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Über nächtliche Übergriffe, einen Schlüsselbund und sichere Orte 

Wrap me up tight inside your wing
Is it safe now, is it safe to breathe?

Burn, Don’t Freeze/ Sleater Kinney

 

Es war im Herbst 1996, im sechsten Bezirk in Wien, an der Kreuzung Gumpendorferstraße/Kaunitzgasse als ich mich entschied, das Geld für ein Taxi zu sparen und zu Fuß nach Hause zu gehen. Es war in einer lauen Herbstnacht an einem Samstag, zwischen 3 und 4 Uhr früh. Heute ist die Gegend ein hippes Wohnviertel mit Lokalen und Clubs, in denen um diese Uhrzeit noch das Nachtleben pulsiert. Erst recht am Wochenende. Damals waren die Straßen fast menschenleer. In der Kaunitzgasse war es still, nur hinter wenigen Fenstern brannte noch Licht. Deshalb hörte ich die Schritte hinter mir sofort. Die Gasse ist leicht abschüssig. Beim bergab gehen kamen die Schritte immer näher. An einer Hausecke drehte ich mich um. Dicht hinter mir ging ein junger Mann, ein paar Jahre älter als ich. Sofort blieb er auch stehen. Er grinste mich an.

Sein Blick war unruhig, er konnte kaum fokussieren. Ich fragte ihn, ob er mir nachgehen würde. Ich kann mich an den genauen Wortlaut nicht mehr erinnern, aber er wollte noch etwas mit mir trinken gehen. Wir zwei, mitten in der Nacht, usw. Ich lehnte ab. Nein Du, ich geh heim, ciao. Gerade als ich mich umdrehte, trat er einen Schritt auf mich zu und packte mich an der Schulter. Ich trug damals den Schlüssel fürs Studentenheim immer in der rechten Tasche meiner Lederjacke. Oft spielte ich damit, wenn ich unterwegs war. Es gab mir ein sicheres Gefühl in der neuen, anfangs viel zu großen Stadt einen fühlbaren Beweis für ein Zuhause zu haben. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich gesagt habe. Aber ich weiß, dass es sehr laut war. Ich hab den jungen Mann angebrüllt. Dann zog ich meinen Schlüssel aus der Tasche und fuchtelte damit wild vor seiner Nase herum. Ich hab ihm mehrere Gewalttaten angedroht. All die Chuck Norris Sessions mit meinem großen Bruder hatten wohl meine Fantasie beflügelt. Er rannte jedenfalls davon.

Ich kann mich noch an mein Zittern danach erinnern. Nicht vor Angst. Sondern vor Wut. Es war eigentlich ein entspannter, schöner Abend mit neuen Freunden gewesen. Die Stadt roch noch nach Sommer. Ich hatte mich schon ein wenig eingelebt. Einen guten Platz auf der Universitätsbibliothek gefunden, auf den nachmittags die Sonne schien. Ich hatte Mitbewohnerinnen, denen ich mich nahe fühlte. Ich spürte, wie ich allen Ängsten zum Trotz langsam Wurzeln schlug. Dass ich es schon schaffen würde, dass alles gut werden würde. Und nun tauchte aus dem Nichts in einer Seitengasse dieser – meiner! – Stadt dieser Mensch auf und zerstörte mein Hochgefühl. Griff mich an. Einfach so, weil ihm danach war. Ich spürte so eine Mordswut – im wahrsten Sinne des Wortes – wie die nächsten Jahre, Jahrzehnte nicht mehr.

Aber ich hatte noch Glück. Eine Freundin von mir nicht. Es war ein paar Jahre später während der Klagenfurter Herbstmesse. Ich kam zu Besuch, um Kindheitserinnerungen aufzufrischen und das zu feiern, was uns noch immer verband. Der Vergnügungspark war bunt und laut und unsere Absprachen wegen des Heimfahrens wurden von unseren übermütigen Schreien auf dem Tagada übertönt. M. blieb allein zurück. Wenige Meter vom Messegelände entfernt in der Bahnhofstraße erwischte er sie. Er drängte sie in einen Hauseingang, riss ihr das T-Shirt nach oben, zwängte ihr sein Knie zwischen die Beine und nur dem Scheinwerferlicht eines parkenden Autos hatte sie es zu verdanken, dass ihr nicht mehr passierte. Dass er von ihr abließ und flüchtete.

