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Vom Ende einer Freundschaft

In: Woman VIVA Nr.1., 3.4.2014 

Zu Beginn unserer Freundschaft sitzen Lisa und ich auf einem fünf Meter hohen Scheunendach. Zwei sechsjährige Mädchen bewaffnet mit einem Regenschirm. Wild entschlossen es ihrer Heldin nachzumachen, deren Geschichte ihnen ein unvorsichtiger großer Bruder am Vortag vorgelesen hat. Madita, so der Name der Heldin, ist darin mit einem aufgespannten Regenschirm vom Dach gesprungen. Die ganze Nacht spukt ihr Abenteuer durch unsere Träume. Und am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück kann uns nichts mehr aufhalten. Wir schleichen auf den Dachboden des Gästehauses, klettern von dort auf das Scheunendach. Lisa voraus, ich hinterher. Und da sitzen wir nun. Unter uns der Bauer und seine Frau, Lisas Eltern, bei denen meine Familie Sommer wie Winter die Ferien verbringt. Daneben meine Mutter, die sich die Hand vor ihre Augen hält. Und mein Vater, der mich gespannt beobachtet. So als würde er sich denken, mal sehen wie viel von mir in meiner Tochter steckt. Brückengeländer, Äste, Lüftungsrohre. Mein Vater lässt sie selten aus. Je höher sie liegen, umso besser. Er kraxelt überall hinauf.

Alle außer ihm geben uns hektische Kommandos. Bewegt euch nicht! Bleibt ganz ruhig! Lisas Mutter bekreuzigt sich. Haltet euch fest! Lisa und ich nehmen uns an der Hand und lächeln aufgeregt. Wir sollten uns die nächsten 30 Jahre nicht mehr loslassen.

Während der Schulzeit schreiben wir uns Briefe. Lisas sind in bunte Kuverts gepackt, die sie aus den Romantic Postern einer Mädchenzeitschrift bastelt. Auf den Bildern halten sich schöne Paare mit halbnackten Oberkörpern eng umschlungen und küssen sich. Ich beneide Lisa. Ich darf keine Mädchenzeitschriften kaufen. Aus Briefen werden SMS und aus SMS Mails. Nach der Schule geh ich zum Studieren nach Wien. Lisa zieht von ihrem Heimatort in meinen nach Klagenfurt. In ihren Mails wird aus dem verschlafenen Nest ein schillernder Ort, in den ich am liebsten sofort wieder zurückkehren würde. Sie arbeitet in einer Bar als Kellnerin und freundet sich dort mit Malern und Schauspielern an. Sie bezwingt mit Motorradfahrern steile Höhenstrassen und feiert wilde Partys auf verlassenen Seegrundstücken. Nachts in der Studentenheimküche lese ich Lisas Mails statt für meine Prüfungen zu lernen. Bei jeder Zeile muss ich lachen. Ich schmunzle noch immer als ich mich am nächsten Tag in der neuen Stadt verirre und deshalb zu spät zur Prüfung komme. Was sind schon gute Noten im Vergleich zu ihren Abenteuern.

In den Ferien verbringen wir jede freie Minute zusammen. Im Sommer tanzen wir auf den Tischen eines chicen Nachtclubs bis sie uns vor die Tür werfen. Im Winter rodeln wir über die Hügel eines Privatgrundstücks bis uns der Eigentümer verjagt. Wir feiern gemeinsam unseren 25.Geburtstag, dann den 30sten, letztes Jahr den 35er. Auf Beziehungen folgen Trennungen, auf Jobs Kündigungen, doch zwischen uns ändert sich nichts. Wenn Lisa und ich zusammen sind, sitzen wir noch immer gemeinsam auf dem fünf Meter hohen Scheunendach und die ganze Welt liegt uns zu Füßen.

Bis mich eines Nachts ein Anruf meiner Mutter aus dem Schlaf reißt. Komm schnell nach Hause. Der Papa ist gefallen. Intensivstation. Sie wissen nicht, ob er überlebt. Im Auto rufe ich Lisa an. Sie hebt nicht ab. Ich schreibe ein SMS. Schädelbasisbruch, Gehirnblutung, ins Koma gefallen. Noch während ich das letzte Wort tippe sehe ich ihn vor mir. Wie er damals auf das Geländer der Staumauer geklettert ist. Zehn Zentimeter breit, links davon geht es 200 Meter hinunter. Meine Mutter schreit. Wir Kinder beobachten ihn begeistert. Alles eine Frage der Beherrschung, sagt er. Setzt einen Fuß vor den anderen, lächelt dabei. Er ist glücklich. Wie kann er über ein paar Holzstiegen fallen, die er seit Jahrzehnten kennt? Meine Mutter wartet im Krankenhaus. Es wird Morgen, meine Geschwister trudeln ein. Zustand unverändert. Keine Entwarnung. Der Arzt rät uns nach Hause zu fahren. Die Nachbarn bringen Essen vorbei. Am Vormittag ruft Lisas Mutter an. Sie weiß Bescheid und verspricht für Papa zu beten. Seltsam, denk ich mir. Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Lisa hat sich nicht gemeldet.

