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Arbeitslos. Selbstständig. Schreibend. E-Mails ins Nichts.

Wenn Sylvie auf Senden klickt, hat sie ein gutes Gefühl. Sechs Wochen sind vergangen seit ihrer Kündigung. Drei Termine beim Berater vom Arbeitsmarktservice. Zwei Bewerbungen pro Woche muss sie nachweisen für das Arbeitslosengeld. Anfangs schreibt sie sechs. Letzte Woche waren es 14. Dreimal hat sie das Lay-Out ihres Lebenslaufs geändert. Ein neues Foto, eine andere Schrift. Textblock zentrieren, Textblock linksbündig. Times New Roman. Arial. Helvetica. In der ersten Woche schläft sie sich morgens aus. Kein Wecker um halb sieben. Stattdessen bleibt sie bis acht Uhr im Bett. Surft im Netz. Frühstückt ausgiebig. Kauft sich sogar eine Tageszeitung. Um neun Uhr setzt sie sich vor den Computer. Sie geht alle Job-Plattformen durch. Und sie beginnt zu schreiben. Sie nimmt sich viel Zeit für Motivationsschreiben. Dafür zu zeigen, dass es ihr ernst ist. Dass sie engagiert ist. Dass sie sich einsetzen kann und will. In der zweiten Woche steht sie wieder um halb sieben auf. In der dritten braucht sie keinen Wecker mehr dafür. Mittlerweile läuft ihr erster Kaffee kurz vor sechs Uhr durch den Filter. Wenn sie aufwacht, checkt sie sofort ihre E-Mails. Sie weiß, dass es noch zu früh ist. Aber manche arbeiten spät. Sie selbst hat oft um zwei Uhr nachts Mails beantwortet. Und wer weiß. Vielleicht ist da draußen jemand, der so ist wie sie. Sylvie will nicht bloß herumsitzen und warten. Sie will etwas tun. Vor allem will sie eine Antwort.

Wenn Sylvie ihr Postfach öffnet, hat sie ein schlechtes Gefühl. Spam. Ein, zwei Newsletter von Online-Magazinen. Benachrichtigungen der abonnierten Job-Plattformen. Manchmal ein Mail von ihrer Mutter. Sylvie ist hibbelig und nervös. Bei Treffen ist sie ständig abgelenkt. Sie sagt, dass sie das Warten verrückt macht. Sie überlegt, was sie falsch macht. Sie weiß, dass sie gar nichts machen kann. 27 Bewerbungen. Zwei Absagen, drei Standardmails mit der Bitte um Geduld, zwei Einladungen zu einem Vorstellungsgespräch. Eines davon ist gut gelaufen. Sylvie ist optimistisch.

Pit ist selbstständig. Er hat zehn Jahre am Land gelebt und gearbeitet. Sein Portfolio ist online. Drei, vier Klicks, ein halbes Leben auf einen Blick. Pits Arbeit ist gut. Sie hat ihn überleben lassen. Nicht problemlos. Aber es funktionierte. Budget- und Motivationslöcher, Pit hat sie einfach weggesteckt. I’ve got a hole in my pocket, sagt Ringo Starr am Schluß von Yellow Submarine. Und zieht ein Loch heraus. Pit hat Ähnlichkeiten mit Ringo Starr. Er trägt gerne bunte Ringe. Pit ist schnell. Wenn er tippt, klirren die Steine seiner Ringe gegeneinander. Pit zieht nach Wien. Er hat Sehnsucht nach der Ebene. Die Berge versperren Dir die Sicht, sagt er. Zehn Jahre hat er sich gefragt, was dahinter ist. Pit arbeitet in einer digitalaffinen Branche. Er schreibt an Agenturen und Verlage. Er bietet sich an. Kurz und bündig. Die Links zu seinen Arbeiten sprechen für sich. Er bekommt eine Absage. Ein Mail mit Standardtext. Danke für Ihr Angebot. Sonst nichts.

