Home

Über das Sterben. Und die Zurückgebliebenen. Über das Gehen. Und das Gehen lassen müssen. 

Am Ende ist es ganz schnell gegangen, hat sie uns gesagt. Ein paar Tage vorher war ich noch bei ihm. Er lag auf dem Bettsofa unter dem Fenster. So wie immer. Sie mussten mich zu dem Besuch erst überreden. Ich mochte ihn nicht besonders. Er machte es einem nicht leicht, ihn zu mögen. Vorauseilender Argwohn. Als Kind trifft einen das. Unvorbereitet. Ohne Warnung. Und es sitzt. Später habe ich gelernt, wegzuhören. Es saß trotzdem. Er war abgemagert. Er konnte seine Augen kaum offen halten. Er sah nicht mehr aus wie der Mann, vor dem ich Angst gehabt hatte. Sein Blick war glasig. Als hätte er Fieber. Er war nicht mehr nach außen gerichtet. Sondern nach innen. In seinem rechten Ohr klebte eingetrocknetes Blut. Er bemerkte es nicht mehr. Er war schon zu weit weg. So wie ich, wenn ich nach einer Nacht voller Alkohol und Zigaretten, voller guter Musik und guter Küsse einfach nur schlafen wollte, dachte ich damals. Wenn ich morgens nach Hause stolperte und meine Geschwister und Eltern, der Bäcker und die Nachbarn, alle den Tag begannen und geschäftig hin und her liefen und sich Dinge zuriefen und lachten. Und ich wollte nur schlafen. Bloß meine Ruhe. Nichts erklären, keine Rechtfertigungen, einfach nur wegdämmern. Daran hat mich sein Blick damals erinnert. Vier Tage später konnte er einschlafen.

Jeder stirbt wie er gelebt hat, sagte die Uromi immer. Eine Binsenweisheit. Ein Zuckerpackerlspruch zum Kaffee. Nur nicht aus ihrem Mund. Niemand hat mehr Menschen beim Sterben begleitet. Niemand hat öfter jemand gehen sehen. Krankenschwesterschülerin im Ersten Weltkrieg. Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg. Niemand hat mehr Menschen vor dem Tod gerettet. Verschüttete. Verwundete. Wochenbettlerinnen. Wie oft hat sie uns diese Geschichten erzählt? Wie es war als es kein Betäubungsmittel mehr gegeben hat. Und dann als es kaum noch Schmerzmittel gab. Und als es schließlich gar nichts mehr gab. Nichts konnte sie tun. Außer Hände halten. Aus der Bibel vorlesen. Oder aus Briefen. Oder Gedichte. Den Band gibt es noch. Irgendwo am Dachboden liegt ihre Kiste. Niemand von uns hat sie angerührt, seit sie nicht mehr ist. Ganz leicht ist sie gegangen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Ein schönes Bild. Ein letztes Bild, an das wir uns gern erinnern. Eines, an das ich immer denke, wenn ich mich fürchte. Wenn ich zu leben vergesse. Und nur noch an den Tod denken kann.

Wie beim Taufonkel. Er liegt unter der Sauerstoffmaske. Ich darf nicht an sein Bett. Nur einen Spalt die Tür öffnen. Die Schwelle nicht überschreiten. Er hebt den Arm und winkt mir. Daumen hoch. Alles okay. Geh nach Hause, lernen! 

Wie ein paar Jahre später bei der Tauftante. Die Haare grau, die schöne dunkelrote Farbe ausgewaschen. Die Hände unmanikürt. Zuerst hab ich sie kaum erkannt. Schlafen, hat sie gemurmelt. Kaum verständlich. Zwei Schlaganfälle hat sie überstanden. Lasst mich schlafen. Draußen brannte die Mai-Sonne auf das südseitige Zimmer. Wir haben die Fenster verdunkelt. Und sie hat ihre Augen geschlossen.