Nach zwei weiteren durchwachten Nächten und Tagen ist mein Vater stabil und erstmals außer Lebensgefahr. Lisas Mutter meldet sich täglich. Als sie erfährt, dass mein Vater den Unfall überleben wird, bekomm ich endlich eine Nachricht von Lisa. Bin so froh, dass alles gut ist, denk an Dich! Ich fahre nach Wien zurück. Ein paar Tage später komme ich wieder. Die Diagnose steht fest. Schweres Schädel-Hirn-Trauma. Mein Vater weiß nicht wo er ist noch wer er ist. Er kann nicht sprechen, nicht gehen, er erkennt uns nicht. Krankenhaus, Reha, Pflegeheim. Überforderte Angehörige treffen auf überfordertes Personal. Ich erlebe viel Aufmunterung und Unterstützung. Von Kolleginnen, die ich bis dahin kaum kannte. Von einem Chef, den ich vorher nicht mochte. Von Freunden, die helfen wollen. Sie alle bilden ein engmaschiges Netz, in das ich mich fallen lassen kann. Nur Lisa ist nicht unter ihnen. Wir haben kaum Kontakt.

Das Pendeln wird für mich zum Dauerzustand. Familientreffen, Verwandtenbesuche, nur Lisa sehe ich nie. Erreiche ich sie endlich mal am Telefon, verspricht sie mir mit ins Heim zu kommen. Ich warte eine Viertelstunde, 20 Minuten. Dann geh ich hinauf ins Zimmer meines Vaters. Füttern, anziehen, im Rollstuhl spazieren fahren, vorlesen, einfach nur stumm seine Hand halten. Lisa kommt nicht. Alle drei bis vier Wochen bin ich mittlerweile in Kärnten. Aber zu einem Treffen mit Lisa kommt es erst nach Monaten. Wir sitzen in einem Kaffeehaus umgeben von lauter Teenagern. Sie ist hektisch und wirft ein Wasserglas um. Ich versuche ihr zu erklären, wie es in mir aussieht. Erzähle von den Kranken und Alten, die ich mittlerweile so gut kenne. Jedes Mal wenn das Wort Tod fällt, wird sie nervös. Es ist wie ein Spiel aus unseren Kindertagen. Jede zwickt die andere in den Arm. Aber solange man nicht Aua sagt, tut es nicht weh.

Im Herbst gehe ich nach einem Besuch bei meinem Vater am Seeufer entlang. Es ist ein lauer Abend, trotzdem ist mir kalt. Ich komme an der Strandbar vorbei, in der Lisa seit ein paar Jahren arbeitet. Mir tut unsere Entfremdung weh. Vor allem weil ich sie nicht verstehe. Die Terrasse des Lokals sieht einladend aus. Überall brennen Kerzen, in den Bäumen hängen bunte Lichterketten. In der Mitte ist ein kleiner Pool in den Boden eingelassen, an dem die Gäste sitzen und ihre Beine ins Wasser baumeln lassen. Ohne nachzudenken geh ich auf die Bar zu, an der Lisa steht und ausschenkt. Sie ist überrascht mich zu sehen, aber herzlich wie immer. Sie setzt mich gleich neben Klaus, einen ihrer Freunde, an den Pool. Ein Verrückter, lacht sie. Ich hab aber kein Interesse an Klaus. Meine Welt wurde im letzten Jahr genug ver-rückt. Nichts ist mehr an seinem Platz. Ich möchte mit Lisa sprechen. Sie weicht mir ständig aus. Sie hat keine Zeit und überhaupt, sagt sie, du willst nur wieder über so traurige Geschichten reden. Das sind keine Geschichten, sag ich. Und plötzlich muss ich an Madita auf dem Dach denken und an zwei kleine Mädchen, deren Eltern sie davor bewahrt haben die Romanabenteuer im wirklichen Leben nachzuspielen. Das ist mein echtes Leben. Lisa seufzt. Du kannst mich immer anrufen, wenn du einmal wieder Spaß haben willst. Ich nicke. Im Hintergrund ist lautes Kreischen zu hören. Ein paar junge Frauen sind in den Pool gesprungen. Ein übermütiger Gast macht es ihnen nach. Klaus kommt auf uns zugelaufen und nimmt Lisa um die Taille. Komm! Sie kichert, sieht mich fragend an. Aber da hat er sie schon gepackt und ist mit ihr ins Wasser gesprungen. Ich beobachte noch wie ihr buntes Kleid unter der Wasseroberfläche verschwindet. Dann gehe ich. Als sie auftaucht, bin ich schon fort.

 

 

4 thoughts on “Absprung

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