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Jürgen keucht. Seit Atem pfeift. Er schnappt nach Luft. Er fährt mit der Hand zum obersten Knopf seines Hemds. Er öffnet ihn. Und den darunter. Der nächste fehlt überhaupt. Jürgen tritt in die Pedale seines rostroten Dreigang-Rads. Nur noch ein paar Meter bis zum Biergarten. Wiener Radwandertag, Jürgen kann das Transparent schon lesen. Das Bier riechen. Die Polster auf der Bierbank fühlen. Also fährt er weiter. Ungraziös zusammengekauert. Den schmalen, langen Oberkörper verbogen wie ein Fragezeichen. Und er fragt sich wirklich, was er hier verloren hat. Außer seiner Würde. Im Schluss-Pulk des Feldes. Um ihn Kinder und  Alt-68ern. Sehr alte Alt-68er. Ein Junge, 7, höchstens 8, überholt ihn. Lässt sich zurückfallen, zieht wieder an ihm vorbei. Mal von links, mal von rechts, mal schneidet er ihn. Haarscharf. Freihändig. Noch dazu. Der Junge grinst. Triumphal. Jürgen spuckt Auswurf auf den Asphalt. Der Junge rückt seine Brille zurecht. Doogie Howser, zischt Jürgen in seine Richtung. Urkel.

Der Junge hört ihn nicht. Jürgen richtet sich auf. Ganz gerade. Todesmutig. Vor ihm im Blickfeld der gelbe Ballon auf seiner Lenkstange. Radwandertag. Ein Smiley. Ein Pacman für Jürgen. Er will es dem Jungen zeigen. Fährt einhändig. Hält vorsorglich Balance. Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger. Nach der Reihe weg. Er hört den Tusch in der Manege. Nur noch der kleine Finger verharrt am abgewetzten weißen Plastik des rechten Griffs. Dann lässt er los. Tritt schneller. Er hat es geschafft. Siegfried und Roy. Die Trapezkünstler. Die Fanfaren der Zirkuskappelle. Gleich fährt er durch den brennenden Reifen. Jürgen lächelt siegessicher. Da schert ein Fahrer vor ihm aus. Will das Feld queren. Jürgen verliert die Balance. Kommt ins Straucheln. Und fällt. Ohne doppelten Boden und ohne Netz. Ein lauter Knall ertönt neben seinem Ohr. Der Tod des Trapezkünstlers. Für Jürgen ist es nur eine Schramme. Traurig schlackern die Reste des gelben Ballons um seine Lenkstange. Ein fieses Lachen ertönt über ihm. Er! Der Junge schüttelt den Kopf. Du kannst ja gar nix, sagt er. Und fährt davon.

Von links ein Arm, von rechts eine Schulter. Nur noch ein Foto. Jürgen nickt und legt die Stirn in seine klügsten Falten. Danach schüttelt er Hände. Schwielige, verschwitzte, gut manikürte. Auch der Schriftsteller Jürgen Lenz unterstützt das Anliegen, diktiert die Dame von der Presse. Sie sagt es emotionslos während sie die Kopfhaut ihres Jüngsten auf Läuse untersucht. Weniger Verkehr, mehr Rad. Eine blonde junge Frau mit selbst gestutzten Pony bohrt verlegen in der Nase. Sie fühlt sich unbeobachtet. Jürgen kann den Blick nicht von ihr abwenden. Alle Ihre Bücher hab ich gelesen, wirklich, sagt der Abgeordnete gerade neben ihm. Die junge Frau spürt seinen Blick. Sie sieht zu ihm hinüber. Jürgen hebt den Bierbecher. Er zwinkert. Sie hebt ihren Mittelfinger und streckt ihn in seine Richtung. Dreht sich um und geht. Kannst Du vielleicht noch ein Bild mit meiner Tochter…? Jürgen schiebt ihn zur Seite. Unsanft, eilig, aufgeregt. Bierbecher, Fahrradhelme, lächelnde Menschen mit bunten Filzketten. Jürgen steuert an ihnen vorbei. Der selbst gestutzte Pony verschwindet im Fahrradmeer am Parkplatz vor dem Biergarten. Jürgen schlängelt sich durch die Rauchenden, die – ohnehin schuldbewusst – zurückweichen. Er sieht den Pony aufsitzen und davon radeln. Er greift nach einem Mountainbike. Schnittig. Silbern. Festgekettet. Er flucht. Probiert ein anderes Rad, dann noch eines. Rüttelt, reißt und zieht. Doch nichts zu machen. Abgesperrt. Da fällt sein Blick auf ihn. Den Jungen mit der Brille. Kontrahent, Rennbahn-Rivale, Erzfeind. Auf einem Fahrradständer lümmelnd, ihn aufmerksam beobachtend.