Ganz anders war es ein Jahr später. Beim Jungen aus der Nebenklasse. Eine Woche bin ich hinter ihm gesessen während meine Klasse auf Landschulwoche war. Lange schwarze Haare, ein Kopf der ständig in Bewegung ist. Vor, zurück, zur Seite. Oft hat er sich umgedreht, um mir etwas zu erzählen. Wir haben viel gelacht. Im Februar während der Ballsaison steigt er mit seinem Cousin in ein Boot und rudert über den See nach Hause. Sie machen es immer so. Sie sparen Zeit. Mit dem Auto sind es gute 30 Minuten von einem Ort zum anderen. Übers Wasser nur 10 Minuten. Sie kommen nie am Ufer an. Es ist ein öffentlicher Tod. Wir erfahren davon aus den Nachrichten. In den kommenden Wochen ist es leise im Schulhaus. Die Pausen verlaufen ruhig. Niemand schreit am Gang. Alle sitzen zusammen und reden. Fragen sich, wie das geschehen konnte. Wie es passiert ist. Ob es lang gedauert hat. Ob es weh getan hat. Wie lang er am Grund des Sees war bis sie ihn gefunden haben. Ob er es gewusst hat. Schon beim Sturz ins Wasser. Dass es nicht gut ausgehen kann. Die Fragen verfolgen uns in den Schlaf. Wir sind genauso alt wie er. Wir wollen uns nicht vorstellen, dass er gelitten hat. Weil wir selbst Angst davor haben, leiden zu müssen. Gehen zu müssen. Vor unserer Zeit. Es ist beinahe 20 Jahre her. Die Erinnerung daran ist nicht friedvoll. Sie ist schmerzhaft.

Vor zwei Wochen ruft mich mein Mann an. Es ist Vormittag. Ich schreibe. Er ist in der Arbeit. Wir telefonieren selten um diese Uhrzeit. Es ist was Schlimmes passiert, sagt er. Er klingt seltsam. Weit weg. Als wäre die Verbindung schlecht. Sein Freund ist tot. Völlig überraschend. Ohne medizinische Vorgeschichte. Ohne Vorzeichen. Ein schreckliches Unglück. Wieder ein halböffentlicher Tod. Für meinen Mann war er kein Kollege. Kein Journalist, kein Autor, dessen Sendungen man vermissen wird. Sondern ein Jugendfreund. Ein Schulfreund. Ein Partner in Crime. Jemand, mit dem man die schlimmen Jahre gemeinsam übersteht. Weil der andere da ist. Jemand, den man ganz selbstverständlich umarmt. Auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat. Ich hab den beiden gerne zugehört. Lektionen in Popgeschichte. Liebesgeschichten. Ihren Anekdoten über ihre Säulenheiligen. Ian Curtis versus Nick Cave. Ja, er, sagte er in so einem Moment in Anlehnung an die Texte von Cave und zeigte auf meinen Mann, er wollte immer die Frauen töten. Ich wollte wenigstens nur mich selbst umbringen. Und dann lachten sie beide wie die 17-jährigen, die sich zum Schwänzen im Plattenladen trafen. Wenn ein Freund aus der Jugendzeit für immer geht, nimmt er ein Stück davon mit sich. Für immer. Der Liebste zeigt mir alte Fotos von ihnen. Schwarz-weiß. Papier. Stück für Stück selbst entwickelt in der Dunkelkammer im Elternhaus. Sie sehen aus wie aus einem anderen Jahrhundert. Sie posieren darauf. So musst du abdrücken, hat sein Freund damals gefordert. Den Kragen seines Tweetmantels nach oben gezogen, traurig in die Ferne geblickt. Ian Curtis Lookalike. So ein Pech, sagt der Liebste. Wie kann er nur so ein Pech haben. Er sagt es in einem Tonfall, in dem man über einen Jungen spricht. Über ein Kind, das sich verletzt hat. Nicht über einen Mann Mitte 40. Glaubst du, hat es weh getan? War es schlimm? Hat er es gemerkt? fragt er mich. Ich weiß es nicht. Ich bin kein Arzt. Ich frage unseren. Nein, sagt der. Das geht ganz schnell. Es wird einem warm. Man schläft ein. Das beruhigt ihn. Ein wenig.

