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Pflegen, Heime, Gehen lassen. 

Der Linoleumboden ist feucht und quietscht bei jedem Schritt. Im Speisesaal hat sich jemand übergeben. Das passiert, sagt die Pflegerin. Sie ist nicht mehr dazu gekommen den Boden trocken zu wischen. Sie möchte nach Hause zu ihren zwei Kindern. Der letzte Bus fährt in zehn Minuten. Um diese Zeit geht ohnehin niemand hier durch. Die Bewohner sind versorgt. Besucher kommen unter der Woche kaum.

Am Weg zu seinem Zimmer sind die Wände voll mit Bastelarbeiten. Papierblumen aus buntem Karton. Die Blüten aus Seidenpapier. In der Mitte jeder Blume das Foto eines Bewohners. Auf den Zimmertüren kleben bunte Namensschilder. Und Tiere aus Pappe mit großen Kulleraugen. Ein Kindergarten, in dem es nach Kampfer riecht und Lavendel. Und manchmal nach Urin.

Im Zimmer ist es dunkel. Das Licht am Nachttisch brennt nur schwach. Ein Tisch, ein Bett, eine Kommode. Ein Rollstuhl. Schon länger unbenützt. Er liegt. Wie immer. Die Augen geschlossen. Vielleicht schläft er, vielleicht ruht er sich aus. Er atmet. Der Brustkorb hebt und senkt sich regelmäßig. Er hustet nicht. Zwei Wochen Lungenentzündung, Krankenhaus, das dritte Mal in diesem Jahr. Sonnenlicht würde ihm gut tun, sagt der Lungenarzt. Also schiebt ihn die Mutter jeden Tag auf die Terrasse. Es war ein kalter Sommer.

Der Rückfall kommt schneller als gedacht. 39,4 Grad Fieber am Morgen. Schnappatmung, Bewusstseinsstörung. Er hat vielleicht noch ein, zwei Tage, sagen die Ärzte. Das werden wir ja sehen, sagt die Mutter. Sie bleibt Tag und Nacht bei ihm. Sie stützt seinen Rücken, wenn er hustet. Sie redet ihm gut zu. Sie denkt nicht dran ihn zu begraben. Nicht jetzt. Sie hasst Begräbnisse im Sommer. Im Sommer ist es heiß und stickig in der Aufbahrungshalle. Im Sommer brennt die Sonne auf den Sarg. Im Sommer stirbt man nicht. Die Mutter ist eine Pragmatikerin. Sie hasst Sentimentalitäten. Sie hat ihr Leben lang gepflegt. Die Urgroßmutter, die Tante, den Großvater, die Taufpatin, den Taufpaten. Fünf Menschen hat sie beim Gehen begleitet. Hände gehalten, vorgelesen, geschwiegen und gewartet. Sie wartet auch jetzt. Sie kommt früh, sie geht spätabends. Sie küsst ihn auf die Stirn zum Abschied. Und falls er gehen muss, wünscht sie ihm eine gute Reise. Sie nimmt den Lift zur Parkgarage. Und fährt nach Hause.

Wie schläft man, wenn man nicht weiß ob der, den man liebt die Nacht überleben wird? Kurz, sagt sie. Sie steckt das Handy an. Sie legt es auf das Bett neben sich. Sie dreht den Klingelton auf 10. Daneben kommt das Festnetztelefon, der Autoschlüssel, ein Pullover, zwei Paar Socken. In der Nacht friert sie leicht, wenn sie raus muss. Sie braucht die Socken nicht. Nicht diesmal. Das Fieber sinkt. Er hat es geschafft. Noch einmal. Zäh ist er, sagt sie. Und Stolz leuchtet aus ihren müden Augen.

Zurück im Heim ist er apathisch. Erkennt uns nicht. Schläft meistens. Isst kaum. So geht das Tage, Wochen. So geht es vielen in den Zimmern mit den Papptieren an der Tür. Auf der Terrasse raucht die Tochter seiner Zimmernachbarin. Marlboro 100. Immer zwei am Stück. Sie kommt fast täglich. Sie hält es nicht mehr aus. Zwei Schlaganfälle hatte die Mutter. Halbseitig gelähmt. Sie spricht nicht. Weiß nicht, wer sie ist. Wenn sie sie füttert, rinnt ihr die Hälfte wieder aus dem Mund. Was ist das für ein Leben, seufzt sie. Sie ist erschöpft und müde. Für die Verwandten ist es viel schlimmer als für die Bewohner selbst, erklärt die Pflegerin. Sie hat den Bus versäumt und raucht noch eine mit. Sie kennt die Angst der Angehörigen. Nicht mehr zu wissen, wer man ist. Die Ausscheidungen nicht steuern können. In Windeln schlafen. Mit Löffeln Brei essen. Keine Kontrolle mehr zu haben. Kaum einer hält das aus. Die Abstände zwischen den Besuchen werden länger. Zu Weihnachten waren sie zu dritt. Drei Verwandte, 27 Heimbewohner. Was kann man schon kontrollieren? fragt sie. Nicht mal den Busfahrplan. Pünktlich war sie an der Haltestelle. Trotzdem ist er davongefahren.

Viel später an seinem Bett. Die Nachbarstochter hat ausgeraucht. Die Pflegerin ist abgeholt. Seine Hand ist kühl. Er schläft unruhig. Er wacht auf. Er trinkt einen Schluck aus der Schnabeltasse. Er sieht mich an. Er erkennt mich. Rhababera, sagt er. Dann nickt er wieder ein und dämmert weiter vor sich hin. In die Nacht hinein, aus der er so selten erwacht.

Am Weg nach Hause ist es kalt. Das Heim liegt nicht weit von unserem Haus entfernt. Am Acker davor stehen jetzt Wohnblöcke. Reihenhäuser. Single Appartements. Gerade noch standen hier Felder, auf denen wir im Sommer Mais gestohlen haben. Dass ein Moment so kurz sein kann. Und ein Atemzug so lang. Rhababera. Niemand wird mich mehr so nennen, wenn er nicht mehr ist.

 

3 thoughts on “Herbstzeit, Zwischenzeit

  1. Huie, hat mich kalt erwischt, nichts ahnen bin ich hinein gestolpert, in diesen Text. Er lässt mich nicht mehr derselbe sein, verrückte mich, ein kleines Stück nur, doch merklich neben mir die Spur.

    • Das tut mir sehr leid für Sie! Das mit der Ohnmacht kenne ich, kennen wir alle in der Familie. Man tut das, zu dem man in der Lage ist. Alles andere muss man irgendwie loslassen. Das gelingt manchmal besser, manchmal schlechter. Alles Gute für Ihren Mann! Und alles Gute für Sie! Achten Sie auf sich! LG! BK

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