Nach dem ersten Schock wollte M. Anzeige erstatten. Aber ihre Eltern waren dagegen. Ich kannte sie ewig und fühlte mich immer sehr wohl in ihrem Haus. Es war warm und freundlich und es roch immer nach frischem Kuchen. Bei mir zu Hause gab es meist nur Vollkornkeks. M.’s Eltern waren gutbürgerlich, wohlerzogen, Vorbilder in der Nachbarschaftspflege. Ihre Mutter wusste die Geburtstage aller Bewohner der Reihenhaussiedlung auswendig. Ihr Vater war patent und hilfsbereit, wenn es um bockige Autokühler ging oder darum, Gartenmauern zu befestigen. Mit einem gewalttätigen sexuellen Übergriff auf seine jüngste Tochter konnte er nicht umgehen. Anstatt sie zu unterstützen, schob er den Vorfall auf ihre Kleidung. Auf ihr Make-Up, warum musste sie auch Lippenstift tragen mit Anfang 20?! Ich saß daneben als er diese Frage in den Raum warf, um kurz darauf im Garten zu verschwinden. Die Blumen mussten umgetopft werden. Die Mutter hatte zwar Mitleid mit M., Mitgefühl konnte sie trotzdem nicht zeigen. Schau, es is ja nix passiert, pflegte sie zu sagen in ihrem harmonischen Sing-Sang, der immer alles ausgleichen wollte und keine Abgründe ertrug. Nur nicht vor den Verwandten darüber reden, was könnten die sich sonst denken?! Zum Apfelkuchen mit selbstgemachten Streusel passten keine Vergewaltigungsversuche. Auch in der Arbeit machte M. schlechte Erfahrungen. Ihr Chef gab ihr ein paar Tage frei und murmelte sein Bedauern in seine Kaffeetasse. Der Vorfall sprach sich herum. Und M. hatte bald das Stigma des „Opfers“. Einmal hörte sie auf der Firmentoilette zwei Kolleginnen über sie tuscheln. Eine meinte, sie sollte sich nicht so wichtig machen mit dieser Fast-Vergewaltigungsgeschichte. So fesch wäre sie nun auch wieder nicht.

M. ist heute eine toughe Frau. Ich schreibe ihr eine SMS, frag sie ob ich ihre Geschichte erzählen darf. Klar, schreibt sie zurück. Wir telefonieren dann doch. Sie hat schon lange nicht mehr über den Übergriff gesprochen. Die Mama, erzählt sie dann und ihr Ton ist nachsichtig liebevoll, kann noch immer nicht drüber mit mir reden. Ihr Vater ist vor ein paar Jahren gestorben. M. hat mittlerweile selbst zwei Töchter. Sie möchte ihnen vor allem vermitteln, dass sie ihre Verbündete ist. Ihre Freundin. Auch angesichts ihrer eigenen Geschichte. Sie möchte die Fehler ihrer Mutter nicht wiederholen. Das Schlimmste damals, sagt sie noch, seien nicht nur die „pickigen Hände“ des  Täters gewesen. Sondern das Gefühl danach. Die Monate, die folgten. Mit all den obskuren Vorwürfen und Verdächtigungen.

Mich hat die Geschichte von M. nie losgelassen. „Selbst schuld, welche anständige Frau geht denn um die Uhrzeit allein durch die Gegend?“ „Bitte sag den Verwandten nix!“ „Sie soll sich nicht so wichtig machen, so fesch ist sie auch wieder nicht.“ „Jetzt spielts wieder das Opfer.“ Diese Sätze haben mehrfach Einzug gefunden in etliche meiner Drehbücher und Texte. Sie werden von Figuren gesagt, die sich an Regeln klammern, weil sie glauben, dass bei ihrer Einhaltung Verletzungen und Gewalt verhindert werden können. Die Opfer verurteilen und sich mit den Tätern solidarisieren, weil sie Angst davor haben, dass die eigene innere Sicherheit brüchig werden könnte. Die lieber ein Stück selbstgebackenen Apfelstreuselkuchen essen, auf einem schönen Tischset, in einer warmen Stube, als in die Abgründe zu schauen. Draußen auf der Straße, im Nachbarhaus, am eigenen Tisch. Wir hätten gerne, dass alles in Ordnung ist, sagte mein Ex- Professor Michael Haneke vor kurzem in einem Interview (und er sagte es auch oft im Unterricht), aber das Leben ist nicht so.

