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Notes on Film 

Eine junges Mädchen. 12, fast 13. Ihr Vater. Die Augen weit aufgerissen. Rot unterlaufen. Das Weiß des Augapfels hat einen Gelbstich. Er hat rote Flecken im Gesicht. Er atmet schnell. Er sieht aus als ob er furchtbar Angst hat, sagt sie. Es sind ihre letzten Worte im Film.

Es gibt diese Geschichten. Von Familien, in denen alles gut wird. Zu Weihnachten ein Braten, Stille Nacht, ein Baum so groß dass er bis an die Zimmerdecke reicht. Eine warme Stube, Fellpatschen, eine Häkeldecke. So lang, dass man sich zweimal darin einwickeln kann. Am liebsten war ich in der Küche. In der Küche war es immer warm. So beginnt sie, die Geschichte. Mit rot-weiß-karierten Vorhängen. Selbstgenäht. Am Hof von Oma und Opa. Die Eltern leben im ersten Stock. Das Mädchen bei ihnen. Jeden Abend muss sie über eine steile Wendeltreppe nach oben. Ohne Geländer. Der Vater geht mir ihr und hält ihr die Hand, damit sie nicht fällt. Die Mutter fühlt sich eingesperrt. Sie will mehr Platz, ein eigenes Zimmer, weg von den alten Leuten. Ein eigenes Leben, in dem der Mann nicht mehr Kind ist.

Also wird gebaut. Gleich gegenüber vom Hof. Ein neues Haus für Vater, Mutter, Kind. Ein Rohbau entsteht. Die Tochter hilft mit. Spielt zwischen den losen Ziegeln. Zwischen Nägeln, Hämmern, Bretterstapeln. Obwohl sie es nicht darf. Die Oma freut sich. Die Mutter ist unglücklich. Ein neues Haus in Sichtweite der Eltern. Ein Haus ist kein Heim. Die Mutter sucht nach neuen Gründen, um wegzuziehen. Die Schule im Bergdorf ist nicht gut. Die beste Freundin der Tochter, Maria das Wirtshauskind, ist kein guter Umgang. Maria klettert mit dem Mädchen auf das Scheunendach beim Wirtshaus. Fünf Meter hoch. Mit einem Regenschirm bewaffnet. Damit die beiden fliegen können wie Madita im Märchen. Die Mutter erwischt sie rechtzeitig. Sie holt sie vom Dach. Sie schlägt der Tochter ins Gesicht. Und schickt Maria heim. Das ist kein guter Umgang, sagt sie abends zum Vater. Dem Mädchen brennt noch immer die Wange. Der Vater hört es nicht.

Der Opa sitzt oft allein auf der Wiese hinter dem Haus. Er hat eine Flasche auf seiner Schoß. Er kommt am Sonntag nicht mit in die Kirche. Und bald kommt er nicht einmal mehr ins Haus. Er schläft im Stall. Der Opa ist krank, sagt die Oma dem Mädchen. Und eines Morgens an einem Sonntag spielt das Mädchen im Rohbau. Ganz früh am Morgen, damit sie niemand sieht. Da hängt der Opa von der Decke. Von einem der Balken in der Mitte des Raums. Er hängt an seinem Gürtel und seine Beine baumeln über dem Boden. Vielleicht wollte er auch fliegen und hat den Regenschirm vergessen, denkt sich das Mädchen. Und läuft ins Haus. Von da an wollte sie nie mehr fliegen.

Rottenstein ist ein kleines Bergbauerndorf über Steinfeld im Drautal. Dort steht die Alm, auf der ich aufgewachsen bin. Jeden Sommer drei Monate. Jedes Wochenende haben wir dort verbracht, die Weihnachts- und Osterferien. Bei der Fahrt über die Serpentinen ist mir immer übel geworden. Ich habe die Kurven gezählt. Noch drei, noch zwei, noch eine. Dann kann man das Haus sehen. Ein alter Bergbauernhof. Und schräg gegenüber der Rohbau. Verwachsen mit alten Hollerbüschen. Verlassen. Die Frau vom Bauern hat sich dort aufgehängt, hat mein Vater meiner Mutter erzählt. Deshalb haben sie den Hof verlassen. Deshalb haben sie uns das Haus vermietet. Ich stand in der Tür und hab sie belauscht. Und mich viele Jahre gefragt, was das ist und wie das geht. Sich aufhängen.

