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Drei Stunden Notaufnahme. Groteske in drei Akten.

1

Personen: Ein Patient, der mit der Rettung eingeliefert wurde. Seine Frau, eben erst angekommen. Die diensthabende Ärztin.

Ort: 21 Uhr, Sonntagabend. Ein Krankenhaus in Wien. Der Patient liegt hinter einem Vorhang in der Erstaufnahme. Seine Frau steht neben ihm. Die Ärztin zieht den Vorhang zur Seite und tritt ans Bett. In der Hand hält sie ein Klemmbrett mit ein paar Zetteln.

Ärztin: So, Herr Fitscha, wie geht es Ihnen?

Patient: Ich bin nicht der Herr Fitscha. Berger.

Ärztin: Wie bitte?

Frau: Berger. Er heißt Berger.

Ärztin: Und wer sind Sie?

Frau: Berger.

Ärztin: Sie sind seine Frau?

Frau: Ja.

Ärztin (blickt auf das Klemmbrett, blättert in den eingespannten Zetteln) Aber ich habe hier keinen Berger. Ich habe nur Fitscha.

Stille. Frau sieht Patienten an, Patient sieht Ärztin an, Ärztin wirft erneut einen Blick auf  das Klemmbrett.

Ärztin: Haben Sie diese Beschwerden schon öfter gehabt? Schmerzen in der Brust? Im Arm?

Patient schüttelt den Kopf. 

Frau: Er hat gar keine Schmerzen in der Brust. Oder? Hast Du Schmerzen in der Brust?

Patient: Na. Echt nicht.

Ärztin: Was haben Sie denn dann?

Patient: Ich bin umgekippt.

Ärztin: Ah. Aha.

Wieder den Blick stur auf das Klemmbrett gerichtet. 

Ärztin: Und Sie sind 53?

Patient: Nein, 46.

Frau: Er ist 46.

Pause. 

Ärztin: Ihr Blutdruck ist ein bisschen erhöht.

Frau: Komisch. Der ist nie hoch, oder? Dein Blutdruck ist doch nie hoch?

Patient: Er ist zu niedrig. Hat der Arzt gesagt.

Ärztin: Ach, Sie waren schon beim Arzt?

Frau: Also seit ich da bin, ist noch niemand gekommen.

Patient: Nein, der war im Wagen. Im Rettungswagen.

Ärztin: Ach so. Ja. Und haben Sie Schmerzen?

Patient murrt verneinend.  

Ärztin: Warum sind Sie dann da?

Frau: Er ist umgekippt.

Ärztin seufzt. Blick auf das Klemmbrett. 

Ärztin: Das ist der falsche Patient.

Legt das Klemmbrett zur Seite. 

Ärztin: Ja, wir nehmen jetzt einmal Blut und dann warten Sie bitte im Warteraum bis Sie aufgerufen werden.

 

2

Im Warteraum. Nüchtern, graue Sessel an der Wand, zwei Rollstühle im Eck. In der Mitte ein Tisch mit Krankenhaus-Magazinen aus dem Jahr 2013. An der Wand ein kleiner Fernseher. Direkt davor eine Pensionistin um die 80 und ihre Begleitung, eine Frau Mitte 40.

Frau: Und wie gehts dir?

Patient murrt. 

Frau: Schlechter? Besser?

Patient: Mir ist komisch.

Frau: Willst dich hinlegen? Soll ich schauen, obs wo ein Bett gibt?

Patient murrt. 

Pensionistin: Ich tät mich auch gern hinlegen.

Begleitung: Des geht jetzt nicht.

Frau: Soll ich fragen gehen?

Begleitung hebt ablehnend die Hand. Pensionistin seufzt.

Begleitung: Wir kommen sicher gleich dran.

Patient lehnt sich zurück, schließt die Augen.

Frau: Wie gehts Dir?

Patient: Komisch.

Frau: Ist dir schlecht?

Patient murrt. 

Pensionistin: Müssen’S speiben?

Begleitung: Komm jetzt. Lass den Herrn.

Pensionistin: Vielleicht muass er speiben.

Frau: Musst du?

Patient murrt ablehnend. 

Pensionistin: Was hat er denn?

Frau: Er ist umgekippt. Ihm ist schwindlig geworden. Der Kopf tut ihm auch weh. Tut dir der Kopf noch weh?

Patient murrt zustimmend.

Pensionistin: Schlaganfall?

Frau: Nein. Das haben sie schon ausgeschlossen. Oder?

Patient: Ja. Ausgeschlossen.

Pensionistin: Vielleicht hat er an Tumor.

Begleitung: Bitte kumm, sei jetzt ruhig.

 

3

Im Ärztezimmer. Eine Liege. Ein kleiner Tisch mit Stuhl, auf dem die Ärztin sitzt. Vor ihr liegt ein Klemmbrett mit einigen Zetteln.

Ärztin: Also das Blut ist okay. EKG ist okay. Blutdruck ist niedrig. Zucker auch. Hm. Berger, oder?

Patient: Ja.

Ärztin nickt zufrieden. 

Ärztin: Ja. Hm.

Patient: Was hab ich denn dann?

Ärztin: Hm.

Patient: Mir ist immer noch komisch.

Frau: Hast noch Kopfweh?

Patient: Ja.

Ärztin: Hm.

Wirft einen Blick auf das Klemmbrett.

Ärztin: Da steht nix von Kopfweh.

Patient: Ich habs dem Arzt gesagt.

Frau: In der Rettung?

Patient: Ja.

Ärztin blättert durch die Zettel.

Ärztin: Haben Sie das schon öfter gehabt?

Patient: In letzter Zeit schon. Aber noch nie so schlimm.

Ärztin: Hm. Ich schreib Ihnen eine Überweisung.

Frau: Und wenn er wieder umkippt?

Ärztin: Haben Sie das Gefühl, dass Sie wieder umkippen?

Patient: Na. Grad nicht.

Ärztin schreibt eifrig. 

Frau: Und wenn er zu Hause umkippt? Was soll ich dann tun?

Ärztin wirft einen Blick auf den Patienten und seine Frau, dann auf das Klemmbrett. 

Ärztin: Hm. Ja, kippen’S halt nicht um.

Ärztin versucht ein Lächeln. Stille.  Patient und Frau gehen ab. Ärztin bleibt sitzen. Blick auf das Klemmbrett. 

 

Vorhang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 thoughts on “Das Klemmbrett

  1. Pingback: Das Klemmbrett | dotcom887

  2. Nichts außergewöhnliches wird hier geschildert. So ist es halt, wenn man nicht über eine entsprechende Zusatzversicherung verfügt. Wie wäre wohl die Geschichte gelaufen, wenn die Gattin folgendes gesagt hätte:

    „Dies ist mein Gatte, A. Berger. Er hat eine Zusatzversicherung bei der „Goldiges Arscherl Assekuranz“ und dort eine Zusatzversicherung der Klasse „A-Superschmerz“ mit Privatbett und Pausenunterhaltung. Es ist ihm schlecht, er ist umgefallen und klagt über heftige Kopfschmerzen.“

    Welchen Weg hätte dann diese kleine Episode genommen? Hätte Herr Berger einen oder doch mehrere Oberärzte gesehen? Und wie wäre die Pausenunterhaltung zwischen den Diagnosen gewesen? Hier gäbe es noch viel zu schreiben, über das österreichische Gesundheitssystem, welches bekanntlich ja jeden offen steht. Einige bekommen dann auch tatsächlich ein wenig Aufmerksamkeit und mit Glück die richtige Behandlung – dann aber mit Tablet und nicht mit Klemmbrett.

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