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Die Lehre aus dem Dschungelcamp 2014: schlag nach bei RTL

Nun ist das Dschungelcamp 2014 also überstanden und natürlich wissen Formatkenner: die Show ist keine Kinderjausn. Da wird so gekonnt auf der Klaviatur des kollektiven Sadismusbedürfnisses gespielt, dass auch der Bondage-Opa die Spreizstange für 15 Tage in der Ecke stehen lässt. Doch neben den gewohnten Ekelprüfungen, die gleichermaßen für Männer und Frauen eine Zumutung waren, blieb für Zuseherinnen ein schaler Nachgeschmack. Bekam man doch in diesem Jahr vor allem eines vor Augen geführt: die Würde der Frau ist antastbar. Traurigerweise im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Mittelpunkt der achten Staffel stand die aus Kärnten stammende Larissa Marolt – Schauspielerin und Nachwuchsmodel, Reality TV erfahren seit ihrem 16. Lebensjahr. In diesem zarten Alter nahm sie bereits an Heidi Klums Modelshow teil, in der Mädchen lernen dass der weibliche Körper nicht mehr und nicht weniger als ein Kriegsschauplatz ist. Wer ihn am effektivsten aufrüstet, gewinnt den Kampf ums Dasein.

Doch zurück in den Dschungel, in dem die Hauptaufgabe der Insassen diesmal zu lauten schien, die Widerspenstige zu domestizieren. So stellte sich die Gruppe Marolt mal kollektiv in den Weg als sie sich die Haare waschen wollte, hielt sie fest und entriss ihr das Handtuch. „Nein, jetzt nicht!“ Ein andermal als sie sich am Lagerfeuer nach dem Essen eine Zigarette anzündete anstatt wie von den anderen befohlen unverzüglich das Geschirr zu reinigen, nahmen ihr zwei Mitcamperinnen den zum Feuerzeug umfunktionierten Zweig aus der einen und die Zigarette – Mangelware im Dschungel – aus der anderen Hand. Nicht ohne den Glimmstengel danach zu Boden zu werfen und auszutöten. „Du gehst jetzt, verdammt!“ Die beiden Damen würden als Sittenpolizistinnen im Iran gute Figur machen. Eine davon sollte übrigens die Show am Ende gewinnen und später den richtigen Umgang mit Larissa folgendermaßen beschreiben: „Sie braucht ne harte Hand.“ Wenn eine Frau so etwas sagt, erzählt sie dabei auch viel über sich selbst.

Der Umgang mit Larissa geriet Folge für Folge immer mehr zu einem schaurigen Lehrfilm über Mobbing. Sie wurde pathologisiert („die is nich normal“) –  selbst in der Finalshow sagte die Gewinnerin in Anwesenheit der Moderatoren „Sie is als Kind mal aufn Kopf gefallen oder so.“ Es wurde direkt neben ihr über sie in der dritten Person gesprochen, als wäre sie ein Haustier das wahlweise Hilfe oder Züchtigung benötigt. („Wäre sie meine Tochter, ich wäre für die Wiedereinführung der Prügelstrafe.“) Ihre Verbannung diskutierte man ebenso offen und für die Betroffene gut hörbar („Das Beste für die Gruppe wär, sie wär weg!“) wie die Möglichkeit aus ihr Profit zu schlagen („Wenn das mein Kind wäre, ich würde es verkaufen“). Larissa kommentierte das Geschehen irgendwann mit einem sichtlich gequältem „Was soll ich dazu noch sagen?“ Das dachte sich wohl auch RTL  – und schwieg.

Schließlich gipfelte das Ganze in einem recht festen Stoß – je nach Medium als Attacke oder Schubser bezeichnet – , den ihr der Oldie unter den Campern verpasste, weil sie etwas Glibber an seinem Hemd abwischte. Er hatte sie in den Tagen zuvor bereits mehrfach bedroht und angebrüllt. Einmal mit vollem Mund, sodass ein paar Brocken gut eingespeichelte Bohnen direkt in ihrem Gesicht landeten. Als er sich bei einer Camperin erkundigte, ob er mit dem „Rempler“ vielleicht doch zu weit gegangen war, beruhigte diese ihn sofort. „Nee, nee, das war schon okay so.“ Wer nicht hören will, muss fühlen. Spätestens in dieser Szene kam einem der Gedanke einer Trash-Neufassung des Struwwelpeters beizuwohnen. Jener Fibel der schwarzen Pädagogik, die Pate zu stehen schien für den Umgang mit dem ungezogenen Kind.

Die Kärntnerin zog den Zorn ihrer Mitmenschen nicht etwa auf sich, weil sie besonders garstig zu ihnen war – tatsächlich hat sie als Einzige niemals ein böses Wort über die anderen verloren. Ihr Vergehen: sie passte schlicht nicht ins System. Anstatt sich konzentriert und ehrgeizig zu geben, war sie verpeilt und ahnungslos. Statt Toughness zu demonstrieren, kreischte sie aus vollem Herzen sobald sie eine Spinne oder anderes Getier erblickte. Sie stolperte häufig, war verträumt und ließ sich bei ihren Prüfungen Zeit. Damit desavouierte sie nicht nur die Grundregeln des Formats – sie stellte auch die Motivation der anderen bloß. Dieses Verhalten genügte der Gruppe, um alle Übergriffe auf sie zu rechtfertigen. „Sie hat einfach so ne Art, „ erklärte die Gewinnerin der Show, „die dich zur Weißglut treibt.“ Wer fühlt sich da nicht an Täter erinnert, die nach gewälttätigen Übergriffen die Schuld beim Opfer suchen.

