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Die Steinergasse ist eine ruhige Nebengasse im Zweiten Bezirk. Drei Häuser stehen dort. Dicht nebeneinander, ohne Zwischenräume. Die Fassadenfarbe verblasst, vergessen von ihren Besitzern. Das mittlere Haus ist das höchste. Vier Stockwerke reichen die bröckeligen Mauern hinauf. Zwischen dem zweiten und dem dritten Stock, kaum lesbar, steht sein Name. Werther Hof. Die alten Trinker des Grätzels kennen das Haus nur unter diesem Namen. Der Werther Hof, pflegten sie beim Branntweiner am Markt ums Eck zu sagen,  is a Ratzenstadl. Den Branntweiner gibt es nicht mehr. Die Trinker sind tot oder trinken zu Hause, wo der Sliwowitz aus Györ am Rollator steht. Am Markt gibt es Coffee to go und ein Feinkostgeschäft mit Käse ab Hof.  3 Euro 50 pro 100 Gramm. Für den Billigsten. Der Werther Hof hat den Besitzer gewechselt. Die Nachbarhäuser hatten Glück. Sie sind von selbst verfallen. Eines Morgens kleben gelbe Zettel am schwarzen Brett. Information an die Altmieter. Generalsanierung. Ein Bagger fährt vor und Absperrungen werden aufgestellt und innerhalb einer Woche ist der Werther Hof eingerüstet. Von oben bis unten. Die Arbeiter befestigen eine Plane am Gerüst. Ganz oben wird sie festgetackert und langsam entrollt. Bis sie zum untersten Stockwerk reicht. New Living – Charme Appartements steht darauf. Immobilien Schenz. 

Herr Schenz ist ein unauffälliger Mann mit ehrgeizigem, raumgreifendem Schritt und einem Lächeln, bei dem sich die Lippen nicht voneinander lösen. Herr Schenz möchte den Werther Hof verändern. Eigentum statt Miete. Wohlhabende Mittelschicht statt Altmieter und neues Prekariat. Herr Schenz macht den Bewohnern ein großzügiges Angebot, das sie gerne ablehnen können. Aber dann, gibt Herr Schenz zu bedenken und seine Lippen kleben aneinander, wird es Woche für Woche weniger. Und der Baulärm nimmt zu. Die Plane lässt kaum Sonnenlicht durch. Das Stemmen beginnt morgens um Sieben. Und nichts ist mehr in Ordnung. Also nehmen sie an. Einer nach dem anderen packt die Bananenkisten mit den Winterpullovern in den geborgten Kleinbus. Bevor es November wird. Und wirklich kalt im Werther Hof.

Nach wenigen Monaten leben im alten Werther Hof nur noch drei Parteien. Helene und Jürgen. Der Liebe wegen. Frau Rabe. Aus Trotz. Und die Familie Alkan. Der Hoffnung wegen. Schutt stapelt sich auf den Gängen und im Innenhof. Kabel stehen aus den Wänden, Leitungen sind freigelegt. Das Innerste des alten Hauses wird nach außen gekehrt. Löcher klaffen in der Fassade. Wunden einer Operation am offenen Herzen. Helene schließt die Augen als sie vorüber geht. Sie kann kein Blut sehen.

Helene kommt zu spät zur Arbeit. Sie eilt durch den Hintereingang einer Jugendstil-Villa, nimmt zwei Treppen auf einmal, stolpert beinahe über eine Kollegin, die eine Rauchpause macht. Helene betritt die Küche. Sie wirft ihren Trenchcoat ins Eck. Sie zieht eine schwarze Schürze über. Moritz Catering. Sie versteckt ihr langes Haar unter einem Haarnetz. Nyah küßt sie zur Begrüßung. Ihre Lippen sind warm. Helene umarmt sie. Sie friert. Nyah ist eine Freundin. Bei Moritz gibt es keine Freunde. Die Schnellsten werden wiederbeschäftigt, die anderen müssen gehen. Die Kellner bringen silberne Tabletts in die Küche und holen neue. Sie tragen schwarze Anzüge und holen niemals Luft. Sie sprechen nicht. Sie werfen sich gegenseitig die Schwingtüren ins Gesicht. Helene, Nyah und die anderen Frauen in der Küche räumen die Tabletts leer. Angebissene Kaviarbrötchen, schwitzender Lachs, einsame Zwiebelringe ohne Unterlage. Helene pickt die unversehrten Schinkenbrote von den Tabletts. Sie kratzt die obersten Schicht beim Eieraufstrich ab. Sie sammelt die Heringsbrote ein, die niemand haben wollte. Sie schlichtet alles abwechselnd in zwei Schachteln. Eine für Nyah. Eine für sich.

Die Kollegin warnt sie. Moritz ist ein netter Chef. Moritz ist Tierpate und Altruist. Moritz mag Charity Events. Aber keine hungrigen Angestellten. Doch Helene sorgt sich nicht. Sie ist schnell. Sehr schnell. Die Schnellste in der Küche. Die Kollegin ist es nicht. Ganz langsam schiebt sie die Schüssel mit dem Mousse au Chocolat an den Tischrand. Nur ihre Fingerkuppe berührt das Kristall. Sie atmet tief ein. Dann landet die Schüssel am Fliesenboden. Zerbricht in tausend Stücke. Die Stimmung im Saal. Moritz‘ Erfolg. Helenes Versteck für die Brötchen.

Ein Misserfolg fordert eine Schuldige. So will es Moritz. Die schwarzen Anzüge der Kellner, die Schürzen der Küchenhilfen, der elegante Schriftzug. Die Bioqualität der Aufstriche. Moritz hat niemals Misserfolge. Nyah arbeitet ohne Haarnetz und ohne Papiere. Seine Wahl fällt auf sie. Für Helene ist sie ungültig. Sie nimmt sie nicht an. Sie stellt sich vor Nyah. Sie braucht zwei Schachteln für zwei Esser. Jürgen ist auch noch da. Sie weckt Moritz‘ Erinnerung. Ein Feierabend im letzten Sommer. Drinks, Dienstschluss, Jürgens Ankunft. Zwei Köpfe größer als Moritz. Offenes Hemd, lässig, Scheitern als Programm. Aber es steht ihm. Macht ihn unwiderstehlich. Moritz verzieht den Mund. Alte Demütigungen vergisst man nicht. Er wirft sie hinaus.

Helene reißt sich ihr Haarnetz vom Kopf. Sie küsst Nyah zum Abschied. Sie erhascht einen Blick auf die Torte. Ein zweistöckiges Meisterwerk. Schokolade. Orange. Mandelkrokant. Helene greift nach ihr. Ignoriert den Protest und das Entsetzen der anderen. Sie stellt die Torte auf die Schachteln mit den Brötchen und geht durch das Vorderhaus hinaus. Sie wundert sich über die Anzahl der Treppen. Die Gäste wundern sich über sie. Helene schreitet durch den Garten. Sie weiß nicht, was nun werden soll. Wie die restliche Miete zahlen. Was Jürgen sagen. Sie hält den Kopf hoch erhoben während sie den Garten verlässt. Sie sieht nicht nach links, nicht nach rechts. Sie blickt nur auf die Torte direkt vor ihrer Nase. Sie macht einen Umweg. Sie bemerkt es nicht. Wenn man den Weg nicht kennt, sagt Alice hinter den Spiegeln, ist es egal wie lang man braucht.

#2 demnächst 

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