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Seit dem Unfall von Michael Schumacher sind die Erinnerungen wieder da. Die Gefühle und Gedanken aus jenen Tagen im März, als nicht klar war ob mein Vater überleben würde oder nicht. Ein unglücklicher Sturz über die Treppe, der jedem passieren kann. Das verheerende Ergebnis einer Verkettung besonders blöder Zufälle. Er hatte sich ein paar Tage zuvor das Bein gebrochen und war auf Krücken unterwegs. Die Teppiche, die den Aufprall normalerweise gelindert hätten, in der Reinigung.

Die Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma, mehrere Einblutungen im Gehirn. Es folgten Notoperation, Intensivstation. Wochen des bangen Wartens, in denen auch die Spezialisten vor Ort keine Prognose abzugeben wagten. Man muss abwarten, sehen ob und wie der Körper auf die Behandlung anspricht. Zustand: kritisch. Das hört man deshalb so oft, weil Ärzte und Schwestern einem nicht unberechtigte Hoffnungen machen wollen. Außer Lebensgefahr ist relativ. Auch Wochen nach dem Unfall kann eine erneute Einblutung die Situation von einer Sekunde auf die andere rapide verschlechtern. Aus Tagen der Unklarheit werden Wochen und Monate. Eine schwere Kopfverletzung ist kein Arm- oder Beinbruch, dessen Genesungsverlauf absehbar ist. Als Angehöriger braucht man Geduld, Durchhaltevermögen und Toleranz sich selbst und anderen gegenüber, die verständlicherweise nicht wissen, was man durchmacht.

Schon kurz nach der Tragödie meinte ein Bekannter zu mir, es wäre vielleicht das Beste für uns alle, wenn mein Vater den Unfall nicht überleben würde. Man höre ja einiges von solchen Verletzungen. Die Menschen hätten beträchtliche Spätschäden und würden niemals wieder die Alten werden. Eine Belastung für Angehörige und Betroffene und am Ende stehe doch nur ein Leben für die Betroffenen, das nicht mehr lebenswert wäre.

Auch in diversen Onlineforen lese ich dieser Tage in Bezug auf die Verletzungen von Schumacher immer wieder Kommentare, die in diese Richtung gehen. Ein User schreibt zB Ich weiß nicht, ob ich Schumi gute Besserung wünschen soll oder lieber dass er es möglichst schnell hinter sich hat. Ein Anderer fragt sich, was nach dem Überleben einer so schweren Hirnverletzung kommt. Leben, okay, aber dafür gaga? Was bringt das?  Eine Frage, die übrigens auch Verwandte nach einiger Zeit recht offen stellen. Ohne große Rücksicht auf die Gefühle derjenigen, für die der Schwerverletzte ein Mensch ist, den sie lieben. Auch wenn er sie nicht mehr erkennt oder nicht mehr auf gewohntem Weg mit ihnen kommunizieren kann.

Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich  // Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.

Bert Brecht. Dreigroschenoper. 

Ein Angehöriger, der gepflegt werden muss, der sich nach einer schweren Kopfverletzung verändert hat, fordert einen heraus. Wer regelmäßig auf einer Intensivstation, in einer Reha-Klinik oder einem Pflegeheim zu Besuch ist, der muss sich jenen Seiten des Lebens stellen, die man so gerne verdrängt. Die aber auch das Leben sind. Der Zerbrechlichkeit des eigenen Körpers, der Vergänglichkeit von Erinnerungen, der Ohnmacht, weil man selbst nichts tun kann, der Sehnsucht nach einer Form von Glauben, die einen tröstet und schließlich der Trauer um vergebene Chancen, sich auszusprechen. Dem gegenüber steht aber auch die Freude, wenn der Angehörige das erste Mal die Augen öffnet und die ersten Worte spricht. Es verändert die Perspektive auf alles, es konfrontiert einen ständig mit der Endlichkeit des Lebens und damit mit sich selbst.

Die Reaktionen auf den schweren Unfall und der Umgang mit den Folgen sind allein in meiner Familie so unterschiedlich wie die einzelnen Familienmitglieder selbst. Ich versuche es so zu sehen, dass durch die Ereignisse eine neue Beziehung zu meinem Vater möglich wurde, die trotz der Umstände sehr schön ist. Im Sommer haben wir uns mal zwei Stunden an den Händen gehalten und gemeinsam aus dem Fenster in den Garten der Reha-Klinik geschaut. Das ist doch was. Aber ich bin auch manchmal ungeduldig und find mich nicht zurecht in dieser Zwischenwelt, in die er jetzt abgetaucht ist.

Ich würde gerne behaupten, dass ich durch alles, was geschehen ist, mehr zu mir selbst gefunden hab oder nun besser weiß, was wirklich wichtig ist. Das sind sehr schöne Sätze, die man in solchen Zusammenhängen oft liest. Nur treffen sie auf mich nicht zu. Die örtliche oder emotionale Nähe zum Tod hat nichts Mythisches. Sie lähmt manchmal, macht fast immer panisch, verleitet einen zu höchst unvernünftigen Dingen, aber sie macht einen nicht zum besseren Menschen. Ich fürchte, mich hat die Erkrankung meines Vaters in meinen Verhaltensweisen eher radikalisiert. Aber ich glaube ja, das wäre ihm ganz recht.

4 thoughts on “Kurzschluß

  1. Meine Mutter, Pflegefall Stufe 6, zuhause, ist am 3.Dezember verstorben, und hat mit schweren Schäden nach Schlaganfällen 17 Jahre gelebt, ohne volles Bewusstsein, aber immer das Gefühl vermittelt, dass sie Freude hat. Der Bruder eines Freundes ist seit 12 Jahren im Wachkoma und abwechselnd mit Schwester ist er fast jeden Tag einige Stunden in der Klinik – Ausfahrten mit Rollstuhl sind möglich!

  2. Hi liebe Barbara, Danke für deine Gedanken. Als Neurologin erlebe ich die ärztliche Seite, muß einerseits soviel Information wie notwendig und auch soviel Zuversicht wie möglich vermitteln. So oft liegen wir falsch mit unseren Prognosen, und wenn man nur einmal erlebt hat, wie positiv sich ein Patientin nach SHT oder Schlaganfall etc. erholt, versucht man, nur das positive zu betonen. Wie oft allerdings ein Verlauf ungünstig bis katastrophal verläuft, können wir auch nicht vergessen. In den seltensten Fällen ist irgendetwas eindeutig oder 100%. Manchmal ist es schwer, sich den Emotionen der Angehörigen zu stellen, ganz zu schweigen von den Patienten selbst , die am meisten Anrecht auf Aufrichtigkeit und Information haben. Und niemals würde ich mir anmaßen, ein Urteil über die Lebensqualität mit einer Beeinträchtigung abzugeben. Dies können ganz allein die Betroffenen, und deren Urteil fällt meist besser aus, als man als Außenstehender vermuten würde. Liebe Grüsse Martina

  3. ein sehr berührender text…ich glaube auch kaum, dass jeder durch so einen schicksalsschlag zu einem besseren menschen wird. vielleicht rüttelt es manche wach, aber viele wollen sich an diesen floskeln vermutlich einfach festhalten, um dem geschehen etwas wie einen „sinn“ zu geben.

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