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Well she said she’d stick around until the bandages came off,
but these mama’s boys just don’t know when to quit.  

(Tom Waits, Time)

Die Tischplatte ist voll geräumt bis oben hin. Ein Berg aus Kleinkram und großen grauen Bene-Ordnern. Batteriesammlung, Joystick, Essensreste. Die Sparbüchse für den Italien Urlaub. Mit lauter Schillingmünzen. Unterm Tisch baumelt etwas Schwarzes. Kopfhörerkabel, beide Hörer abgetrennt. Zerfranste Enden. Was gefunden? Nichts. Kein Zettel und kein Busfahrschein, kein Hinweis. An der Tischkante stoß ich mir meine Stirn, fluche beim Aufstehen. Lautlos in mich hinein. Aus Rücksicht. Verzweifelte Gesichter blicken mich an. Die Trauer wird zur Wut, die Wut richtet sich gegen die Falschen. Darin bin ich gut. Ihr lernt es nicht, oder?!

Abgang, runter, raus.

Ein Zigarettenstummel liegt im Gras. Zwei Vögel nisten auf dem Apfelbaum. Drei Tage ist er schon verschwunden. Der Überzug der Hollywoodschaukel ist zerschlissen. Die Federn rotbraun rostig, halten mich trotzdem. Hier sind wir gesessen. Meine Beine zwischen seinen, mein Kopf auf seiner Brust, ein Kopfhörer in seinem Ohr, einer in meinem. Sonic Youth, Pearl Jam, Nirvana. I hate myself and want to die. Damals noch kokett. Tabletten, Dosenbier und Zigaretten. Programmwahl Selbstzerstörung bei 30 Grad im Schatten. Schule schwänzen, Cola rot, nachts Sex im Park. Abgängig heißt nicht verloren.

Vierzehn, Fünfzehn, Sechzehn. Nase blutig, Herz gebrochen, Kinderkrankheiten.

Ich wechsle die Schule, er wechselt von Tabletten zum Kiffen, vom Kiffen immer weiter. Die schönsten Augen, die Dunkelsten und Traurigsten, sie werden stumpf, das Dunkel größer. Tiefschwarz sehen sie mir nun im Park entgegen, die Pupillen groß, starr und unbewegt. Ein schwarzes Meer mit starkem Seegang. Er weint, ich spiele Rettungsboot.

Siebzehn, Achtzehn, Landflucht, endlich.

In der großen Stadt geht es erst richtig los. Trinken, spielen, Schlägereien. Was sich bewegt, das muss dran glauben. Am nächsten Morgen Pflaster kleben, Wunden waschen, Schreien, Küssen, selbst verlieren. Dazwischen schreibt er Texte, manchmal Lieder. Ich trag sie mit mir in der Hosentasche. Kleine Zettel, handgeschrieben. Viel Gefühl, noch mehr Talent. Nie für andere, immer gegen sich. Einmal nimmt er mein liebstes Buch, streicht alle Sätze durch, die ihm nicht gefallen. Schwarzer Edding, unbarmherzig. Da ist es genug.

Wir stehen uns gegenüber. Ich kämpfe mit mir selbst, er kämpft gegen sich. Komm spring mit mir, aber ich will nicht. Will nicht mehr Zeugin sein seiner Zerstörung und nicht mehr seine Hände halten, während er untergeht. Fahr gegen die Wand! Und wenn du durch bist und auf der anderen Seite, in einem Stück oder zerbrochen, melde dich.

So viele Jahre ist das her. Ungezählt und unvergessen. Drei Tage ist er jetzt schon weg. Die Mutter voller Angst, die Schwester ebenso. Die Tochter lebt längst nicht mehr hier. Das Kurt Cobain Poster an seiner Wand sieht alt aus, doch das Tixo hält noch immer.

Ich blätter durch ein paar seiner Notizen. Textfetzen, Fragmente, Kurzgeschichten. Voller Schmerz und Angst und Wut. Das meiste unvollendet. Ein Satz bricht mitten auf der Seite ab. Die Schrift ist krakelig und hektisch, ungeduldig. Das Warten macht mich träge und nervös. Ich will zum Bus, ich kann nichts tun.

Da taucht er auf. Schweiß und Tabak, Vanille-Wunderbaum. Das Taxi muss die Mutter zahlen. Der Bart ist etwas grau, die Haare auch. Der Blick ist müde, stumpf und ohne Reaktion. So sehen wir uns wieder. Ein schneller Kuss, Umarmung, Schulterklopfen. Die Augen bleiben unbewegt. Der Körper fremd und doch vertraut. Wenn du an Land willst und kurz bevor du anlegst, dann ruf mich an. 

 

 

 

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