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Südbahn. Zerschlissene Sitzbezüge. Lauwarmer Tee. Zeitung von gestern.

Semmering. Bruck an der Mur. Unzmarkt. Steiermark Grenze. Kärnten. Fensterplatz. Auch wenn er reserviert ist. Friesach, Burgen, Augen schließen. Auch wenn die Sonne nicht blendet. Auch wenn sie sich nicht blicken lässt an diesem Tag. Die Sonne weiß, was sich gehört. Sie stört die Trauernden. Wärmt den Trauerzug,  brennt in den Augen.

Klagenfurt, Elternhaus, Garten. Und wenn ich jeden Stein einzeln aufheben würde, nichts Bekanntes befände sich darunter. Keine Erinnerung. Schlamm und scheue Würmer. Unterm Apfelbaum, da liegt unser Kaninchen. Ich suche es und irre durch das Dickicht. Ungemäht. Der Apfelbaum gefällt. Schon lange.

Komm herein, sagt die Mutter. Ich finde den Ausgang nicht. Kletter über die Rosenhecken wie früher. Er steht am Balkon und lacht. Ungeschickte Tochter, sagt sein Lachen. Immer auf Umwegen unterwegs. Immer länger als notwendig.

Ein Onkel kondoliert. Ein Gesicht in der Menge. Hände schütteln. Laub abwischen und die Dornen. Schwarz ist eine undankbare Farbe. Wieder Hände. Keinen hätte ich wiedererkannt.

Fremd sein vergeht nicht.

Taxi, Aufbahrung, noch mehr Unbekannte. Die Messe ist katholisch. Wie er. Wie die meisten Gäste. Nur wir nicht. Stolpern durch den Sing Sang. Einfach den Mund öffnen. Niemand bemerkt die Unsicherheit.

Der Sarg ist aus Vollholz. Wie die Wandverkleidung in unserem Kinderzimmer. Der Hammer war zu schwer. Schlag zu, sagt er zu mir. Das Holz ist tot. Das spürt nichts. Am Ende hab ich doch die Nägel gehalten.

Meine Mutter drückt mich. Wir haben ja dieselben Hände. Mehr hat sie nicht gesagt bei unserem Wiedersehen, damals nach seinem Unfall. Elf Jahre sind sehr lang für Mutter und Kind.

Du musst jetzt öfter kommen, sagt der Onkel. Das hätte ihn gefreut. Du musst die Haare wachsen lassen, eine Tante. Das hätte ihm gefallen. Die Deutungshoheit über die Toten ist ein Kampf unter den Lebenden. Du musst gar nichts, sagt mein Bruder.

Der Sarg ist verstaut, Glocken läuten, die Totengräber verbeugen sich. Der Wagen mit dem Sarg verlässt den Friedhof Richtung Krematorium. Ein letzter Gruß. Niemals gehorchen. Niemals mittun, ohne zu fragen warum. Niemals klein beigeben.

Der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Ich kann nicht mit. Mein Taxi wartet.

Gern wäre ich zu Hause geblieben. Hätte mich auf die Bank gesetzt und dem Wind zugehört. Der schon seit Ewigkeiten um die rotbraune Erde kreist. Hätte erfahren ob man schon den Buchweizen aussät, ob man frisch den Acker umpflügt und junges Leben dreinpflanzt. Hätte auch erfahren, ob der Herbst schon die schwieligen Hände beschert und ihnen Segen einträgt. Aber gestern wurde die Bank zerlegt. Ab in die Fremde. Gustav Janus. Doma. Zuhause.

Sein Lieblingsgedicht. Die Suche, die Heimatlosigkeit, die Fremde, das hat er mir mitgegeben.

Wieder im Zug. St. Veit an der Glan. Treibach Althofen. Landesgrenze. Kärnten liegt hinter mir. Die Gewissheit, dass es damals richtig war, zu gehen. Ich fische nach meinen Kopfhörern. Wie früher nach dem Walkman. Auf alle Familienfeiern hab ich ihn geschmuggelt. Nur nicht zuhören. Die Bilder genügen. Ich hab sie in meinen Träumen gesehen. In meinen Texten beschrieben. Ich hab sie nicht vergessen. Der graue Himmel wird von Stromkabeln durchbrochen. Sie kreuzen sich, verlaufen parallel, gehen auseinander. Verlieren sich außerhalb des Sichtfeldes. Wie unsere Lebenslinien.

The Fall singen den Birthday Song. Wiedergeburt, hat der Pater gesagt. Navigate without pains, singt Mark E. Smith. And in dreams I stumble towards you. I am in the next room. With you. Always. 

 

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