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Die Dunkelheit der Nacht umfängt den Werther Hof. Listig versteckt sie Netze zwischen den Gerüsten, verbirgt die Berge aus Schutt, glättet die Dellen und Schrammen, die das Haus davon getragen hat. Sie sieht nicht hin als sich Ekrem Alkan und sein Bruder Sinan auf eine Palette setzen und rauchen. Unter ihnen lauter Lacke und Kunststoffkleber. Ohne dass sie es wissen. Sie tut so als sei der schmale Spalt im zweiten Stock, aus dem es hell heraus leuchtet, kein Zeichen für Alarm. Für ein vergessenes Schloß. Im Gegenteil. Sie lullt Frau Rabe ein. Sie macht ihr vor, der Tag sei schon vorüber. Und statt zur Wohnungstür lotst sie die alte Frau ins Bett.

Sie schließt die Augen als Helene heimkommt und den Werther Hof betritt. Und Sinan sie am Schritt erkennt. Und leise, heimlich im zweiten Stock verstohlen in der Finsternis die eine Hand sich in die andere schmiegt. Kühle Lippen warme Lippen finden. Zwei Hände, die beide nur beschützen wollen, sich schließlich ineinander verknäulen bis aus dem Handgemenge doch eine Umarmung wird. Die Torte! mahnt Helene. Schoko Orange Krokant. Zweistöckig. Längst hängt der zweite Stock bedrohlich schief über dem ersten.

Zur selben Zeit liegt Jürgen in unbequemer Lage in einem Bett, dessen Gestell sich spitz in seinen Rücken bohrt. Neben ihm Pola, so heißt der blonde selbst gestutzte Pony, im Tanktop über ihr Handy gebeugt. Tippt, lacht, wischt über das Display, plötzlich ein Blitz direkt vor Jürgens Augen. Ein leises Kichern neben ihm. Die anderen wollen wissen wie du aussiehst! Pola tippt unentwegt. Lass sehen! Jürgen blinzelt. Auch am Foto. Benommen kratzt er sich am Kopf. Die grauen Strähnen über seinen Ohren. Grellweiß leuchten sie vom Bild. Der Esel Balthazar. Aus einem dieser Filme, in die Helene ihn verschleppt. Helene! Jürgen seufzt. Nachdenklich betrachtet er die junge Frau dicht neben sich und doch auf Abstand. Angestrengt runzelt sie die Stirn. Ich kann dich auf Facebook nicht finden. Wegen dem Foto. Damit ich dich markier. Jürgen richtet sich auf und zieht sein Shirt nach unten. Seinen Bauch will er gerade jetzt nicht sehen. Ich bin nicht auf Facebook. Pola hebt den Blick. Echt? Das erste Mal sieht sie ihm wirklich ins Gesicht. Ehrlich überrascht. Ehrliche Neugier statt Allwissenheit. Ein schöner Tausch. Sogar der Papsch ist dort. Jürgen hat genug. Mit einem Satz spring er aus dem Bett. Pola greift nach ihm, erwischt sein Knie. Schlaf doch da! Jürgen zögert, da vibriert ihr Telefon. Polas Blick wandert nach unten auf das Smartphone auf ihrem Schoß. Schau, schon 50 Gefällt mir! Jürgen zieht seine Jacke über. Er schlüpft in die Schuhe. Er winkt ihr zum Abschied. Er geht entschlossen. Lieber Geheimnisse. Die schmecken besser.

Satt und saturiert reibt sich die Dunkelheit den Bauch. Sie schmunzelt spöttisch über Jürgen, der allein nach Hause schlurft. Das rote Rennrad schiebend. Sie lächelt über Sinan und Helene. Das Licht im Stiegenhaus ist ausgefallen. Sie brauchen es nicht. Die Torte ist in Sicherheit. Ihr Atem ist es nicht. Sachte, ganz langsam entwirrt Helene den Knoten aus Haaren, Händen, Knien – aneinander – und holt tief Luft. Sie sperrt die Wohnung auf. Die Schwelle ist die Grenze. Sie beugt sich vor, ein letzter Kuss. Dann schließt sie ab, öffnet den Mantel, atmet tief durch. Sie setzt sich auf den Boden und hebt den Deckel einer ihrer Schachteln. Mitgenommen und leicht zerknauscht liegen die Aufstrichbrote vor ihr. Sie wählt eines mit Schinken. Versonnen kaut sie drauf herum. Den Blick zur Tür gerichtet, lächelnd.

Frau Rabes Schlafzimmer gleicht einer Festung. Kommode, Hocker, Schminktisch, Holzbett. Verstellen den wenigen Platz. Ineinander verkeilt, zugedeckt mit Häkeldeckchen und über allem hängen die Gardinen. Weiß-beige und schwer. Als Frau Rabe erwacht, weiß sie zunächst nicht ob das Geräusch von ihrem Traum in die Wirklichkeit mitgekommen ist. Oder von der Wirklichkeit in ihre Traumwelt reiste. Dann hört sie es wieder. Dumpf und nah. Als wäre es im Nebenzimmer. Frau Rabe nimmt die Brille von der Kommode, hüllt sich in ihren Morgenrock und geht hinaus. Die Schnalle zitternd in der eine Hand, den gußeisernen Kerzenleuchter in der anderen. Blitzschnell löst sich etwas aus der Dunkelheit, eine Gestalt eilt Richtung Eingangstür und lautlos gleitet sie hinaus. Frau Rabe schreit. Licht, Telefon, Polizei. Ihr Schrei dringt in die Träume des Werther Hofs. Weckt Jürgen und Helene. Schreckt Tarik Alkan, eben heimgekommen. Müde von der Arbeit, für die niemand danke sagt. Geht seinen Söhnen Sinan, Ekrem und Aziz durch Mark und Bein. Nur Samis Trauer kann er nicht durchdringen. Er ist der einzige, der mit den Achseln zuckt.

Die Polizei versammelt die Bewohner. Wie eine Casting Show mit ungewissem Ausgang. Ihr dünner Finger zeigt auf Sinan. Ein dürrer Knochen, kaum noch etwas dran. So schmal wie der von Hänsel. Den er im Käfig der alten Hexe jeden Tag entgegenstreckt. Um nicht geschlachtet und gebraten, auf einen Haken aufgehängt zu werden. Die alte Hexe rächt sich für die Täuschung. Zu lange hat sie sich darauf gefreut. Frau Rabe hat den Schuldigen gefunden. Die Polizei nimmt Sinan mit. Sein letzter Blick, die Angst in seinen Augen. Die Dunkelheit kann nichts dafür. Am Horizont geht schon die Sonne auf.

#4 demnächst

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