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Schwindelambulanz, 9 Uhr Vormittags. Ich stehe und warte auf den Mann, den ich liebe. Vor eineinhalb Jahren im März bin ich auch gestanden. Gegen eine Wand gelehnt. Die Hände nervös ineinander verschränkt. Sitzplätze sind Mangelware in Krankenhäusern. Ob in Kärnten oder in Wien. Ich hoffe, dass es diesmal besser ausgeht. Ich verlasse mich auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistiken. Vater und Mann innerhalb eines Jahres beide todkrank. Das kann sich doch rechnerisch nicht ausgehen. Ein seltsamer Trost für eine schlechte Mathematikerin.

Mir gegenüber steht eine junge Frau Mitte 20. Klein, ein wenig untersetzt, rosige Wangen, ein scheues Lächeln. Große neugierige Augen, die einen schüchtern mustern. Und weil die Zeit hier zwischen dem Aufrufen der Namen stehen zu bleiben scheint und weil wir beide schlechten Automatenkaffee trinken und weil das gemeinsame Warten in diesem viel zu kleinen, engen Raum uns alle zu Verbündeten macht, kommen wir ins Gespräch. Sie ist zur Nachkontrolle hier, sagt Sonja. Ich nenne sie Sonja. Sie hat so ein sonniges Lächeln.

Vor einem halben Jahr ist es bei ihr losgegangen. Sie geht den Gang entlang im Call Center, in dem sie täglich wütende Anrufer beruhigt und Ratlose berät und plötzlich kippt alles. Der Gang entwickelt ein Eigenleben. Die Wände fallen um, sie klammert sich an ein Heizungsrohr. Aber auch das bietet keinen Halt. Ein Erdbeben in ihrem Inneren, das sich wiederholen sollte. Schwankschwindel, sagen die Ärzte als sie endlich zu ihnen geht. Sonja holt sich Überweisungen, macht Untersuchungen. CT, MR, Röhren, in denen man möglichst unbeweglich liegen muss. Röntgen, Blutabnahme, da bin ich wieder umgekippt. Die Befunde sind unauffällig. Ihre Welt ist trotzdem aus dem Lot geraten. Der HNO Arzt schickt sie zum Neurologen, der Neurologe schickt sie zum Orthopäden. Irgendwann sitzt sie beim Psychiater. Dort gibt es genügend Sitzplätze. Darauf wird geachtet.

Sonja mag ihren Job. Sie arbeitet seit drei Jahren im Call Center. Sie ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie ist die Älteste von vier Geschwistern. Und manchmal bedankt sich ein Anrufer sogar. Einer hat ihrer Kollegin zu Weihnachten einmal Lebkuchen geschickt, erzählt sie lächelnd. Die haben sie dann gemeinsam gegessen. Vor einem Jahr erfährt sie von einer freien Stelle bei der Konkurrenz. Die zahlt viel besser. Sonja würde gerne mehr verdienen. Dann könnte sie etwas zur Seite legen. Sie träumt von einem eigenen Haus mit Garten in ihrem Heimatort. Ihr Hund könnte sich dann richtig austollen. Und eines Tages könnten ihre Kinder dort spielen. Sonja hat den Richtigen noch nicht gefunden.

Sie wechselt schließlich in die neue Firma. Das Büro dort ist ganz anders. Die Tische stehen näher bei einander. Die Pausen sind kürzer. Die Kollegen sehen sich nur beim Rauchen. Sonja ist Nichtraucherin. Sie isst lieber einen Apfel. Oder die Linzer Schnitten, die ihr die Oma mitgegeben hat. Einmal stellt sie sich zu den Rauchern in den Innenhof. Keiner spricht mit ihr. Ein andermal kommt sie aus der Toilette. Eine Kollegin wartet dort auf eine andere. Sonja hört sie hinter sich kichern. Die Chefin ist nicht zufrieden mit ihr. Ihr Schnitt passt nicht. Ihre Beratungen dauern zu lange. Sie spricht zu langsam. Sonja bemüht sich schneller zu sprechen. Eine Kollegin feiert Geburtstag. Sie reicht Pappbecher mit Sekt durch die Tische. Sonja bekommt keinen Becher. Sie weiß nicht warum.

Die Ambulanz leert sich. Wir können uns setzen. Sonja ist noch nicht an der Reihe. Der Mann, den ich liebe, kommt aus dem Arztzimmer mit einem Zettel in der Hand. Er muss zu einer weiteren Untersuchung. Ich warte hier auf ihn.

Sie haben gesagt, ich stinke, sagt Sonja. Und zieht die imaginären Falten ihres lila Oberteils glatt. Ihre Wangen röten sich leicht. Ihr Blick ist verunsichert. Sie ist vom Bahnhof immer mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Das Call Center ist in einem Außenbezirk. Sie wollte nicht so oft umsteigen. Sonja ist nicht besonders sportlich. Beim Fahrradfahren schwitzt sie. Sie nimmt ein Deo mit zur Arbeit. Und einen Extra-Pulli. Sie zieht sich auf der Toilette um. Sie achtet auf die Materialien. Von Kunststoff schwitzt man, sagt Sonja. Und von Wolle. Sonja ist eine Expertin für Schweiß geworden. Sie kauft sich ein gutes Parfüm. Ein teures. Trotzdem spricht niemand mit ihr. Sie lässt das Fahrrad am Bahnhof stehen und nimmt den Bus. Nichts ändert sich. Eine Kollegin hält sich die Nase zu als Sonja sie etwas über Tarifänderungen fragt. Die anderen lachen. Dann gerät Sonja aus dem Gleichgewicht. Und der Schwindel fängt an.

Vor ein paar Wochen hat Sonja gekündigt. Sie hilft in einem Papiergeschäft in ihrem Heimatort aus. Gerne würde sie wieder in ihre alte Firma zurück. Ihr fehlen die vielen Menschen am Telefon. Aber ihre Stelle wurde neu besetzt. Im Augenblick wird niemand Neuer gesucht. Sonjas Name wird aufgerufen. Ich wünsch ihr alles Gute. Und warte allein.

Lästern gehört zum Alltag. Jeder und jede tut es. Ein abfälliges Wort über den Chef. Eine Bemerkung über den Praktikanten. Ein harmloser Aggressionsabbau. Weil der Computer wieder mal nicht hochfährt. Weil das Auto wieder einen Strafzettel bekommen hat. Weil der Kaffee kalt ist. Es tut niemandem weh. Der oder die Betroffene ahnt meist nichts davon. Wann wird dieser Automatismus zur existenziellen Bedrohung eines anderen? Wann trägt man dazu bei, dass jemand den Halt verliert? Ich stehe auf und atme tief durch. Sonjas Parfüm liegt noch in der Luft. Ich habe es in der Nase als ich das Krankenhaus verlasse. Es riecht nach Frühling. Nach Blumen und nach Sonne.

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