er mich mustert. Argwöhnisch. Voller Misstrauen presst er die Augen fest zusammen. Als würde er mich schätzen. 40 Kilo Menschenfleisch. Beschädigte Ware, Notverkauf. Ich hätte gerne einen Anfall vor dem Stiefopa. Einen langen, richtig schlimmen. Ich möchte gern die Angst in seinen Augen sehen. Möchte, dass er aufspringt und hinaus läuft. Die Decke hinter ihm am Boden schleift. Als wäre ihm der Leibhaftige auf den Fersen. Das würde mir gefallen. Ein kleiner Satan für den Stiefopa. Das wäre eine schöne Rolle.

Die Uromi zieht zu uns. Die Uromi ist die Säulenheilige der Familie. Krankenschwester, Protestantin, Antifaschistin. Die Uromi hat Kinder vor der Euthanasie gerettet. Sie hat den Uropa gepflegt, als er Krebs hat. Vielleicht noch ein Jahr, höchstens zwei, haben die Ärzte ihr gesagt. Das werden wir ja sehen, sagt sie trotzig, nimmt seine Hand, sucht neue Ärzte. Fünf Jahre hat er noch gelebt. Die Uromi schaut gut auf mich. Die arme Seele, nennt sie mich. Hält meine Hand, wenn meine Geister in mir toben. Und wenn es regnet, holt sie mich von der Schule ab. Eine Kollegin in der Firma meines Vaters hat auch Epilepsie. Einmal geht sie im Regen allein nach Hause. Sie hat einen Anfall. Sie rutscht aus, sie fällt hin, sie landet mit dem Kopf in einer Lacke. Sie ertrinkt. Seit diesem Tag darf ich, wenn es regnet, nicht mehr allein vor die Tür. Und nicht allein nach Hause gehen. Die Uromi hält meine Hand. Mit festem Griff. Sie lässt nicht los. Ich beiße ihr so fest in ihren Daumen, bis er blutet. Ich reiße mich los, während sie schreit. Und springe in die nächste Regenlacke. Und in die übernächste. Und so weiter. Bis wir zu Hause sind. Sie sagt der Mutter nichts. Es bleibt unser Geheimnis. Ich bringe ihr ein Pflaster und küsse ihren Daumen und schmiege mich fest an sie.

Der Direktor der Volksschule in unserem Bezirk ist Protestant. Wir kennen ihn aus der Gemeinde. Ich darf in seine Schule gehen. Christenpflicht. Doch vorher muss ich viel versprechen. Nicht laut sein. Nicht mit den anderen Kindern spielen in der Pause. Nicht raus gehen, ohne zu sagen, wo ich bin. Vier Jahre trink ich die Vanillemilch mit meiner Lehrerin. Sommer wie Winter, vorn an ihrem Tisch. Meist trägt sie Dirndl und dazu bunte Strümpfe. Ich zeichne alle Muster nach, lege sie in eine rosa Mappe und schenke sie ihr an unserem letzten Weihnachtsfest. Auch dabei darf ich nicht von ihrer Seite weichen.

Die Mutter muss jetzt immer erreichbar sein. Sie arbeitet nun nur noch zu Hause. Die Mutter kommt mit, wenn die Klasse schwimmen geht. Sie wird Obfrau des Elternvereins. Um den Direktor und die Eltern gut zu stimmen. Die Mutter begleitet mich auch zu Geburtstagsfeiern. Die Eltern meiner Freundinnen wissen Bescheid über meine Krankheit. Und viele wollen nicht mit mir allein sein. Das Baby, meine kleine Schwester, ist überall dabei.