Ein Bekannter nimmt ihn mit. Branchentreffen beim Heurigen. Er trinkt ein paar Achterln. Zehn Jahre Landhochzeiten, Taufen, Osterfeuer. Sie haben sich gelohnt. Ein Agenturchef sitzt neben ihm. Er schenkt sich zweimal nach. Pit ist ihm sympathisch. Pit hat ihm vor Wochen geschrieben. Der Agenturchef lallt und lacht. Die info@ Adresse, das ist ein bissl unser Spam-Ordner. Er gibt ihm seine Karte. Pit schreibt ihm gleich am nächsten Morgen. Das war letzte Woche. Im Posteingang sammeln sich Gewinnspiele, Versicherungsangebote und Werbemails von Amazon. Wenn Ihnen dieser Titel gefallen hat, könnte Sie auch jener interessieren. Der Agenturchef hat nicht zurückgeschrieben. Pit sitzt im Arbeitszimmer seiner neuen Wohnung.  1. Liftstock, Mezzanin, Ruhelage. Er blickt in den Innenhof hinaus. Er blickt auf schlecht verputzte weißgraue Wände, die in die Höhe ragen. Er fragt sich, was dahinter ist.

Lena hat ihr Manuskript fertig. Die ersten 30 Seiten hat sie in eine Pdf Datei umgewandelt. Dazu ein kurzes Exposé geschrieben. Sie hält sich an die Richtlinien der Literaturverlage. Lena schreibt. Tagsüber Texte über Autozubehör, Mobiltelefone, Steuerberatersoftware. Abends und am Wochenende schreibt sie an ihrem Roman. Der Text ist zeitgemäß, aber nicht zeitgenössisch. Ihren Freundinnen gefällt er. Lena hat schon Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Sie hat es auch bei Tageszeitungen versucht. Alle angeschrieben. Nur eine hat geantworet. Spannend, aber wieviel Zeichen hat der Text? Lena hat sich gefreut. Die Zeichenanzahl im Word überprüft und dann in ihr Antwortmail kopiert. 4093. Danach reißt die Korrespondenz ab.

Lena muss nicht schreiben. Sie hat einen guten Job. Etwas mit Marketing. Aber sie will nicht aufgeben. Sie hat geschrieben so lange sie denken kann. Im November wird sie 31. Sie will noch nicht mit etwas aufgehört haben. Also schickt sie ihr Pdf Dokument an die Mailadressen der Literaturverlage. An jene, die dies auf ihren Websites anbieten. Und das sind viele. Sie macht sich eine Excel-Liste mit allen Adressaten. 18 Namen. Daneben jeweils ein quadratisches Kästchen. Um abzuhaken, wer sich zurückgemeldet hat. Lena mag Kästchen. Das Expedit-Regal von Ikea, Rittersport Schokolade, das Schachbrett ihres Vaters. Vier Wochen vergehen. Zwei Haken sind auf der Liste. Ein Kleinverlag hat zurückgeschrieben. Die Mail kommt nach zwei Wochen. Eine Absage. Kurz, aber persönlich. Sie haben das Manuskript zumindest angelesen. Zwei Wochen später schickt ein deutscher Verlag einen Brief. Aus Papier. Eine Bestätigung, dass das Manuskript eingegangen ist. Lena will weiter warten. Sie malt sich die unterschiedlichsten Szenarien aus. Gründe für das Schweigen der übrigen 16 Verlage. Unfälle. Computerabstürze. Familiäre Krisen. Lena hat viel Phantasie. Sie möchte ihr Manuskript vielleicht ein wenig umschreiben. Einen anderen Anfang. Einen neuen Namen für die Hauptfigur. Eine explizite Sexszene. Sie kommt nur momentan nicht dazu. Sie muss abends so viele Mails beantworten, die vom Tag übrig geblieben sind.

 

 

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