Nimm das vom Papa, sagt er plötzlich. Das ist schnell! Er deutet auf ein Rennrad. Rot lackiert mit Chrompedalen. Ohne Schloss und Riegel. Jürgen zögert kaum, springt auf, danke! Er tritt in Richtung Dämmerung. Dem Pony hinterher. Der Junge beißt in eine Sojabohne. Er wühlt in seinem Bio Knabbermix. Er fischt nach einem Cashewkern. Papaaa! Der Mann hat dein Rad gschtolen! Zufrieden kaut er vor sich hin.

Werther Hof Nord. Innenhof. Abend.
Zwei Säcke Schutt, ein Balken mit rostigen Nägeln. Das ist ihr Tor. Eine Glühbirne in einer losen Fassung direkt über der Hintertür: das Stadionlicht. Hier spielen sie. Dribbeln, passen, halten den Ball. Die Brüder Alkan.
Ekrem, 16, der Sonnenschein. Ein Paar große, warme Augen. Die immer zu lachen scheinen. Selbst wenn einer der Drei statt des Balls sein Schienbein trifft. Heast, Oida! Ein Schmerzensschrei. Gefolgt von einem breiten Grinsen. Passt schon! Weiter! Er kann nicht anders. Er will nicht einen Augenblick verlieren, das Hier und Jetzt genießen. Die Hinterhof-Luft zwischen den Mülltonnen. Der Taubenkot, der den Boden bedeckt und bei besonders waghalsigen Spielzügen durch die Luft fliegt. Ekrem riecht nichts Schlechtes, sieht nichts Schlechtes. Ist blind für das Grau, strahlt jede Sekunde. Und manchmal bleibt er stehen, einfach so. Mitten im Spiel. Ekrem, weiter! Und nimmt einen seiner 
Brüder in den Arm. Grundlos. Weil er soviel Freude teilen muss.

Sami, 13. Der Jüngste von ihnen. Der Größte, der Blasseste, der Traurigste. Den Blick weit in die Ferne gerichtet, selbst im Werther Hof Nord, zwischen all den Pinseln, den Gerätschaften die ohnehin den Horizont verstellen. Der an der Feuerwand des Hauses gegenüber sein jähes Ende findet. Die Brüder kneifen ihn in die Wange, berühren im Vorbeigehen sanft seine Schulter, klopfen ihm kurz auf den Rücken. Automatisch. Nicht um ihn zu necken, sondern um abwechselnd zu zeigen: wir sind da. Auch wenn du uns nicht siehst, dort wo du bist und wir nicht hin können, so kannst du uns wenigstens spüren. Uns nicht verlieren. Und viel wichtiger: wir dich auch nicht.

Aziz, 17. Der Zweitälteste. Der Talentierteste. Der Mittelpunkt im Spiel seiner Brüder. Um ihn dreht sich jedes Manöver, ihn spielen sie am härtesten an, an ihm vorbei zu kommen zählt wie zwei Tore. Aziz ist mittelgroß, schnell, drahtig. Hat er den Ball, sieht er nichts Anderes. Haltestelle, Schulhof, Supermarkt, Parkplatz. Morgens, Mittags, Abends. Aziz will ins Team, er muss ins Team. Das ist die Mission der Brüder. Was aussieht wie ein Spiel, ist ein Abkommen der drei anderen. Ein stummer Schwur. Aziz beizustehen. Selbst wenn er den Fernseher trifft. Die letzten Schnitten isst. Die Dusche blockiert. Er muss es schaffen.

Sinan, 23. Der Älteste. Der nie die Übersicht verliert. Der alle im Blick hat. Ekrem! Dein Schuhband! Aziz! Trink was! Sami! Träum nicht! Sinan entgeht nichts. Die Fünf in Mathe, du bist nicht deppert, lern! Die unbezahlte Handy-Rechnung, ich frag morgen den Chef wegen Vorschuss. Aber ich mach das nur einmal. Die ausgeborgten Playstation Spiele, bringst du morgen zurück! Sinan, der die drei anderen niemals aus den Augen lässt. Und sich dabei ständig selbst vergisst. Der Aziz den Ball überlässt. Auch wenn er selbst besser steht.

Ein Fenster öffnet sich über den Brüdern. Das Gesicht von Frau Rabe erscheint. Stark geschminkt, die Haare flachsblond, eine 70-jährige Porzellanpuppe. A Ruh is! Tschuschenfratzen! Die Stimme nicht schrill, nicht überschlagend. Sondern sanft. Tief. Die Worte bewusst platziert. Genüßlich. Herausfordernd trifft ihr scharfer Blick Sinans. Will Reibung, Reaktion. einen Beweis dafür dass sie noch da ist. Die Brüder Alkan kennen Frau Rabes Spiel. Sie ist ein Geist, ein böser Schatten, mehr nicht. Sie haben sie längst vergessen. Aziz nimmt den Ball, Ekrem nimmt Sami an der Hand. Sinan sammelt die Brüder ein, nickt ihnen zu, lotst sie ins Haus. Gemma! Über ihnen klirrt Glas. Frau Rabe hat die Fensterscheibe beim Zuschlagen zerbrochen.

#3 demnächst

 

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