Ein Frühlingstag Mitte April, Ostern, Ferienbeginn. In drei Monaten werde ich neun. Der Vater arbeitet auf der Veranda. Er topft die Blumen um. Ich sitz im Nachthemd im großen, braunen Lederstuhl. Ich sehe fern. Das Bild verschiebt sich plötzlich. Als ob die Zeichentrickfiguren rechts aus dem Bildschirm springen würden. Der Vater ruft mir etwas zu. Das Bild kippt wieder. Der Vater kommt herein. Er sieht mich an. Er reißt die Augen auf. Er lässt die Schaufel fallen und stürzt zu mir. Er nimmt mich in den Arm, er drückt mich. Er fragt mich etwas. Doch ich kann ihn nicht verstehen. Alles um mich herum wird schwarz und als ich meine Augen wieder öffne, lieg ich im ersten Stock im Kinderzimmerbett. Der Vater sitzt schräg über mir. Er hat ganz rote Flecken im Gesicht. Er schwitzt. Er spricht sehr laut als wäre ich eine Fremde. Dann ist es wieder schwarz. Ich sehe grelle Blitze. Sie blenden mich. Ich sehe mich von oben. Ich bin auf einem schwarzen Felsen und um mich dunkle Wolken und Gewitter. Jemand schreit. Ganz oft hintereinander. Spitz und schrill. Es schneidet mir in meinen Kopf, es geht durch Mark und Bein. Ich möchte, dass es aufhört. Es schmerzt in meinen Ohren. Da merk ich plötzlich und öffne meine Augen, das bin ja ich.

Ich bin im großen Ehebett der Eltern. Im zweiten Stock unter dem Dach. Der Hausarzt kniet am Boden neben mir und gibt mir eine Spritze. Die Mutter ist im Zimmer. Die Mutter packt den großen Reisekoffer für das Krankenhaus. Die Mutter weint ganz leise vor sich hin. Die Schreie werden weniger. Ich will die Mutter trösten. Ich greif nach ihrer Hand. Ich greif ins Leere. Die Finger sind so schwer. Ich steh am Rand von einem dunklen Loch. Dann zieht es mich nach unten.

Ich höre meine kleine Schwester lachen. Es riecht nach Bratkartoffeln und Spinat. Im Zimmer ist es dunkel. Das Fenster leicht gekippt. Der Abendwind vom See zieht durch den schmalen Spalt in meine Nase. Ich möchte schwimmen. Ich möchte in die Sonne. Ich hätte gern ein Walnusseis. Ich setz mich auf und muss mich übergeben.

Grand Mal. Der große Anfall. Es ist mein erster. Zwölf Stunden war ich weg von mir. Vier Wochen bleibe ich zu Hause. Anfangs im Bett. Später darf ich zum Essen aufstehen und eine Stunde in den Garten in die Sonne. Ich kann zwar lesen, aber plötzlich nicht mehr richtig schreiben. Die Mutter übt mit mir. Mit jedem Tag wird es ein bisschen besser. Mein großes T ist sogar schöner als davor. Die Freundinnen aus meiner Klasse stehen am Gartenzaun. Sie stellen sich auf die Zehenspitzen. Blicken über die spitzen Zacken. Rufen mir zu, wollen wissen, wann ich wieder komm. Die Mutter jagt sie fort. Sie sagt, ich brauch jetzt Ruhe. Abends spricht sie mit dem Vater über mich. Ich schleiche aus dem Zimmer auf die Treppe, ich höre alles mit. Kein Fahrrad fahren und kein Schwimmen mehr, keine Besuche. Und später auch kein Führerschein und keine Kinder. Was soll bloß aus ihr werden? schluchzt der Vater. Und seine Stimme klingt ganz hoch und fremd. Am nächsten Tag bekomm ich ein neues Medikament.

Die Tabletten sind klein und weiß. Mir fehlen die großen alten, weil sie rosa waren. Sie wirken gut, aber ich bin ständig müde. In diesem Sommer schwimme ich nur eine Länge. Von einem Steg im Bad zum nächsten. Im letzten Sommer waren es sechs. Die Mutter sitzt am Strand und raucht und winkt mir zu. Winke ich nicht zurück, schwimmt sie sofort zu mir. Die Mutter ist jetzt überall dabei. Im Kino, in der Eishalle, beim Bummeln in der Stadt. Die Mutter und ich sind aneinander gekettet. Schicksalsgemeinschaft, die uns beide trifft. Je älter ich werde, umso härter. Gemeinsam warten wir beim Arzt, sitzen zusammen am Strand, schlendern die Einkaufsstrassen entlang. Und reden kein einziges Wort. Wir haben uns das Erwachsenwerden anders vorgestellt. Manchmal, wenn sich die Freundinnen treffen, wenn sie auf Partys gehen oder zum Shoppen, wenn sie heimlich rauchen, und ich aus allem ausgeschlossen bin, dann räche ich mich an der Mutter. Ich bin besonders grob und störrisch, versuch sie zu verletzen, bin ungerecht. Und dann ist sie es auch.