In den vergangenen Tagen passierte auf Twitter ein Vorfall, der mich an M. erinnerte. Und mich. Und die Kaunitzgasse. Und meinen Schlüsselbund. Twitter ist eine Mischung aus Schulhof, Betriebskantine und Club. Durch die Auswahl der Timeline kann man sich die anderen Gäste selbst zusammenstellen. Die vielen Clubs liegen nebeneinander in einem riesigen Zelt. Und manchmal bekommt man Ereignisse aus dem Club nebenan mit, auch wenn man nicht eingeladen ist. Nun wurden einige Kolleginnen anlässlich einer feministischen Veranstaltung in Wien, an der sie teilnahmen und/oder bewarben, mit sexuellen Gewaltdrohungen konfrontiert. Die Drohungen waren sehr explizite Vergewaltigungsfantasien, in denen sie auch namentlich erwähnt wurden. Im Mai dieses Jahres, als die Gräueltaten von Elliot Rodger noch präsent waren, hätten diese Drohungen vielleicht eine ganz andere Form von Aufmerksamkeit erfahren. Doch dieses Mal stand die Reaktion Einzelner, das verbale Ziehen des Schlüsselbunds im Fokus. Es wurde allseits verurteilt oder zumindest kritisiert anstatt über die Ursache zu diskutieren.  Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht von Straub-Huillet empfahl mir ein Freund auf Facebook an diesem Abend als Filmtipp.

Ich glaube nicht, dass es damals in der Kaunitzgasse eine gute Idee gewesen wäre, mich auf mein „schlechtes Benehmen“ anzusprechen. Erst recht nicht, wenn man die Tat des Mannes als solches nicht deutlich verurteilt hätte. Das große Zelt auf Twitter mit seinen vielen kleinen Clubs braucht keinen eigenen Safe Space. Der Safe Space, der sichere Ort, an dem man Unterstützung und Solidarität gegen jede Form von Gewalt erfährt, das sollten wir sein. All die vielen Twitterantinnen und Twitteranten in ihren unterschiedlichen Clubs.

Ich trage meine Schlüssel noch immer in meiner rechten Jackentasche. Und ich gehe noch immer gerne zu Fuß durch die Stadt. Auch nachts. Manchmal auch allein. Ich hasse jede Form von Gewalt. Psychische und physische. Und Straub Huillet sind nicht Chuck Norris. Aber in meiner rechten Tasche ist immer noch mein Schlüsselbund. Und ich bin bereit, ihn jederzeit hervor zu ziehen, wenn ich angegriffen werde.

 

 

3 thoughts on “Kein Ort. Nirgends?

  1. Mir ist mit 17 etwas ähnliches passiert. Ich fuhr mit dem Fahrrad nach Hause, auf einem kleinen Hügel in einem dunklen Park kam ich nicht ohne Schieben hinauf. Plötzlich griff mir von hinten ein Mann unter den Rock. Ich sah ihn nicht, schlug ihm einfach so fest ich konnte auf den Kopf. Er rannte davon. Ich hatte Herzrasen und war so aufgewühlt, dass ich fünf Minuten später nicht mehr wusste, ob das wirklich passiert war. Ich habe es auch niemanden erzählt. Vielleicht weil ich Reaktionen wie, wie sie deine Freundin erleben musste, nicht wollte. Vielleicht weil ich es lieber verdrängen wollte. Ich weiß es nicht.
    Ich kenne einige Frauen, die tatsächlich vergewaltigt wurden, alle von ihren „Freunden“ oder von Männern, mit denen sie freiwillig mitgegangen waren. Damals diskutierte man darüber, ob es überhaupt eine Vergewaltigung ist, wenn die Frau „Bereitschaft signalisiert hat“. Man diskutierte auch, ob eine Frau in der Ehe vergewaltigt werden kann.
    Diese Witze auf Twitter zeigen, dass viele in ihrer Wahrnehmung von Vergewaltigung noch nicht so viel weiter sind – „ist eh nur Spaß“, „was hat denn die, sie ist doch selbst schuld“ ist der Tenor.
    Es ist wichtig, dass darüber geredet wird.

  2. Pingback: Schädling | barbarakaufmann

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