Heimlich haben wir im Rohbau verstecken gespielt. Mein Bruder und ich. Nägel lagen dort herum. Und morsche Bretter. Ein Baum ist durch das Fenster gewachsen. Und ein Hollerbusch hat den Eingang versperrt. Hollerbüsche sind gut gegen böse Geister, hat meine Oma immer gesagt. Zwanzig Jahre später hat sie sich ihre beste Schürze angezogen, die Heizung in ihrer Hütte abgedreht, ihre Haare unter ihr Kopftuch gesteckt, sich auf ihr Bett gelegt und darauf gewartet zu sterben. Erfroren und verhungert haben wir sie Tage später gefunden. Der Tag ihres Begräbnis sollte der letzte Tag für elf lange Jahre sein, an dem ich meine Eltern sehe.

Eine steile gewundene Strasse führt von unserem Haus zum Wirtshaus im Dorf. Der Albert ist der Wirt, seine Frau heißt Rosmarie und bekreuzigt sich immer wenn jemand flucht. Ihre Tochter Maria ist meine beste Freundin. Wir sind jeden Abend bei ihnen im Schankraum. Maria und ich spielen fangen zwischen den Stühlen der Gäste. Die Eltern reden und trinken und lachen laut. Am Heimweg hebt mich mein Vater auf seine Schultern und trägt mich nach Hause. Von der Strasse aus kann man ins Tal sehen. Tausende Lichter. So sieht die Ewigkeit aus, sagt mein Vater einmal. Als ich älter werde, hab ich Angst vor der Ewigkeit und vor dem Tod. Musst du nicht, sagt mein Vater. Wenn ich sterbe, nehm ich dich mit.

Geopferte Töchter, heißt mein Filmprojekt. Ein ganzes langes Jahr arbeite ich daran. Bin ganz besessen von dem Thema. Ändere das Drehbuch wieder und wieder. Dann hat mein Vater einen Unfall. Und liegt plötzlich im Sterben. Und ich bin immer noch da.

Ich fahre auf die Alm. Ein Wiedersehen nach 28 Jahren. Mein Onkel hat unser Haus verpachtet. An irgendeinen Geschäftspartner. Mein Onkel macht ständig Geschäfte. Mein Onkel und ich haben uns 28 Jahre nicht gesehen. Ich mag meinen Onkel nicht. Im Haus leben Wiesbadener. Sie verbringen hier ihre Ferien. Die Vorhänge in der Küche sind noch immer rot-weiß-kariert. Meine Mutter hat sie genäht als ich damals Mumps hatte. Ich will das Haus nicht betreten. Die Wiesbadener haben den Kirschbaum gefällt, in dem unser Baumhaus war. Damit die Einfahrt breiter wird für ihren Mercedes.

Das Wirtshaus vom Albert und der Rosmarie steht leer. Vor ein paar Jahren ist Albert mit dem Traktor den steilen Hang hinunter gestürzt. Er ist ein dünner, alter Mann. Er erkennt mich nicht wieder. Rosmarie ist nicht zu Hause. Im Schaukasten vor dem Wirtshaus steht eine Madonna. Sie ist voller Flecken, eine Kerze brennt vor ihren Füssen. Maria ist fort. Sie ist vor ein paar Jahren nach Italien. Einfach mitgefahren mit einem Mann, der Urlaub am Berg gemacht hat.

Ich bin traurig. Wir werden älter, die Jahre vergehen, aber wir glauben trotzdem dass alles so bleibt wie wir es verlassen haben. Dass die Menschen an den Orten der Kindheit auf uns warten und so sind als ob wir niemals weg gewesen wären. Oft hab ich an die Alm gedacht. Die Wiese hinter dem Haus. Den Duft der wilden Blumen. Die steilen Hänge, das Scheunendach, Maria. Ihr Lächeln, ihren Mut, ihr Draufgängertum, das mir immer gefehlt hat. Das mir noch fehlt und immer fehlen wird. Ich hab mir zu lange Zeit gelassen, um zurück zu kommen.

Es ist der Sommer 2014. Eineinhalb Jahre sind vergangen seitdem ich mein erstes Konzept geschrieben habe. Ich packe die Kamera aus und fange an zu drehen.

Es gibt diese Geschichten. Von Familien, in denen alles gut wird. Die hier ist keine davon.

 

 

One thought on “Still

  1. Herzlichen Dank für diese Geschichte, für diese Zeilen. Ich bin still und doch zerreißt es mich, wenn ich diese Zeilen lese. Sie tun mir gut diese Zeilen. Nochmals Danke.

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