Ich sehe die Mutter öfter als irgendeinen anderen Menschen. Und trotzdem weiß ich nichts von ihr. Die Mutter ist eigentlich in Ordnung. Laut, stark, stolz und selbstbestimmt. Und manchmal ungehörig, wenn sie will. Die Mutter hat sehr viele Freunde. Und ich hab niemand und beneide sie. Je mehr wir aufeinander kleben, umso eher inszeniere ich mich als ihr Gegenstück. Die Mutter trägt gern Farben, ich kauf mir nur noch schwarze Kleidung. Die Mutter ist zu jedem freundlich, ich bin spitz und bissig. Die Mutter ist gern unter Menschen, ich vergrabe mich in Büchern. Und sie mit mir. Hab ich kein Leben, dann soll sie auch keins haben. Und will sie ausgehen, sag ich, ich hab Kopfweh. Das ist das Schlüsselwort für einen Anfall. Die Tür zu unserem Gefängnis. So denk ich damals kurz nachdem ich Max verliere.

Ich werde 13 und die Anfälle werden seltener. Und dann ganz plötzlich sind sie fort. Aus einer Woche ohne Anfall wird ein Monat. Aus ein paar Monaten ein halbes Jahr. Manchmal vergesse ich sogar meine Tablette. Ich merk es nicht einmal. Das EEG wird besser. Und eines Tages, einfach so, ist es ohne Befund. Unauffällig. Durchschnittlich. Normal. Das gibt es, sagt der Arzt. Gerade in dem Alter. Medikamente, Pubertät, Hormone. Das kommt vor. Ich bin gesund.

Ich muss noch zur Kontrolle. Muss versprechen, acht zu geben. Die Tabletten auszuschleifen. Keine Computerspiele und kein Discolicht. Zumindest für die nächste Zeit. Still treten die Mutter und ich an jenem Tag auf jene Strasse, in der wir uns so oft gestritten haben. Grau liegt die Stadt vor uns. Es riecht nach Regen. Die Mutter drückt mich. Ohne Worte. So fest wie nie zuvor und nie danach. Wir haben es überstanden. Es beginnt zu nieseln. Wir gehen ein Stück im Gleichschritt. Dann trennen sich unsere Wege. Ich will in die Stadt. Freundinnen treffen. Sie will heim.

Wie schön es ist, allein zu sein. Und frei. Führerschein, Kinder, ich kann alles haben. Vorn an der Kreuzung drehe ich mich ein letztes Mal ganz automatisch um. Und am Ende jener Strasse, in der wir uns so oft gestritten haben, steht meine Mutter, als kleiner roter Punkt. Sie hebt die Hand und winkt mir. Und ich winke zurück. Und ich weiß, auch wenn ich’s nicht tu, lässt sie mich gehen. Weil ich sicher bin. Bei mir.

5 thoughts on “Die Geister in mir

  1. Kein leichter Text.
    Starke Frauen.
    Wunderbares Ende.
    Und dennoch …
    ein bisschen erschreckend, wie die Gesellschaft (noch immer) ist …

    Da ist eine Notaufnahme nichts dagegen – wenn auch ähnlich erschreckend.

    (ich wurde übrigens daran erinnnert, dass meine erste Hünding auch solch einen ähnlichen Krankheitsverlauf hatte, wobei die Diagnose nie wirklich getroffen wurde, weil ich davor zurückscheute und es ab einem gewissen Zeitpunkt nie mehr auftauchte)

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