Ich treffe einen guten, alten Freund. Ein professioneller Geschichtenerzähler. Einer, bei dem die Geschichte und die Realität eins sind. Wie bei mir. Wie bei uns allen. Daran erkennen wir uns. Auch wenn wir uns nicht kennen. Ich erzähl Dir etwas, sagt er. Und ich weiß nicht, was kommen wird. Vor ein paar Jahren, sagt er und er senkt seine Stimme wie wir Geschichtenerzähler das machen, wenn wir unsere Arbeit machen, fahr ich den Berg hinunter und die Bremsen versagen. Ich sehe ihn ungläubig an. Er nickt. Wirklich. Direkt vor mir war die Kurve und dahinter ist es steil hinunter gegangen. Und ich hab gewusst, ich schaff es nicht. Das geht sich nicht aus. Ich versuch mir die Situation vorzustellen. Ich bin selbst gern am Berg. Die Serpentinenstraße. Das steile Gelände. Draußen die frische, scharfe Luft. Vielleicht hatte er das Fenster offen und den Geruch von Wiesenblumen in der Nase. Und? Wie wars? Hattest Du Angst? frag ich. Und ich denke an den Jugendfreund meines Mannes. Und an meinen Schulfreund. Und an das kalte Wasser des Sees. Nein, sagt er. Er schüttelt den Kopf. Er tippt mit dem Zeigefinger auf meine Nasenspitze. Eine Geste, die ich gut kenne. Die er gerne macht. Bei Männern und Frauen. Nicht um sie herabzusetzen oder zu verniedlichen. Sondern um sich mit ihnen zu verbinden. Um zu zeigen, wir spüren uns. Wir sind da. Ich war ganz ruhig. Ich war einfach nur neugierig. Und das bin ich noch heute.

 

 

3 thoughts on “Gehen rückwärts stumm

  1. Hi und guten Tag. Ich finde ihre Sprache und die Worte die sie in ihren Beiträgen über Depressionen verwenden einfach total philosophisch, poetisch und äußerst wunderbar beschreibend
    Auch ihr Artikel in der Presse an diesem Wochenende hat mich zutiefst berührt. Ich selber habe anscheinen nur leichte Depressionen gehabt und die Diagnose ist immer sehr unklar gewesen. Ich bin wahrscheinlich „nur “ ein hochsensitiver, viel zu empfindsamer, melancholischer Mensch der wie ein radarsystem alles aufnimmt was die Menschen und die Welt zu bieten haben und ich fühle und spüre es bevor sie es selber wissen. Also lebe ich mich schwer. Aber wie erwähnt der Grund dass ich schreibe ist nicht dass ich mich jetzt selbst darstelle sondern ihre sehr einfühlsamem und feinfühligen Worte und wie diese Worte zu mir sprechen. Danke nochmals. Liebe grüße christian

  2. „wenn jemand aus der jugend für immer geht nimmt er ein stück mit sich“…so ähnlich hast du es ausgedrückt. ich trauere seit 2 jahren um meinen besten freund. wir 32 jahre, davon 16 beste freunde druch lachen und tränen, druch suizidversuche und alkoholabhängigkeit. eine liebe für die ewigkeit. er hat unsere freundschaft mit in den tod genommen. überraschend und ohne das man es hätte ahnen können. er hat ein stück von mir mitgenommen. ich komme nicht darüber hinweg. wir haben fast am selben tag geburtstag, ich bin nicht mehr froh, geburtstag zu haben, weil ich allein bin ohne ihn. wir wollten zusammen alt werden, uns nie verlassen und jeder wusste, der andere wird einen für immer lieben. es gab keinen menschen in meinem leben (der nicht mein partner ist) der mir und dem ich gegenüber offener, ehrlich, echter, schonungsloser ich sein konnte. ich habe mich von keinem menschen jemals mehr geliebt oder angenommen gefühlt. wir haben uns unsere elternhäuser ersetzt und waren und anker auf hoher see. seit er fort ist umgibt mich die schwärze mehr denn je. ich habe seit 20 jahren an depressionen gelitten.aber immerhin hatte ich diesen einen menschen, der goldenes licht in mein leben brachte. der so sicher war, wie nur etwas sein konnte. wir haben für einander die karriere geopfter und ich würde es jederzeit wieder tun. ich bin leider ungläubig…. wie sehr wünsche ich mir, wenigstens die hoffung zu haben, ihn irgendwann wieder zu sehen. mein leben wird ohne ihn immer grau sein. ich hätte ihn aufgegeben, seinen hass mir gegenüber noch leichter ertragen können, als zu wissen, wie unsinnig er starb. wenn ich nur wüsste, er würde leben und glücklich sein, würde ich in kauf nehmen, dass ich ihn für immer verliere….aber so? sinnlos, getrennt, fort…einsam und kalt ist es nun. ich dachte es wird besser. aber es ist noch immer exakt so, wie im ersten monat nach seinem tod. ich habe aufgegeben zu glauben, dass es jemals anders wird.:/

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s