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Der Werther Hof ist ohne Sinan aus dem Takt. Die Brüder Alkan trainieren und finden ihren Rhythmus nicht. Zwischen den Restmülltonnen und den Altpapiercontainern im Hinterhof verlieren sie den Ball und schließlich Sami und sich selbst. Helene fühlt sich Jürgen ausgeliefert. Trotz Zimmer, Küche, Kabinett. Und Tarik Alkan weint inwärtig Tränen. Sie bahnen sich den Weg durch seinen Rachen, sie rinnen aus der Nase und tropfen in den Brotteig Nacht für Nacht.

Frau Rabes Wohnung wird besichtigt. Herr Schenz hat seine Haare eingegelt. Pomade, sagt Frau Rabe sehr zufrieden. Mit den Entwicklungen im Haus und mit sich selbst. Ein junges Paar watet durch den dicken Teppich im Salon. Und reißt im Geist den Einbauschrank heraus. Trennt alle Häkeldeckchen auf und legt den Faden als Lunte zwischen Biedermeierpsyche und Kommode. Bereit zu Zünden – jederzeit. 40 Jahre, sagt Frau Rabe, 40 Jahre hab ich hier gewohnt. Sie leckt sich vor dem Spiegel über die Lippen. Der letzte Rest Tomatensauce vom Essen. Klebt blutrot in den Mundwinkeln der alten Frau. Bald ziehe ich in die Weinberge zu meinem Leo. Dort hab ich einen ganzen Stock mit Badewanne und Bidet. 

Das junge Paar ist schön, gesund und schlank. Und so soll auch das neue Leben sein. Ist ein Balkon geplant? Werden denn die Fenster neu gemacht? Wo ist der nächste Kindergarten? Sie wollen auch ihren Teil vom guten Leben. Kind und Kegelbahn im Keller, Biomarkt und eine Flasche Bionade. Herr Schenz nickt, öffnet Türen und verspricht alles, ehe seine Kunden wissen was sie wollen. Aber selbstverständlich. Ganz nach Ihren Vorstellungen gestaltbar. Darüber kann man reden. Erstklassige Lage. Kommende Gegend. Und Taubengitter an den Fenstern gibt es obendrauf.

Jürgen bahnt sich mit dem Rennrad den Weg durch den verrauchten Vorraum vom Eder. Vorbei am Spielautomaten, am Tisch von den Vasallen und Adepten.  Sie leeren Bierflaschen, der Automat schluckt ihre Scheine. Karl, Wirt und Eders Consigliere, nickt Jürgen wissend zu und zeigt nach hinten. Im Hinterzimmer thront Eder. Pfeife rauchend, versunken in die Kronen Zeitung. Er grüßt Jürgen ohne aufzusehen. Er blickt auf das Rennrad und auf ein Bündel, das Jürgen zu ihm hinüber schiebt. In ein Handtuch eingewickelt glänzen Nippes Figuren, eine Kaminuhr, alles Art Deco. Abschätzig fährt sein Finger über das Gehäuse. Dann wendet er sich wieder seiner Zeitung zu. 300. Jürgen protestiert. Aber nur fürs Rad! Eder leckt über den Daumen seiner rechten Hand und blättert um. 300. Alles oder nix. Jürgen seufzt und lehnt das Fahrrad an die Wand. Er geht nach vor zu Karl an dessen Theke. Er hebt enttäuscht drei Finger. Karl gibt ihm die drei Hunderter. Er klopft ihm tröstend auf die Schulter. Waßt eh, die Krise.

Im Gefängnis wagt Sinan nicht zu atmen. Nur wenige Zentimeter neben ihm: ein Berg. Furchteinflössend und massiv. Zwei Meter hoch und breit. Angestrengt schnauft er, ein bösartiges Tier. Nur darauf wartend zuschlagen zu können. Sinan macht sich kleiner als er ist. Den Rücken rund, zieht den Kopf gegen die Brust. Da kommt der erste Schlag. Auf seine Schulter. Und instinktiv hebt Sinan seine Hand, wehrt sich und schlägt zurück. Und weiß in diesem Augenblick, in dem der Schlag verhallt. Noch ist sein Echo wahrnehmbar, Game Over. Sinan schreit, hofft auf die Wache. Da ist der andere schon über ihm. Sein schaler Atem weht ihm ins Gesicht. Du zwüst ja wia mei Schwester! Er greift nach Sinans Hose. Er lacht, packt sie am Bund, reißt sie mit einem Ruck nach unten. Sinan brüllt. Er rudert hilflos mit den Händen. Sein Angreifer hält seinen Körper hoch und kichert. Bist eh ka Madl. Plötzlich lässt er ab von ihm. Fällt schwer atmend in sich zusammen. Sinan zieht seine Hose hoch. Zitternd und starr vor Angst.

Ein kleines Antiquariat im Zweiten. Die Scheiben grau vor Schmutz. Obstschüsseln aus Kristall, Teetassen, Suppenteller. Und mittendrin steht Jürgen vor einer Kiste alter Bücher. 3 Stück um 50 Cent. Die Titelseiten schon vergilbt, Autorennamen unbekannt. Er wühlt und schmökert, blättert, liest und schließlich fischt er drei heraus. Der Besitzer unterbricht seinen Kaffee. Er schlurft zur Kassa. Er lächelt Jürgen freundlich an. Er ist für ihn kein Fremder. Wohlwollend nickt er bei den Titeln. Die kannst du nehmen, kennt kein Mensch mehr. Alle tot. Jürgen zahlt und nimmt im Gehen noch einen kleinen gelben Teller mit. 50er Jahre, Lilienporzellan.

Frau Rabe versenkt zwei lange Hutnadeln in einem Ungetüm auf ihrem Kopf. Dann blickt sie sich von oben bis unten im Spiegel an. Altrosa Porzellanpuppe mit Sprung. Es läutet an der Tür. Leonhard steht davor. Die Hände feucht, die Haare schütter. Christine ist im Auto. Seine Frau. Kurze blonde Haare. Dauerwelle. Lippenstift orange. Auf den Zähnen hellbrauner Belag. Sie raucht. Die Fahrt geht durch die Weinberge. Christine hält sich kurz, die Sätze knapp. Leonhard blickt nach vorne. Schweißperlen auf seiner Stirn. Die falsche Abfahrt! ruft seine Mutter als der Wagen rechts abbiegt. Leo presst die Lippen aufeinander. Christine lächelt leicht. Wir schauen es uns einmal an, entscheiden können wir später. Ein kleiner Park gleich bei der Einfahrt. Drei Frauen mit Rollator. Haus Sonnblick steht über der Tür. Frau Rabe rührt sich nicht. Und an Christines Lächeln und Leonhards Verlegenheit ist abzulesen: sie haben sich längst entschieden.

Helene liegt am Rücken. Den Kopf auf Jürgens Brust, den Oberkörper frei. Sie spielt mit ihren Haarspitzen und schnalzt mit ihrem großen Zeh auf Jürgens nacktes Bein. Der beugt sich vor, holt unbemerkt den gelben Teller aus der Tasche und legt ihn sanft auf ihren Bauch. Genau auf ihren Nabel. Helene kichert unvermutet. Das Porzellan ist kühl. Für deine Sammlung. Er streichelt ihren Kopf, umschlingt sie mit einem seiner Beine und nimmt ein Buch zur Hand. Natürlich ein Roman von ihm. Ich les Dir weiter vor. Helene nickt. Und Jürgen liest. Lässt jeden Satz bedeutsam klingen. Helene hält den gelben Teller über sich. Vintage Sonne mit Kratzern. Aber trotzdem chic.

 

 

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