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Der Tod riecht und er riecht nicht gut. Im Spätherbst lag eine tote Kröte im Garten und stank vor sich hin. Unter dem Laub, das wir zusammengerecht und dann vergessen haben. Das gute am Tod ist, er macht vieles obsolet. Gartenarbeit zum Beispiel. Dann war es eine Maus, die am Dachboden zwischen den Kisten voller Kindheit verendete. Kommen jetzt alle Tiere in unser Haus, um hier zu sterben? Vielleicht wissen sie, dass der Tod seit einem Jahr in der Familie und im Freundeskreis wütet wie ein alter Rocker, den man nicht mehr von der Bühne bekommt. Zugabe und noch eine Zugabe. The rule of three sagt meine Freundin und ich zähle durch und bin schon bei fünf.

Du musst mit jemanden reden, mit einem Profi, sagt meine Freundin. Naja, denk ich mir. Die letzte therapeutische Erfahrung war eine Paartherapie, deren Erfolg hauptsächlich darin bestand dass wir uns endlich mal wieder in einer Sache einig waren: wir hassten beide die Therapeutin inbrünstig. Als nach zwei Stunden voller nervenzerfetzender „Hagelstürmer und Igel“-Geschichten der Meine die Geduld verlor, mit seinem Zeigefinger auf die Stirn tippte und einem herzhaften „Wo samma, bitte?!“ den Raum verließ, wusste ich wieder warum ich mich in ihn verliebt hatte.

Du bist depressiv, sagt meine Oma. Sie weiß das, weil es in der ORF Nachlese eine Geschichte darüber gab. Also liest sie mir am Telefon den ganzen Artikel samt guter Tipps vor, natürlich nicht ohne bei jedem zweiten Satz zu betonen, dass es so was zu ihrer Zeit nicht gegeben hat. Depressionen. Da hat man einen Schnaps getrunken und hat einfach weiter gemacht. Ja Oma, sag ich folgsam und nehme wirklich einen Schluck Grappa, um den Rest des Telefonats zu überstehen.

Am übelsten nehme ich dem Tod ja, dass er mir mein Sozialleben ruiniert. Aus den originellen und angenehm oberflächlichen Posern in meinem Freundeskreis macht er plötzlich traurige Trinker, die nur noch Horrorgeschichten erzählen. K. zum Beispiel berichtet mir unlängst sehr detailliert von seinem Freund, der Lungenkrebs hatte ohne es zu bemerken. Und am Schluß waren die Metastasen schon im Kopf. Deshalb ist er dann zum Arzt gegangen. Wegen seiner Kopfschmerzen. Da war es natürlich schon zu spät für eine Therapie. Im November haben sie ihn begraben.

Nach solchen Geschichten träum ich in der Nacht, dass ich gestorben bin und Männer in schwarzen Kutten verteilen meine Knochen über einem abgeernteten Maisfeld. Dann wach ich auch und nehme die Kräutertropfen, die mir eine Homöopathin verschrieben hat. Die helfen zwar nicht, sind aber dafür rein pflanzlich. Also wandel ich nachts durch die Wohnung und bin in der Früh die erste beim Bäcker und dämmer den Rest des Tages so vor mich hin.

Du schaust aus wie ein Zombie, sagt mein ältester Freund. Davon wird jetzt auch niemand mehr lebendig. Geh ein bissl unter Leut. Ich ruf eine Bekannte an, die ich ewig nicht mehr gesehen hab und die von meiner Endzeitstimmung nichts weiß. Wir treffen uns zum Frühstück mit ihrem 5-Jährigen. Und weil ich wegen meiner nächtlichen Spukeinlagen hundemüde bin und trotz exzessiven Kaffeekonsums einfach nicht zu mir komm, taumle und stolper ich unsicher durch das Gespräch. Ständig abgelenkt und an etwas Anderes denkend. Als ich zum Kleinen sowas sagen will wie Na, Du kleiner Wichtel kommt stattdessen Na, Du kleiner Wichser aus meinem Mund und ich streichle ihm noch liebevoll über den Kopf. Ich fürchte, Mutter und Kind seh ich so bald nicht wieder. Sie hat zumindest seitdem nicht mehr angerufen.

Wer dafür dauernd auf meine Mailbox quatscht und meinen Posteingang zumüllt sind jene, die das Unglück lieben. Vorzugsweise das Unglück anderer Leute. Sie haben mir niemals gratuliert, wenn ich einen Preis gewonnen hab oder sich für mich gefreut, wenn mal was wirklich Tolles passiert ist. Aber sobald sie auch nur den Hauch eines Dramas in meinem Leben vermuten, sind sie dick da.

Wie geht es Dir denn? fragen sie mit Grabesstimme, um dann sofort nachzulegen: Das muss ja alles schreck-lich für Dich sein. Geschenkt. Ich bin bei der Candy Crush Saga in zwei Wochen immerhin um fast 50 Level weitergekommen. Erfolg ist immer nur eine Frage der Sichtweise.

Wenn Menschen sterben, die schon sehr alt waren, kann man es irgendwie akzeptieren. Wenn es Leute trifft, die immer unzerstörbar wirkten, ist es viel härter. Je näher sie deinem Geburtsjahr waren, desto mehr betrifft es dich. Also beschließ ich zur Gesundenuntersuchung zu gehen, alles durchchecken zu lassen. Wer weiß was in mir schlummert und unbemerkt wächst. Am Tag davor verschieb ich den Termin, weil ich es gar nicht wissen will. Also nicht jetzt. Vielleicht in ein paar Wochen.

Aber wenigstens mit dem Rauchen will ich aufhören. Zehn Tage geht es gut, in der Nacht des elften geh ich um drei Uhr früh zur Tankstelle, um mir eine Packung Zigaretten zu kaufen. Die Verkäuferin kennt mich. Ich komm regelmäßig während ihrer Schicht vorbei. Sie ist in meinem Alter und wir plaudern meistens. Über Filme und John Travolta und die Besoffenen, die sie in der Nacht belästigen. Als ich ihr erzähle, dass ich jetzt zehn Tage nicht geraucht hab, schüttelt sie den Kopf. Geh, überlegs dir. Nein, ich schaff es grad nicht. In ein paar Wochen dann, wenn ich zur Gesundenuntersuchung gehe, wenn ich endlich wieder besser schlafen kann, wenn alles wieder ein bisschen normaler wird. Wenn der Frühling kommt. Dann starte ich den zweiten Versuch. Na gut, sagt sie. Nimmt ihre Zigaretten und geht mit nach draußen. Wenn ich die erste rauch, dann will sie wenigstens dabei sein. Es wird dir sicher urschwindlig und dann kann ich dich auffangen, wennst fallst. Danke. Das ist alles, was ich jetzt brauch.

3 thoughts on “Fallen

  1. wow, so tolle texte!
    kennst du den musiker beks? der hat einen song der heißt „im fallen“ und dreht sich auch wunderschön um das thema.
    allgemein hat er sachen dazu. wenn du zeit hast dann hör mal „le grand ciratou“ an von ihm! wunderschön!

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