RTL, ganz der verantwortungsbewusste Familiensender, gab dann auch nach dem körperlichen Übergriff auf das 21-jährige Mädchen bekannt, dass man dem aggressiven Mitcamper „die gelbe Karte“ gezeigt hätte. Um diesen kurz nach seiner Rauswahl unkommentiert in die laufende Kamera sagen zu lassen: „Ich hätte sie verprügeln sollen.“

Die diesjährige Staffel des Dschungelcamps verzeichnete Rekordquoten. Im Durchschnitt sahen an die 8 Millionen Menschen allabendlich die Show. Nun ist realistischerweise anzunehmen, dass unter den 8 Millionen Zusehern auch Familien waren, in denen Schläge noch immer als Teil der Kindererziehung gesehen werden. All die Schläger und Watschenverteiler können nun lächelnd auf die gewählte Königin der Show und ihren Befund über Larissa verweisen. „Siehste, wie sie sagt, du brauchst eben auch manchmal ne harte Hand wie die Larissa.“ RTL mit seinen wortgewandten Moderatoren fiel dazu wenig ein.  Bis auf ein gemurmeltes „hat mir nich so gefallen wie du da mit Larissa umgegangen bist“ ließen sie selbst in der Finalshow die Bilder der Attacken und Übergriffe kommentarlos stehen.

Auf Kritik reagieren die Macher der Sendung gerne, indem sie auf die Traumquoten verweisen. Bei 8 Millionen Zusehern wird Zusehen automatisch mit Zustimmung gleichgesetzt. Und wirklich fühlte man sich diesmal von Folge zu Folge unwohler als Beobachter. Als schließlich in der Finalshow die junge Frau neben ihre Peiniger gesetzt wurde und sich nicht nur all die Gehässigkeiten nochmal anhören („Ich steh dazu, wenn sie meine Tochter wäre, wäre ich für die Wiedereinführung der Prügelstrafe! Da steh ich zu!“), sondern auch die Legitimation der körperlichen Übergriffe auf sie durch die gewählte Dschungelkönigin ertragen musste, die ihr quasi die Schuld gab an all den Angriffen auf sie, in diesem Augenblick – ganz ohne Kakerlaken, Mehlwürmer oder verfaulte Eier im Bild – da war es wirklich Ekelfernsehen.

3 thoughts on “TV #1: Nachschlag

  1. Man kann zu der Sendung ja sehr unterschiedlicher Meinung sein, aber diese „Zusammenfassung“ hinterlässt einen falschen und überdramatisierten Eindruck.

    Insbesondere sollte man klarstellen, dass die Teilnehmer das *freiwillig* machen und jederzeit aussteigen können. Insofern ist ein Vergleich mit gezüchtigten Haustieren, potentiell misshandelten Kindern und Frauen im Iran unangebracht – die haben diese Möglichkeit nämlich nicht.

    Darüber hinaus sind das alles Medienprofis oder gar Schauspieler, die für ihren Auftritt in der Sendung bezahlt werden. Und je interessanter sie diesen Auftritt gestalten, umso mehr Sendezeit und Aufmerksamkeit bekommen sie.

    Man sollte auch bedenken, dass RTL dem Zuseher ja nicht den direkten Blick in das Camp bietet, sondern aus 24 Stunden Rohmaterial gezielt Szenen auswählt und daraus eine Dramaturgie aufbaut. Auf diese Täuschung lässt man sich halt bewusst ein, wenn man so eine Sendung schaut.

    Dass man daheim auf dem Sofa mit den Verhaltensweisen Einzelner nicht einverstanden ist – schön und gut. Aber es ist ja nichts neues, dass eine Situation, in der man eine Gruppe Menschen auf engem Raum über einen langen Zeitraum mit Nahrungsknappheit isoliert, nicht gerade das Beste im Menschen hervorbringt. Siehe „Herr der Fliegen“, „Das Experiment“ o.ä.

  2. Da ich keine Fernseher besitze bin ich bei allem was TV angeht auf’s Hörensagen angewiesen.

    Hier fallen mir einige Antworten ein:

    a) Die Show zeigt was gruippendynamik ist. Der Spruch „Einer ist immer der Arsch“ kommt nicjht von ungefähr. Viele Leute wissen wie wichtig es ist, nicht „Der Arsch“ zu werden und sich gleich zu Anfang gut in der Gruppe zu positionieren.

    b) Das Bespiel zeigt, dass unsere Erziehung nicht funktioniert. Rücksicht nehmen, schwächere Einbinden, fördern, aufgaben nach talent und persönlicher Neigung vertilen, Kamerdschaft, Zusammenhalt – alles leere Hülsen. Viele Menchen sind Tier geblieben, der Rest ist nur ein bischen Fassade.

    c) Abgesehen davon, dass das Format für idiotisch und die Vorgestellte Gruppendynamik für unmenschlich halte, muss ich sagen, die Leute melden sich ja freiwillig, und können sich vorbnereiten, seelisch und körperlich. Schlimm ist es wenn so etwas in einer echten Schicksalgemeinschaft passiert, wo es um Leben und Tod geht. Mein Mitleid mit Freiwilligen hält sich in Grenzen.

    Was hier über die Menschen aufgedeckt wurde könnte aber eine wertvolle Lehre sein – aber ehrlich, diejenigen, die hieraus Lehren ziehen sollten, sind nicht diejenigen, die darüber Nachdenken. D.h. das Format taugt auch nicht als abschreckendes Beispiel, weil verrohte Menschen das vermutlich sogar richtig finden, wie hier miteinander umgegangen wird, und diejenigen die es falsch finden, schon wissen wie es richtig sein sollte, also auch nichts mehr daraus lernen können.

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